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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-28 · Heft 48 (28.11.1871) · p. Seite 957

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 48 (28.11.1871)
Date
1871-11-28
Page
Seite 957 (sequence 3)
Language
German
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957 andere Gesichtßpunct ist folgender. Wenn ein furchtbarer Sturm der Elemente vorübergegangen, so fühlt sich der Mensch herausgeschreckt aus dem Gefühle der Sicherheit und Ruhe; er erkennt die Schutzmittel an, die ihn vor der Vernichtung bewahrt und die Schrecknisse des Naturkampses gemildert haben, und sein Sinnen geht darauf, sich diese Schutzmittel zu sichern, sie sich zu vermehren und zu erhalten. Ist dies nicht natürlich? Kann man ihm daraus einen Borwurf machen? Deutschland sah sich von seinen Nachbarn mitten im Frieden, ohne eine wirkliche Veranlasiung gegeben zu haben, mit Krieg überzogen, seine Existenz bedroht, seine Grenzen der Ueberfluthung ausgesetzt; die Gefahren, die mit einer Niederlage für das Ganze und für jeden Einzelnen, verbunden gewesen wären, waren ihm bewußt — wie sollte eS die gewaltige Machtconcentration nicht anerkennen, welche diese Niederlage von ihm abgehalten, diese Gefahren beseitigte, diese Verluste verhütete und sie in Sieg und Triumph verwandelte? Wie sollte es nicht sich willig finden lassen, dieses gewaltige Schutzmittel zu erhalten und zu stärken? 2hm daraus einen Vorwurf zu machen, von ihm zu verlangen, aus anderen Principien heraus sie zu schwächen oder gar aufzulösen, das hieße doch die Natur des Menschen gänzlich verkennen, das hieße geradezu etwas ThorichreS und' Unnatürliches von einer Nation fordern! — 3a, selbst das, was man von dem besprochenen Standpuncre ans den Dentschen am meisten verwirft, die Annexion von Elsaß-Lothringen, ohne daß das Princip, die Volksftämme bei solchem Lorgange über ihren Willen zu befragen, mehr als von wenigen Einzelnen dagegen geltend gemacht worden — selbst dies ist noch keine Erfolgdicnerei. Denn ganz abgesehen von den geschichtlichen und nationalen Momenten, so bedeutend diese auch sind, verlangt cs die Sicherheit Deutschlands gegen einen so unruhigen und angrissslusiigen Nachbar, die offene Grenze in eine feste, wohlverwahrte Position zu verwandeln. Die Politik ist also realistisch. Aber ist sie ein Realismus ohne 3dee und Ideal? Sicher nicht. In der Beschäftigung mit ihr liegt zunächst das Bewußtsein, daß der Einzelne Glied des Staates, ja der gesammten Menschheit ist, und daß das Individuum nach vielfachen Richtungen in das große Ganze aufgehen müsse, ja aufgehe. Ferner liegt bei jedem politischen Urtheil, wie es auch beschaffen sei, ein Rechtsgedanke oder doch ein Rechtsgesühl zu Grunde, und giebt ein Ideal, welcher Art es auch sei, den Maßstab für das Urtheil ab. So und so sollte es sein, so und so muß es werden, und hiernach richtet sich die Vorstellung und die Beurtheilung dessen, was vorgeht. Die Politik ist daher ein Realismus, der so recht auf Ideen und Idealen ruht, von ihnen durchdrungen und beherrscht wird. Auch giebt uns die Geschichte Beweise dafür, daß eine begabte Nation mitten im politischen Treiben rein idealen Objecten, wie Wissenschaft und Kunst, durchaus nicht abgewendct ist, sondern Bedeutendes zu leisten vermag. Das oligarchifche Sparta, in welchem die zwei Könige und die Ephoren die ganze Politik betrieben, das übrige Volk nur Soldaten und Arbeiter war, hat nichts Anderes geleistet; während das athenische Volk, gerade in seiner demokratischen Zeit, wo also das gesammte Volk vorzugsweise an der Politik betheiligt war, Kunst und Wissenschaft zu einer Höhe entwickelte, welche hervorragen wird, so lange die Menschheit besteht. Freilich bleibt die Politik von der Erörterung abstracter Fragen fern, und 'sie vermag mit dem bloßen Ideale, mit dem tnehr durch die Phantasie als durch die Combinationen des Verstandes geschaffenen Iveale nichts anzufangen. Dafür giebt sie aber die Anwendung unserer Geistesfähigkeiten auf die realen Gegenstände; dafür sind sittliche Mächte und eine versittlichende Kraft in ihr vorhanden, die sich, in der Gesammlheit der Menschen durch die Politik allmälig verwirklichen, wie denn auch im Mosaismus Erkeuntniß, Sittlichkeit und Politik der Völker identisicirt -wurden, wie der Prvphetiömus die höchste Politik in der Gotteserkcnntniß, Gottesfurcht und Menschenliebe findet und proclamirt. Wir können aber dieses Capitel nicht verlassen, ohne noch auf einen seriellen Punct, auf die Stellung der deutschen Juden und auf Vorwürfe, die ihnen neuerdings gemacht wurden, einen Augenblick einzugehen. Skizzen über die Frage: Was haben die Luden vom Staate zu fordern? XIV. Während wir uns Vorbehalten, in diesen Skizzen nunmehr auch aus andere Momente e'mzugehen, kommen wir hier schließlich noch einmal auf die Ansprüche der Juden an den Staat betreffs einer jüdisch-theologischen Facultät und ausreichender Lehrerbildungsanstalten zurück. Diese Ansprüche beruhen auf dem einfachen RechtSgrundfatze, daß, solange der Staat auS den Mitteln, welche die gesammte Bevölkerung als steuerpstichtig hergiebt, für die Katholiken und die Evangelischen conses- 48*

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