Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1871)
- Date
- 1871-12-12
- Page
- Seite 1003 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1003 sich neben 65 katholischen und 33 evangelischen Schülern auch 21 jüdische, welche letztere Zahl bei einer Bevölkerung von 70 Familien eine anerlennenswerthe ist. Sie sind ohne allen Religionsunterricht. Eine frühere Eingabe der Gemeinde, diese jüdischen Schüler ebenso wie die katholischen und evangelischen in der Anstalt in der Religion unterrichten zu lassen, ward von der Zirgicrung zu Bromberg abschlägig beschiedcn. Der hiesige Rabbiner, Herr I. I. Abraham, empfand dieses traurige Verhältniß schmerzlich, und auf Anrathen des Directors der Anstalt, Herrn Dr. Sarg, in der Meinung daß die gesetzlichen Verhältnisse sich jetzt geändert hätten, vcranlaßte er den Vorstand, abermals ein Gesuch an das Provincialschulcollcgium zu Posen zu richten. Der an den Vorsteher Herrn E. Strelitz unter dem 24. Juli d. I. erflossene Bescheid lautete aber folgendermaßen: „Auf das uns in Gemeinschaft mit dem Herrn CorporationSvorsteher, E. Strelitz, eingereichte Gesuch vom 10. d. M. wird Ihnen mit Hinweis auf den S 11 und 12 Allgcm. Landrechts und den § 02 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 eröffnet, daß für den jüdischen Religionsunterricht die Syuagogengemeindcn selbst zu sorgen haben. Hiernach sind wir außer Stande, Ihrem Anträge auf Einführung des jüdischen Religionsunterrichts in dem dortigen Progymnasium und Festsetzung einer Remilneration für Sie zu willfahren." Königl. Provincialschulcollegium. Oi'stcrreichischungarische Monarchie. Wien, im November. Die hiesigen Blatter schreiben : Eine für alle hier lebenden fremden Israeliten wichtige Angelegenheit ist nunmehr in der Austragung begriffen. Bon jenen Angehörigen der mosaischen Religion, welche in Wien domiciliren. wird von der hiesigen Cnltusgemeinde auch die Eultnssteitcr eingehoben. Die Heimathsgemeinde der Betreffenden fordert aber zmneist ebenfalls diese Steuer, und läßt dieselbe durch den Wiener Magistrat idcr hierzu gesetzlich verpflichtet ist) und im Weigerungsfälle sogar im Exccutionswege eintreiben. Diese Procedur wurde nun einigen Israeliten, welche als Bahnbeamte rc. bedienstct sind, zu bunt. Sie bezahlten wohl die von ihnen geforderten Beträge, haben aber bei der k. k. Statthalterei Schrille unternommen, um eine principiclle Entscheidllng derselben in dieser Richtung zu provociren, „ob zwei Gemeinden von einer und derselben Person zu Eultuszwecken Beträge einzuheben auch fernerhin berechtigt sein sollen oder nicht." Aus Galizien, 26. Nov. lPrivatmitth.) Mein Artikel in Nr. 45 d. Ztg. hat in den hierländischen Kreisen Mißfallen erregt, wovor man allerdings nicht zu erschrecken braucht, denn die Kreise, in welche eiue Kundgebung der deutschen Journalistik dringt, wenn nicht etwa durch die „Neue freie Presse", sind sehr klein. Freilich wünschte ich, daß recht viele Thatsachen mich widerlegten; aber daran fehlt es eben. Daß in dem Kampfe um Deutschthum oder Polenthum besoilders die ältere Generation der gebildeten Juden mit dem Herzen auf Seiten des crstern steht, verkenne ich nicht, und zähle dazu alle Einsichtsvolleren. Aber vom Herzen bis zur Hand und bis zum Fuß ist ein weiter Weg, und als jüngst Brody bei dem Kaiser gegen die Polonisirung seiner Schulen petitionirte, hat es voll den übrigen Städten, namentlich auch von Lemberg, keine Nachfolge und Unterstützung erhalten. Bei der großen Masse aber ist auch die c'wilisatorische Einwirkung des Deutschthnms bis jetzt wenigstens ohne Belang geblieben. Wenn man hierfür einen Beweis fordern würde, so läge er in dem geringen Bedarf an' deutscher Literatur und deutschen Männern, welchen die galizischc Judenhcit hat. Lemberg ist die einzige Gemeinde, welche consequent einen deutschen Prediger, und zwar hintereinander drei Mal anstellte. Das traurige Geschick des ersten ist bekannt; der zweite verließ uns um einer andern Stelle willen; alle drei übrigens haben für die .Verbreitung deutscher Bildung keinen übermäßigen Eifer gezeigt. Wenn ich das Verzeichuiß des jüdischen Literatnrvereins durchmustere, so ist Krakau der einzige Ort, an ivelchem etwas Bedarf vorhanden ist; Lemberg steht mit 4 Exemplaren, Brody gar nicht darin, und so bleibt Tarnow allein übrig, wo eigenthümlicherweise ein „Ungenannter" dafür wirkt. Eine Bevölkerung, die so groß ist, wie die jüdische Bevölkerung des ganzen deutschen Reichs, begnügt sich also mit 35 Exemplaren. Nun will ich mit Niemandem um seines Geschmackes willen rechten, allein er darf doch auf einen bestimmten Geschmack Anspruch machen, wenn er denselben auch gar nicht bethätigt. Ich kann ans das Deutschthum meiner ga- 50