Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1871)
- Date
- 1871-12-05
- Page
- Seite 992 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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992 Nähe der Hauptkirche entfernen, sondern zugleich auch an einen Ort versetzen, an welchem ihnen jede nähere Berührung mit den Christen unmöglich gemacht sei. Diese Versetzung und Absonderung der Juden war dem Nach schon 1442 durch Kaiser Friedrich den Dritten besohlen worden, man hatte jedoch daS kaiserliche Gebot nicht befolgt. Im Jahre 1458 wiederholte Friedrich der Dritte seinen Befehl, und nun gehorchte der Rath. Von 1460 an wurde dann an der Herstellung einer neuen Judengasse gearbeitet, und 1462 mußte dieselbe von den Juden bezogen werden. Diese Gaffe hatte man in einer schwach bewohnten Gegend der Stadt angelegt und von den nächsten Christenhäusern auf eine solche Weise abgesondert, daß die Juden fortan wirklich in einem völlig abgeschloffenen Raume wohnten. Sie lag nämlich an der Grenze der Alt- und der Neustadt, auf einem Theile des ausgetrockneten Stadtgrabens, welcher um die Mauer der Altstadt lief. Auf der einen Seite war sie durch die alte Stadtmauer von den Häusern der Altstadt abgesperrt, auf der anderen aber hatte man sie von denen der Neustadt dadurch geschieden, daß auch dort'eine Grenzmauer erbaut worden war. Sie hatte drei Eingänge, einen an ihrem Anfang, einen anderen an ihrem Ende und den dritten in ihrer Mitte. Die beiden ersteren vermittelten den Verkehr mit der Neustadt, der letztere den mit der Altstadt. Die Juden hatten, als der Rath die Erbauung dieser Gaffe beschloß, Alles aufgeboten, um ihre Vertreibung aus ihren bisherigen Wohnungen abzuwenden. Sie hatten 1460 in einer Bittschrift an den Rath vorgestellt: in der neuen Judengaffe seien sie durch die alte Stadtmauer von den Bewohnern der Altstadt so sehr geschieden, daß diese ihnen, wenn sie Hülfe bedürften, dieselbe nicht leisten könnten, während auf der anderen Seite nur solche Leute wohnten, welche wie die Gärtner den Tag über auf dem Felde oder im Walde beschäftigt seien; die Juden seien aber schon in der letzten Zeit auf denjenigen Straßen, in welche die Thore der Judengasse führten, oft mit höhnenden Zurufen uvd^mit Steinwürfen verfolgt, ja manchmal sogar mit Schlägen bedroht worden; wie viel mehr würde dies erst dann der Fall sein, wenn sie künftig bei allen ihren Geschäften durch jene Straßen gehen müßten; außerdem würden sie, in einer so abgelegenen Gegend zur Zeit der beiden Messen hülflos der Mißhandlung oder Plünderung der vielen anwesenden Fremden preisgegeben sein. Am Schluffe ihrer Bittschrift hatten sie das Anerbieten gemacht: sie wollten, damit der Hauptgrund für ihre Vertreibung aus der seitherigen Judengaffe wegfalle, den der Kirche gegenüber befindlichen Ausgang zumauern laffen, und sich künftig mit dem, welcher auf der entgegengesetzten Seite liege, begnügen, auch rings um ihr bisheriges Quartier eine hohe Mauer, ja sogar hinter derselben noch eine zweite ausführen lassen, sowie bie in der Nähe der Kirche stehenden Häuser verkaufen und sich dafür auf der entgegengesetzten Seite Wohnungen miethen, und endlich noch sich gefallen laffen, daß auch dort der Zugang zu ihrer Straße verschließbar gemacht werde. Alle diese Vorstellungen und Anerbietungen fruchteten nichts; es blieb bei dem gefaßten Beschluffe, und die Juden mußten 1462 in die neue Judengaffe wandern, welche gleich Anfangs Neu-Aegypten genannt wurde, weil die gezwungene Niederlaffung in ihr die Juden ebenso als Knechte der Christen bezeichnet, wie ihre Vorfahren einst' Knechte der .Aegypter gewesen waren. Uebrigens waren die Wohnhäuser der neuen Gaffe auf Kosten der städtischen Behörde erbaut worden, und diese hatte ebenso auch eine Synagoge, ein kaltes Bad, ein Tanzhaus und ein jüdisches Wirthshaus errichten laffen, wogegen aber alle bisherigen Gebäude der Juden städtisches Eigenthum wurden. Die Juden mußten von den ihnen eingeräumten Häusern, welche ihnen keineswegs als Eigenthum übergeben worden waren, einen jährlichen Zins an die Stadtcaffe entrichten. Erst hundert und fünfzig Jahre später wurden die Häuser der Judengaffe für Eigenthüm ihrer Bewohner erklärt, jedoch nur die Gebäude selbst, nicht auch der Grund und Boden, auf welchem dieselben standen, weshalb bis in die neueste Zeit statt des früheren Hauszinses ein Grundzins entrichtet werden mußte. Doch hatten schon von 1465 an alle neuen Bauten auf Kosten der Juden selbst gemacht werden muffen. Uebrigens kommen im alten Frankfurt drei Judengaffen vor, die beiden bereits erwähnten und diejenige Gaffe, welche jetzt „hinter der Judenmauer" heißt, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aber den Namen „die Judengaffe in der Neustadt" trug. Juden wohnten nicht in derselben. Sie hatte also nicht, wie die beiden anderen Judengaffe», hiervon ihren Namen erhalten. Es läßt sich für diesen kein anderer Grund ausfinden, als daß die Gaffe eine Strecke weit am alten Begräbnißplatz der Juden vorbeiging. Die in den Jahren 1460 — 1462 erbaute Judengaffe ist 334 Jahre lang, also bis in unser Jahrhundert hinein, der alleinige Wohnort der Frankfurter Juden geblieben. Abzurechnen sind hiervon nur wenige Jahre, in welchen die Juden oder doch ein Theil von ihnen einige Male wegen Feuersbrünsten und einmal wegen ihrer Bertreibung aus Frankfurt nicht in der Judengaffe wohnten. Erst nach dem Bombardement der Franzosen, welches 1766 einen Theil der Judengaffe einäscherte, erhielten einzelne Juden die Erlaubniß, auch außerhalb derselben wohnen zu dürfen. Es war dies der Anfang ihrer Entfesselung vom alten Druck, welcher 1804, also noch in der reichsstädtischeu Zeit, auch die gänzliche Aufhebung des Leibzolles und Brückengeldes, welches Beides sie bis dahin hatten entrichten muffen, nachfolgte. Dagegen waren sie noch 1807, als bereits Fürst Primas regierte, vom Besuche der Kaffeehäuser ausgeschlossen; ein Verbot, mit welchem allerdings der Umstand harmonirte, daß noch 1795 die Vorsteher der Judengemeinde einen Bann aus diejenigen gelegt hatten, welche ihre Kinder