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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-12 · Heft 50 (12.12.1871) · p. Seite 998

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 50 (12.12.1871)
Date
1871-12-12
Page
Seite 998 (sequence 4)
Language
German
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908 ,,Ein Jude, der sich aus religiösem Drange laufen läßt, ist ein weißer Nabe. Die meisten nehmen die Taufe an, um damit irgend ein gutes Geschäft zu machen , und unter den Juden selbst werden die getauften Juden gehaßt. Eine Aera getaufter Juden bedeutet den votencirten Schwindel, bedeutet die Uebertragung des Schachers auf die heiligsten Interessen des Staates, bedeutet den Schwindel mit den politischen und religiösen Überzeugungen." *) Wir sehen davon ab, daß die „Politik" die Frage aufwirft, aus welchen Gründen sich Glaser und Unger hätten taufen lasten, und daß sie diese Motive als die schlechtesten und niedrigsten brandmarkt. Könnten doch diese beiden Männer entgegnen: „Nun, wir sind weiße Raben." Auch ist es nicht unsre Sache, zu prüfen, welchen Einfluß diese beiden Männer auf den Gang der Ereignisse in dem zerrütteten Kaiserftaate haben werden. Man hat daselbst bereits so viel mit strengen und laxen Katholiken und mit Protestanten experimentirt, daß am Ende nicht viel darauf ankommt, auch einmal mit „getauften Juden" es zu versuchen. Beide Männer, verhältnißmäßig noch in frühem Mannesalter stehend, müssen ausgezeichnete Fähigkeiten besitzen, da sie bereits einen so hohen Posten erreicht haben. Uns interessiren hier nur zwei Puncte. Zuerst, wie diese Blätter über die Motive sich auslasten, aus welchen die große Mehrzahl der getauften Juden ihre väterliche Religion verlaßt und zum Christenthum Übertritt, so daß ein getaufter Jude, der diesen Schritt aus Ueberzeugnng gethan hat, so selten^wie ein weißer Rabe sei. Es versteht sich, daß wir dies acceptiren. Freilich klingt dieses Geständniß etwas sonderbar aus dem Munde derer, die mit dem Klerus einen Strang ziehen und sich sonst so ultramontan geberden. Allein dadurch wird ja dieses Zeugniß nur um so gewichtiger, da es von treuen Freunden der Kirche ausgeht. Diese wüsten es am besten wissen, und man wird sich fragen, warum dennoch die Kirche in ihrem Bekehrungseifer nicht nachläßt, wenn er solche Früchte trägt — wenn man nicht wüßte, daß es der Kirche hauptsächlich um den Schein von Triumphen zu thun ist, und daß sie auf die Kinder und Nachkommen der Getauften rechnet. Freilich wird derjenige, welcher nach Gerechtigkeit strebt, zugeben, daß, so ver¬ *) Wir entnehmen diese Stellen der in Prag erscheinenden „Wahrheit", deren über die angeführten Stellen ausgesprochene Ansichten aber in mehreren Puncten wir nicht theilen. werflich jedes Motiv des Uebertritts außer der Ueberzeugung ist, doch auch hierin eine Stufenleiter besteht, deren Sprossen mehr oder weniger in die Tiefe führen. Doch dies zu untersuchen und festzusteüen ist am wenigsten unsre Aufgabe. Genug, das Judenthum hat den wahrhaften Triumph, daß seine ärgsten Feinde eingestehen, es werde nur höchst selten aus Ueberzeugnng verlassen, d. h. daß der Schatz seiner Wahrheiten so groß ist, daß seine Bekenner sich von der Wahrheit anderer Religionen nicht überzeugen können. Den zweiten Punct bildet die Behauptung der „Politik", daß „die getauften Juden den Juden verhaßt seien." Wir müssen den Ausdruck „verhaßt" entschieden zurückweisen, gestehen aber zu, daß sie den Juden abstoßend erscheinen. Wohl war in früheren Zeiten das Gefühl der Juden gegen die „Abtrünnigen" intensiver, noch dazu, da aus den Reihen der letzteren sehr häufig die Ankläger, Verleumder und Verfolger der Juden hervorgingen, da sie es waren, welche ihren Feinden Waffen in die Hand gaben, die sie durch Lug und Verdrehung vergiftet hatten. Einige solcher Subjekte hat es noch in unseren Tagen gegeben. Die Apostaten wollten sich bei ihren neuen Glaubensgenossen als Strenggläubige insinuiren, und trugen daher häufig nicht blos ihre neue Orthodoxie, sondern auch ihre Feindschaft gegen ihre alte Glaubensgenossenschaft sehr stark auf und zur Schall. Doch die Zeiten sind anders geworden, die Gemülher in allen Confessionen duldsamer, und so hat auch das Verhältniß der Juden zu getauften Juden einen großen Theil seiner Schärfe verloren. Bon Haß kann nicht mehr die Rede sein; aber ebenso natürlich ist es, daß die getauften Juden uns, stets unsympathisch sind und bleiben. Ihr Dasein an sich ist ein Widerfprucb, ein Gegensatz zu unfern heiligsten Gefühlen und zu unsrer Ueberzeugung. Hätte sich der Betreffende aus Ueberzeugung taufen lassen, so würde er uns immer als einem Jrrthum verfallen erscheinen; bei anderen Motiven müssen wir ihn der Verleugnung der Wahrheit, des Mißbrauchs des Heiligsten zeihen. Immer aber hat er absichtlich die Reihen seiner Glaubensbrüder verlassen und gegen sie gezeugt. Dies kann nicht anders als abstoßend wirken. Haß hingegen müssen wir jenen Parteien überlassen, welche aus der Religion, aus dem Bekenntnisse des GotteS der Liebe und des Rechts, die rothe Flamme des Fanatismus gemacht haben.

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