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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-12-05 · Heft 49 (5.12.1871) · p. Seite 984

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 49 (5.12.1871)
Date
1871-12-05
Page
Seite 984 (sequence 10)
Language
German
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984 nommen hat. Die Palme in der Generaldebatte am 23. d. hat unstreitig der bayrische Cultusminister Herr von Lutz sich errungen, und wir wüßten keinen Minister des Contiuenis zu nennen, der mit gleicher Offenheit, Entschiedenheit und Gründlichkeit in einer so schwierigen Frage vorgegangen wäre. Wir bekennen, daß es geradezu eine Ehre für Deutschland ist, einen solchen Staatsminister in seinem Schoße zu haben, der so freisinnig, unumwunden und tapfer auftritt und sich selbst eonsequent bleibt. Aber auch Ehre dem Könige, der einen solchen Cultusminister gewählt hat und aufrecht erhält. Aus seiner Rede mag hier nur ein Satz angeführt sein. „Kein Staatswescn hat Bestand, in Welchem zwei Regierungen neben einander bestehen, noch viel weniger dann, wenn diese beiden Negierungen sich unter einander bekriegen, wenn die eine Regierung Dinge empfiehlt und durchzuführen sucht, welche die andere Negierung als verwerflich bezeichnet. In einem solchen Staatswesen muß nothwendig alle Autorität zu Grunde gehen. Die Achtung vor dem Gesetze wird verschwinden, das Ansehen der Verwaltung aufhören, alle Grundlagen der öffentlichen Ordnung werden erschüttert. Besser keine Negierung in einem Lande als deren zwei! (Sehr wahr!) Ein solcher Zustand, wie derjenige ist, von dem ich mir so eben zu sprechen erlaubt habe, findet sich aber sehr leicht in denjenigen Staaten, deren Bevölkerung der Mehrheit nach, wenn auch nur vorübergehend, den Einflüssen der römischen Kirche Preis gegeben ist. (Bravo!) In solchen Staaten bestehen in Wahrheit zwei Regierungen neben einander, und wenn die weltliche Negierung der kirchlichen sich nicht einfach unterwirft, stehen sie gegen einander. So ist es nicht bloß dann, wenn eine Negierung kirchenfeindlich, wenn sie trotz der größten Achtung vor der wahren Religion, trotz offenkundiger Ncligionsfreundlichkeit nur danach strebt, den Rechten verschiedener Confessionen Geltung zu verschaffen." Diese letztere Bemerkung genügt, um zu zeigen, wo auch wir unseren unerbittlichen Feind zu suchen haben. Breslau, 24. November. Herr Seminardirector Z. Frankel hat zu seinem 70-jährigen Geburtstage nachträglich den rothen Adlerorden IV. Classe als eine wohlverdiente Auszeichnung erhalten. Danzig, 20. November. (Privatmitth.) Was in d. Bl. seit Jahrzehnten gepredigt worden, daß jede Beschränkung der Glaubensfreiheit, gegen die eine Confcssion geübt, sich bald an der anderen rächt, hat sich einmal wieder in diesen Tagen auch hier bewährt. Man hat in Preußen den engherzigsten confessionellen Geist von Staatsseiten zu sehr gepflegt, als daß er nicht seine Spitzen jetzt auch gegen die Protestanten richten sollte. Man hat keinen jüdischen Lehrer auch nicht für Rechnen, Schönschreiben, Mathematik, Naturwissenschaften u. dgl. anstellen wollen. Nun höre man, was hier geschehen und worüber die D. Z. berichtet. „In dem in der Vorstadt Altschortland gelegenen Schulhause befinden sich zwei Classen für die Kinder evangelischer und zwei Classen für die Kinder katholischer Confession. An den letzteren ertheilte bis zum 1. November den Unterricht in der weiblichen Handarbeit die Frau des katholischen Lehrers Schulz. Da dieselbe mit dem 1. November die Crtheilnng dieser Stunden aufgab, so ersuchte der Magistrat die Frau des in demselben Hause wohnenden evangelischen'Lehrers Grcinert, welche dazu qualificirt ist, diesen Unterricht zu übernehmen, und machte davon dem Schulinspector Herrn Pfarrer Schwalm Anzeige. Dieser fand die Thatsache, daß die Frau eines evangelischen Lehrers den Zöglingen einer katholischen Schule in weiblichen Handarbeiten Unterricht crtheilen sollte, so unerhört und so ungehörig, daß er sich in die Schule begeben und den Kindern und Lehrern erklärt haben soll: diese Anordnung des Magistrats könne wohl nur auf einem Mißverständnisse beruhen , und er müsse .daher sofort die Kinder von den Handarbeitstunden so lange befreien, bis der Magistrat für die Anstellung einer katholischen Lehrerin Sorge getragen habe. Eine ähnliche Erklärung soll der Herr Pfarrer an bcu Magistrat geschickt haben." Dies ist das neunzehnte Jahrhundert — aber man hat es nicht anders gewollt. Aus Hessen, im Nov. (Privatm.) Die „Augsb. Postztg." enthielt einen Artikel, in welchem aus einem judengehässigen Schmachbuche, das 1859 unter dem falschen Namen „Jtzig Feitel Stern" erschienen ist, erwiesen werden sollte, daß nicht die Jesuiten, sondern die Juden ftaatsgefährlich seien und die gesellschaftliche Ordnung untergrüben. Es ist dies jetzt ein beliebtes Manoeuvre der Ultramontanen, wie ja auch in d. Bl.

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