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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-12 · Heft 50 (12.12.1871) · p. Seite 997

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 50 (12.12.1871)
Date
1871-12-12
Page
Seite 997 (sequence 3)
Language
German
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997 streben will. Wie anders aber nun die wirkliche geschichtliche Kirche! Sie ist und bleibt ein Product der historischen Entwickelung, also der geschichtlichen Verhältnisse, der Ereignisse und der Leidenschaften, darum der Mangelhaftigkeit, dem Mißbrauch, der Entartung unterworfen, der Veränderung ausgesetzt und der Verbefferung bedürftig. Zeder Blick in die Geschichte, in die Kämpfe, in die Reihe der leitenden Persönlichkeiten bezeugt dies und stellt den Beweis für den steten Unterschied zwischen Religion, ideeller Kirche und wirklicher Kirche unzweifelhaft hin. Der Widerstand, sei er Angriff oder Abwehr, gegen die wirkliche Kirche ist also lange noch nicht gegen die ideelle Kirche und noch weniger gegen die Religion gerichtet; dies wäre nur der Fall, wenn er gegen ein Element der ideellen Kirche und Religion, wie es unleugbar in der wirklichen Kirche vorhanden ist, sich richtete. Gerade im Gegentheil wird ein solcher Widerstand zur Pflicht werden, wenn er Eld« mente der wirklichen Kirche betrifft, die der ideellen Kirche rmd der Religion widersprechen. Gerade um der Religion und des Bestandes der ideellen Kirche willen wird die wirkliche Kirche oder eine gewisse Partei in derselben nicht selten zu bekämpfen sein. Es verhält sich hiermit ganz so, wie mit dem Menschenthum, dem Staate der Zdee und dem wirklichen geschichtlichen Staate. Wer wird sagen können, daß der Staat mit der Sklaverei, der Leibeigenschaft, der Feudalherrschaft, der Bolksknechtung, der Tortur, den Privilegien und Zünften u. s. w. dem ideellen Staate und dem Menschenthum so entspreche, daß ein Angriff auf jenen, ein Widerstand gegen jenen den Staat und das Menschenthum bedrohe, gefährde, ja Umstürze? Nun, als jener mittelalterliche Staat noch bestand, haben diejenigen, welche an dessen Erhaltung interessirt waren, dies wirklich behauptet und sich als die Vertheidiger der heiligsten Interessen der menschlichen Gesellschaft hingesiellt. Ja, überall, auch wo auf gesetzlichstem Wege eine wesentliche Verbesserung des Staates beabsichtigt oder eine Usurpation beseitigt werden soll, wird man demselben Manoenvre begegnen. Hierauf kömmt es also an, den Gegnern mit der Klarstellung dieses Unterschiedes entgegenzutreten, und allgemein bewußt zu machen, daß es ein Trug ist, wenn die ganze bestehende Kirche mit all ihren geschichtlich gewordenen Institutionen sich mit der ideellen Kirche und mit der Religion selbst für identisch ausgiebt und diese letzteren für gefährdet und verletzt erklärt, wenn man ihre Auswüchsebekämpft; vielmehr muß man Allen zur Erkenntniß bringen, daß die Religion und die ideelle Kirche nur gewahrt und erhöht werden können, wenn aus der wirklichen Kirche die jenen nicht entsprechenden Elemente auSgeschieden werden. Je weiter diese Erkenntniß sich verbreitet, desto mehr fallen den Ultramontanen ihre gefügigen Mittel und Werkzeuge ab, und desto weniger werden sie sich der schwächeren Gewissen bemächtigen können. ES ist nun nicht unsere Aufgabe, dies weiter auszuführen; wir wollten nur andeuten, welches der eigentliche Kernpunct aller dieser Discussionen ist. Ja, ein besserer Zustand kann auf den Gebieten aller Religionen nur dann erst eintreten, wenn die Ueberzeugung allgemein wird, daß die Religion gesetzlich gewinnt und für die Zukunft sicher gestellt und ihre Wirksamkeit verstärkt wird, wenn die Mißbräuche, die sich im Laufe der Zeiten ihr angehängt haben, oder was an ihrer Erscheinung im Laufe der Zeiten und deren Veränderungen zum Mißbrauch geworden ist, ausgeschieden werden; daß es nicht wahr ist, die Religion werde durch die Beseitigung der Mißbräuche gefährdet, deren Fortbestand vielmehr der Religion zum Schaden und zur Gefahr wird. Auch bei uns Juden muß der Ruf jener beschränkten oder heuchlerischen Menschen verstummen: die Religion ist in Gefahr, wenn der geringste alterthümliche und veraltete Gebrauch oder Mißbrauch angerührt wird! Gerade das Gegentheil: die Religion ist in Gefahr, weil Mißbrauch, Auswuchs, abgestorbene Reiser an ihr unveränderlich bewahrt und festgehalten werden. In dem eben ernannten Ministerium für die cisleithanischen Länder Oesterreichs befinden sich zwei getaufte Juden, Dr. Glaser und Dr. Unger. Dies veranlaßt die czechischen Blätter, besonders die „Politik", sich so auszudrücken: für Oesterreich habe jetzt „die Aera der getauften Juden begonnen." Das genannte Blatt sagt u. A.: „Wenn getaufte Juden das Schicksal unseres Vaterlandes in die Hand nehmen und sich als die Träger einer Politik annonciren, welche eine Kriegserklärung ist an die Majorität der österreichischen Völker, dann hat man wohl ein Recht, nach den Motiven zu fragen, aus welchen dieselben zu Apostaten geworden, und dann ist es nicht mehr glcichgiltig, wenn solche Männer, die durch ihre religiöse Judisferenz beweisen, daß sie auch den Muhainmedanismus über sich geduldig ergehen ließen, lediglich um Carriere zu machen, mit ihrer Confession einen Hausirhandel betreiben." Und weiter: 50*

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