Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1871)
- Date
- 1871-12-05
- Page
- Seite 977 (sequence 3)
- Language
- German
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977 Saßen wir im Nathe der Großen? Konnten wir einen abwehrenden Einfluß üben und thaten es nicht? Was thaten wir? Wir streckten.den Glaubensbrüdern in Elsaß-Lothringen brüderlich die Hand entgegen; wir sagten: da uns die Vorsehung zu Bürgern eines Staates gemacht, lastet uns als Juden geeinigt sein, und da doch unleugbar die elsässtschen Juden ihrer Abstammung nach zu den deutschen Juden gehören, heget keinen Haß, keine Leidenschaft, wenn auch die Trauer über die Trennung von Eurem bisherigen Vaterlande eine sehr gerechte ist. Wir glauben, in allein Diesem ist nur das enthalten, was die Religion vorschreibt, was die lauterste Sittlichkeit fordert. Wir wußten auch im Voraus — denn so viel Menschenkenntniß wird man uns Zutrauen — daß unser Friedenswort lange Zeit keinen Anklang, vielmehr Mißachtung und Schmähung finden werde. Dies hielt uns aber keinen Augenblick ab, unsre Pflicht zu thun, und das Wort jüdischer Bruderliebe hören zu lasten. Jeder Schritt, den die deutsche Regierung in den annectirtcn Provinzen ganz besonders zur Erhaltung der Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung thut, erfreut uns im Grunde des Herzens, und wir suchen ihn, soweit dies uns möglich ist, zu fördern. Wo ist also hier eine Ersolgdienerei enthalten? Rur Vorurtheil, nur Verkleinerungösucht vermag solches herauszufinden. Doch das ist es eben. Nicht seit gestern erst find die deutschen Juden Gegenstand der Verdächtigung und Anschuldigung. Seit einem Jahrhundert arbeiten und ringen sie unermüdlich nicht bloß etwa für ihre staatliche Emancipaüvn, sondern noch mehr für die geistige Erhebung des Judenthums, für dessen Aufrichtung aus dem mittelalterlichen Schutt und für seinen wissenschaftlichen Neu- und Ausbau. Daß ihnen dafür Dank und Anerkennung auöbleibt, will nichts sagen, das ist einmal der Gang der Welt. Aber daß statt dessen die deutschen Juden von ihren anderweitigen Glaubensgenossen dafür noch dazu angefeindet werden, ist eine traurige Erscheinung. Wir könnten nun den Spieß umkehren; wir könnten fragen, ob gerade unsre Glaubensgenossen in Ungarn berechtigt seien, ihre deutschen Brüder der „servilen Erfolgdienerei" zu zeihen, die ungarischen Juden, die Jahrhunderte lang in ihrem Deutschthmn ruhig einherwandelten und erst, als das Magyarenthum endlich in die Höhe kam, sich plötzlich in solche Magyaromanen umwandelten, daß sie eine Zeit lang ihre sämmtlichen deutschen Lehrer fortschicken und ihre Schulen darüber verwaisen lassen wollten? Doch wir wollen dies nicht weiter verfolgen, um nicht unsrerseits die Spaltung zu vergrößern, die man den deutschen Juden gegenüber jetzt von allen Seiten sich öffnen sieht. Sehen wir in der Geschichte nach, so erkennen wir, daß im Laufe derselben nur zwei Theile des jüdischen Stammes sich in den Völkern nationalisirt haben, unter denen sie lebten: die spanisch-portugiesischen und die deutschen Juden.' Bis noch vor kurzer Zeit haben die spanischen Juden in Hofland und England spanisch geschrieben, und im Orient sprechen sie noch heute ihr Spanivlisch. Die deutschen Juden schufen sich bereits vor einem Jahrtausend einen jüdisch-deutschen Dialekt, in welchem sie deutsche Wörter durch hebräische Endungen und hebräische Wörter durch deutsche Vor- und Nachsylben, bisweilen durch hebräische und deutsche Endungen zugleich sormirten, und wohin das Schicksal sie vertrieb, nahmen sie ihr Deutsch mit sich. Die Natioualisirung der holländischen, dänischen, schwedischen, ungarischen rc. Juden ist eine junge, die rasche * Fortschritte bei ihnen macht, es aber nicht wagen darf, den deutschen Juden ihre Nationalität vorzuwerfen oder verdächtig zu machen, die denselben bereits seit einem Jahrtausend ins Blut übergegangen und die sie so oft mit ihrem Blute durchtränken mußten. Unsre elsässischen Brüder mögen nun in der nächsten Zeit, welchen Weg sie wollen, einschlagen, was sie für das Räthlichste halten, thrssi — daß sie gegenwärtig wieder zu Deutschland gehören, trotz alledem an sich Deutsche sind, zeigen sie, sobald sie sprechen; denn selbst diejenigen unter ihnen, welche französisch sprechen, verrathen durch ihren Accent, daß sie eigentlich von deutschem Ursprünge find. Nun, wir hoffen auf zwei Momente, welche diese zwecklosen Streitigkeiten vergessen machen werden; zuerst die Zeit, die alle Leidenschaften abkühlt und bei den Völkern schnell mit den Gegenständen ihrer Aufmerksamkeit und Erregung wechselt; zweitens die unverwüstliche Brüderlichkeit und Solidarität, welche in die Seele des jüdischen Stammes gesenkt ist, und alle derartige kleinliche Rancunen mit einem Federstriche der Vergeffenheit anheimgiebt. Lom Sinai bis Csra. i. Außer dem pentateuchischen Gesetze haben wir ein anderes schriftliches, daS tatmudifche, dessen Niederschrift, 49*