Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1871)
- Date
- 1871-12-05
- Page
- Seite 976 (sequence 2)
- Language
- German
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976 reich so tief fallen sollte, daß eS seine Stelle in der europäischen Staatensamilie völlig verlieren sollte, was übrigens niemals zu befürchten steht, so lange Frankreich seine alte Regeuerationßkraft behält. Wir wissen sehr wohl, daß Frankreich nach dem Vorgänge Nordamerika's die Menschenrechte 1759 proclamirte, drei Jahre später auch nach dem Beispiele Nordamerikas den Juden das Bürgerrecht ertheilte, daß, wohin die französischen Heere kamen, diese Gleichstellung der Juden miteinzog, z. B. in Deutschland in das Königreich Weftphalen, daß Frankreich 1830 zurrst auch die Gleichstellung der Culte verwirklichte, und daß es endlich bei mehrfachen Gelegenheiten für die unterdrückten und verfolgten Juden in anderen Ländern mit seiner Autorität eintrat. Wir wissen dies und wissen auch dem französischen Genius dafür Dank. Dies kann uns selbstverständlich nicht abhalten, die geschichtliche Wahrheit unverstellt zu erhalten. Derselbe Napoleon, der das Sanhedrin berief und den jüdische Schwärmer fänden Messias hielten, belegte 1505 die Juden in Elsaß und Rheinland mit einer Art Jnterdict; Ludwig Philipp zeigte den Schweizern gegenüber, als sie seine jüdischen sranzösischcn Staatsbürger aus ihrem Lande verbannten, nicht die Festigkeit wie Holland und Nordamerika, und ließ die Herren Thiers und Rattimenton in Damaskus die unschuldigen Juden verfolgen und ein mittelalterliches Wahngebilde im Oriente heimisch machen mit langen traurigen Folgen; Napoleon 111. erhielt mit seinen Bajonetten die päpstliche Herrschaft aufrecht, ohne ein wirksames Wort für die 5000 im Ghetto schmachtenden Juden zu erheben, deren Fesseln erst mit dem Sturze der französischen Macht sielen. Diese geschichtliche Wahrheit verpflichtet uns auch, nicht minder einer Nation Dank zu wissen, welche das Große und Gute mit geringerem Geräusche und mit nicht minderem Nachdrucke thut. Wir meinen die britische Nation, sie, die mit großen Opfern den Hauptimpuls gegeben, die Sklaverei aus der civilistrten Welt hinwegzuschasfen. Bon dem Augenblicke an, wo unter dem Protector Cromwell die Juden wieder nach England zurückkehren konnten, bestand für sie daselbst factisch keine bürgerliche Beschränkung mehr, mit Ausnahme für solche öffentliche Aemter, deren Uebernahme an ältere überkommene Eide gebunden war, welche letzteren erst abgcschasst werden mußten, wozu sich die Engländer freilich nur langsam entschließen. Schon 130 Jahre lang genossen die Juden am Strande der Themse wenigstens alle bürgerlichen Freiheiten, die freie Niederlassung, den freien Gewerbebetrieb, die freie Neligionsübung, während am Ufer der Seine kaum ein halbes Dutzend mit Specialerlaubniß des Königs sich aufhalten durften, und in ganz Frankreich sie von allen Zünften und Privilegien ausgeschlossen waren. Auch die englische Negierung hat sich überall der Unterdrückten und Verfolgten angenommen, und nachdrücklich für die Juden in Konstantinopel, Kairo, Marokko, Persien u. s. w. gewirkt. So spricht die Geschichte, und wir werden überall, wo wir Menschlichkeit und Recht geübt sehen, dankbare Anerkennung spenden und uns tief erregt fühlen, wenn ein bedeutender Factor der Civilisation, wer es auch sei, schweren Verlust erfährt und in einen Schwächezustand geräth. Die Vorwürfe aber, die den deutschen Juden gemacht werden, erscheinen uns, auch bei der kältesten Prüfung, völlig ungerechtfertigt. Was haben die deutschen Juden gethan? Als ihrem Vaterlande ohne jede Provocation ihrerseits der Krieg erklärt wurde, die feindlichen Heere mit ihren Turko's, Spahi's, Zephyrs u. s. w. gegen seine Grenze heranrückten und wir auf dem linken Rheinufer jeden Tag diese Unholde in unsren friedlichen Gauen erwarteten; als Jedermann sich bewußt war, daß die Siege der Feinde nichts Anderes als eine Ueberschwemmung durch dieselben, eine Zerstückelung unsres Staates und theilweise Losreißuug vom Vaterlande, eine tiefe Erniedrigung unsres Deutschlands bedeuten würden — da entflammte die Begeisterung für das Vaterland auch jedes jüdische Herz in den deutschen Marken, die deutschen Söhne Israels ergriffen neben ihren Mitbürgern mit gleichem Muth und Feuer die Waffen, wir Alle brachten mit gleicher Freudigkeit alle tnöglichen Opfer und freuten uns der großen Siege mit denselben Hochgefühlen. Nun, konnten wir anders? wäre es anders möglich gewesen? sollten wir etwa stumpf und entnervt dem weltgeschichtlichen Schauspiel zusehen, an welchem wir mit unsrem Herzblute betheiligt waren? oder sollten wir etwa, weil uns die Franzosen einige noch mangelhaft gewährte Rechte bringen würden, ihnen den Sieg wünschen? Wäre das nicht eine Anbetung des Erfolges gewesen, wie sie nur in den gemeinsten Seelen leben kann? — Man sagt aber: Deutschland habe seine Siege im Uebermaße benutzt, und Frankreich in ungerechter Weise zweier Provinzen beraubt und mit ungeheuren Kriegsschulden belastet. Wir wollen hierüber nicht noch einmal streiten. Aber was haben die deutschen Juden damit zu schaffen? Wurden wir etwa darum befragt?