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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-12 · Heft 50 (12.12.1871) · p. Seite 999

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 50 (12.12.1871)
Date
1871-12-12
Page
Seite 999 (sequence 5)
Language
German
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999 Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 26. November. (Privatmitth.) 8. Wenn irgend ein Borwurf gerecht ist, den. man den heutigen Juden ulacht, so ist cs die furchtbare Lauheit, die selbst bei den wichtigsten Fragen, welche das Gemcindeleben auf das Tiefste berühren, man möchte sagen systematisch hervortritt. Es wird immer raisonnirt, immer getadelt; ein Jeder weiß Vorschläge zu machen, dies oder jenes zu verbessern; aber wenn es darauf ankommt, dieser oder jener Ansicht Geltung zu verschaffen, dann fehlen in der Regel alle diese klugen Leute. Bei dieser Lauheit, bei dieser unverantwortlichen Gleichgültigkeit, ist cs wunderbar, wie sich trotz alledem unser Gemeindeleben entwickelt hat lind das vorgesteckte Ziel erreicht. War es. früher anders? Das ist die Frage, die dem Correspondenten entgegen gehalten wird. Allerdings, antwortet derselbe. Versetzen wir uns in eine solche Versammlung auf Kahals Stub'. Der ganze Raum bis unten an der Eingangsthür ist mit den Mitgliedern der Gemeinde angefüllt. An Kahals Tisch sitzen die Parnaßim und der Neman. Man wußte allerdings Nichts von parlamentarischen Formen und eben so wenig von einer Geschäftsordnung. Es war ein wüster Lärm, ein furchtbares Geschrei. - Galt es doch einer Wahl von cs::» ■'>»! Es war eine Versammlung, die gewöhnlich mit einem Jnjuricnproceß endete; aber es war doch eine rege Betheiligung, weil es dem Gemeindewohle, dem Vesitzthum der Gemeinde galt. Ein Mitglied der Gemeinde zu sein, galt als Ehre, eine religiöse Pflicht war cs, zu den Lasten derselben beizutragen. v- -'nEr rrr. Der Gedanke, sich von der Gemeind zu trennen, war ein sündiger. Tie Orthodoxen heutzutage denken hierüber, anders. — Unsere heutigen Gemeindeversammlungen haben dieselben Ausgaben, nur die Formen sind moderner, würdiger und geregelter. Das Schlimme bei der Sache ist nur, daß die Mitglieder fehlen. Ein liberales Eomito von einigen zwanzig Personen beruft dieser Tage die Gesinnungsgenossen. Von den SOOO Gemeindcmitgliedern sind wenigstens 6000 liberal und mit dem religiösen Fortschritt innerhalb der Gemeinde einverstanden. Und dennoch sind nicht 200 zu der Versammlung erschienen. Ist das nicht ein schaudererregendes Verhältnis;? Die intelligentesten Persönlichkeiten stehen an der Spitze des Eomits's und dennoch eine sehr geringe Vethciligung! Man sieht und hört in diesen Versammlungen immer dieselben Persönlichkeiten, Makowcr, Bramm, Meyer; immer dieselben Kräfte, die mit der größten Energie für das Gemcindcwohl thätig sind. Präeis 7 Uhr sollte die Sitzung beginnen; aber es wurde nach acht, ehe einigermaßen der Saal sich füllte. Ein Herr Wolfs ervst'nete die Versammlung mit einigen Hanptpuncten der Geschäftsordnung, die genehmigt wurden. Herr Rechtsanwalt Makower wurde aufgcfordert, einen Bericht über die bisherige Thätigkeit des Vorstandes und der Repräsentanten zu erstatten. Er kam dieser Aufforderung mit einer Klarheit und Schärfe nach, die durch anhaltende BeifaÜSbczeugnngen anerkannt wurde. Es waren zwei Aufgaben, die er in diesem Berichte zu lösen hatte. Erstens, das Wirken des Vorstandes und der bisherigen Repräsentanten, und zweitens die Pflichten der zukünftigen Gemeindevertreter. Was das erstere anbctrifft, so beleuchtete er kurz die Rabbinerwahl des vr. Geiger und des Di*. Üngerleider: ein sechsjähriger Kampf, der durch Eouipromisse beendigt wurde. Freiheit ist nicht, meinte er, wenn die siegende Partei der andern den Fuß auf den Nacken setzt; vielmehr sei das Ziel der wahren Freiheit die Versöhnung, die durch Eompromisse herbeigeführt wird. Alle drei Rabbiner sind in ihren Grundsätzen einig, und er habe bis jetzt nicht gehört, daß durch diese Wahl, wie es anfangs schien, ein Bruch in das Gemeindeleben gekommen wäre. Es beschäftigte die Repräsentant.".: ferner das Gebetbuch. Diese Aufgabe trat an sic nach Beendigung des Synagogenbaues heran. Die Flüchtigkeit, mit der dasselbe bearbeitet wurde, ließ Mängel nicht vermeiden, und mit demselben wurden sie zur Orgel gleichsam gedrängt. Ihre Vorschläge wurden gut geheißen, und auch die Ansichten derselben werden immer einer sorgsamen Prüfung unterworfen, um jeder Partei möglichst gerecht zu werden. Wir sind Inden, und nicht unfehlbar, wir haben keine Geistlichen, unsere Rabbiner sind unsere Lehrer, wie das im Namen liegt. Wir sind deshalb immer bereit, unsere Jrrthümer einzusehen und die bcsiernde Hand anzulegen. Es wurde ferner als eine Pflicht erachtet, Ordnung, Anstand und Würde bei den Beerdigungen zu schassen. Die Alterversorgungsanstalt,

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