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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-28 · Heft 48 (28.11.1871) · p. Seite 956

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 48 (28.11.1871)
Date
1871-11-28
Page
Seite 956 (sequence 2)
Language
German
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956 tlsmus voran, Montesquieu dem Constitutionalißmus, Rousseau.dem Republicauismus und der Volkssouveränität, C. L. v. Haller (1516) dem neuesten Absolutismus, die socialistischen Theorien den Bewegungen der Arbeiterwelt. Die politischen Ideen muffen erst an sich reisen und im Bolle sich verbreiten, bevor versucht wird, sie ins Leben einzusühren und darin Gestalt und Geltung zu erlangen. Daß das politisch? Leben ganz besonders realistisch ist, wird Niemand verkennen. Es handelt sich da um Gegenstände der enischiedensten Wirklichkeit, um tatsächliche Interessen, an welchen ein Jeder' selbst mit seinem äußern Wohl und Wehe betheiligt ist. Welcher Art ist aber dieser Realismus? In der jüngsten Zeit wollte man ihn dadurch verurtheilen, daß man wiederholt behauptete, in unsren Tagen sei die Politik nur die Liebedienerei und Anbeterei des Erfolges geworden; es sei also keine eigentliche Ueberzeugung damit verbunden; es gelte nicht mehr die Verwirklichung der großen Principien, die vielmehr Jedermann aufgebe, um sich vor dem Erfolge zu beugen und diesen zu vergolden. So lange Napoleon III. glücklich in seinen Erfolgen und energisch ' in seiner Macht gewesen, habe nicht allein Frankreich ihm zu Füßen gelegen, sondern die ganze Welt ihrn ihre Huldigung dargebracht; kaum aber sei er ins Sinken gekommen, wurde er von aller Welt verlästert und zum Gegenstände der tiefsten Verachtung und des bittersten Spottes gemacht. In Deutschland habe vor den Erfolgen von 1866 und 1870 selbst die Fortschrittspartei ihre Consequenz und die Schärfe ihrer Principien aus-' gegeben, die große liberale Partei habe sich der Macht in die Arme geworfen und sei deren Magd geworden, und selbst die Reactionären und Conservativen gäben der Macht nach und folgten ihr in der Annahme sehr liberaler Institutionen. So sei alle Ueberzeugung, alles Festhalten anerkannter Principien geschwunden, die Macht sei allmächtig und nur die Particulariften und Ultramontanen zeigten einige Selbstständigkeit. Wir sind weit davon entfernt, dies Alles verkennen und geradezu, rechtfertigen zu wollen. Die Geschichte lehrt, daß es auch Zeiten der Verwirrung giebt, die wieder zu beseitigen die besten Geister sich anstrengen muffen. Dieselbe Geschichte zeigt uns übrigens, daß zu allen Zeilen der Erfolg, besonders wenn er ein glänzender war, die Anbetung der Maffe gefunden hat, und daß cs wesentlich darauf an kommt, ob auch die höher gebildeten Geister und Charaktere sich ebenso hinreißen laffen, oder ihre Selbstständigkeit nachdrücklich wahren. Allein es giebt doch Gesichtspuncte, von denen aus sich ein ganz anderes Urtheil herausstellt. Wir wollen für unsere Tage nur zwei hervorheben. Wenn der Machterfolg eine seit langer Zeit dem Volke einwohnende Idee endlich realistrt, wenn er das Bedürfniß und Verlangen der ganzen Volksseele befriedigt, wenn, so das Ziel der Macht mit dem Ziele der Ration in völliger Uebereinsiimmung ist: so kann man nicht mehr von einer Anbetung des Erfolges, nicht vom Kniebeugen vor der Gewalt sprechen. Dies ist bei der deutschen Nation jetzt der Fall. Die Negierungsgewalten in Deutschland haben die von ihnen bis jetzt verfolgten Wege verlaßen, die Wege des Parlicularismns, der strengen Legitimität und des Gottesgnadenkönigthums; sie haben vielmehr die Wege eingeschlagen, auf welchen der Geist der Ration seit langer Zeit gewandelt; sie haben "mit einem Worte das deutsche Reich aufgerichtet und das allgemeine Wahlrecht eingeführt — kann man da von einer bloßen Erfolgdienerei reden, während der Wille der Machthaber sich dem Willen der Nation unterordnete, aus welchen Motiven dies auch geschehen sei? Das deutsche Volk seufzte seit langer Zeit unter der Wucht der Kleinstaaterei, der Zerstückelung, der Ohnmacht nach Außen und Innen. Es sehnte sich nach der Einheit des Gesetzes in allen allgemeinen Lebens- und Rechtsverhältnissen*) — und nun es alles dies erfüllt und befriedigt sieht und mit überraschender Schnelligkeit realistrt wird, was ihm als Ideal vorgeschwebt, wohin es verlangte und drängte, soll es Opposition machen und in starrer Conseqnen; die Reichsgewalt bekämpfen, nur weil sie die doch nicht zu entbehrende Gewalt ist? Es wird schon kommen; die Differenzen werden mit der Zeit nicht ausbleiben und dann -tritt auch die Selbstständigkeit der Meinung und der Kampf um diese wieder ein. Der *) Man erinnere sich, wie viel daS deutsche Volk in kurzer Zeit erhalten hat: dasRiederlaffnngsrecht im ganzen Reiche, die Gewerbeordnung, das Nuterstützungsrecht, die völlige Gleichstellung der Eonfessiouen, das einheitliche Zollsystem, das Handelsgesetz und Oberhandelsgericht, das Strafgesetzbuch, das Maaß- und Gewickt-, bald auch das Münzsystem, die gleiche Wehrverfassung, eine Vertretung nach außen u. s. w. und waS noch ferner in Aussicht steht — und man wird zugestehen, daß solchen großen Errungniffen für das früher zerstückelte, überall gehemmte und ohnmächtige Deutschland gegenüber eine stricte Opposition ebenso ungerecht wie unvernünftig wäre.

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