Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1871)
- Date
- 1871-11-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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35. Jahrgang. Allgemeine 48. ZettNNg des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Heransgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson m Bonn. Leipzig, den 28. November 1871. Diese Zeitung erschein! wöchentlich einmal Dienstags, in 2 bis 2'/. Soeben. Preis deS Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig t Thlr. Inserat: werben mit I >/, Ngr. für die Pctitzcilc oder deren -Naum berechnet. Alle Buchhandlungen. Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expcdi:ion für beide Lchtcre hat sich das König!. Sächs. Haupt-ZcitungS-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Der Geist unserer Tage. H. — Skizzen über die Frage: Was haben die Juden vom Staate zu fordern? XlV. — Literarischer Wochenbericht: Gr. Bccskcrek. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Glogan, Cassel, Neuwied am Rhein, Leipzig, Luxemburg. — O e st e rreichisch-nngaris6-c Monarchie: Wien. — Frankreich: Paris. — Gr oßbrit annien: London. — Donaufnrstcnthüm er: Bukarest. - Rußland: Bon der rufsichen Grenze, Aus Rußland, Petersburg. — Südamerika: Buenos Ayres. Feuilleton - Beilage: Biblische Luellemiachweiümg einiger Zerecher legenden. — Tragikomisch. — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 19. November. Der Geist unserer Tage, u. Worin der Realismus unserer Tage sich zunächst abspiegelt, ist, daß das vorwiegende geistige Element des gegenwärtigen Lebens die Politik geworden. Wer beschäftigt sich nicht mit Politik? Wer bildet sich in derselben nicht ein Urtheil, und traut ein solches, und zwar ein recht vollgültiges, sich nicht zu? Was macht den größten Theil der Lectüre aus, wenn nicht die politischen Tagesblätter, und was den Hauptgegenstand aller Unterhaltungen und Gespräche, wenn nicht die politischen Ereignisse und Persönlichkeiten, die Gesetzentwürfe und parlamentarischen Debatten? Es geht dies durch alle Classen und Stände, durch alle Berufsarten, durch alle Bildungsstufen hindurch. Es war dies nicht immer so. Im vorigen Jahrhundert beschäftigten sich die gebildeten Kreise vorzugsweise gern mit metaphysischen Fragen; in den ersten drei Jahrzehnten unsres Jahrhunderts nahm das Theater den Vordergrund des geselligen und öffentlichen Lebens ein, woran sich die Concerte und dann die belletristischen Erscheinungen schlossen, und alles dies in den ästhetischen Thees seine Pflanzstätten fand. Die Aufführung eines Stückes, der Werth eines Schauspielers oder einer Schauspielerin u. dgl. brachten Streitigkeiten hervor, welche eine europäische Hauptstadt erschütterten, und ein neuer Roman war ein lang besprochenes Ereigniß. Mit dem Jahre 1830 und noch mehr mit 1818 hörte dies auf, die ganze civilisirte Welt erwachte in ihrem politischen Bewußtsein, und die Politik ist es, welche seitdem das eigentliche Jntereffe derselben beansprucht und alle anderen Gegenstände verdrängt, oder doch nur zeitweise aufkommen läßt. Dabei ist nicht zu übersehen, daß es nicht die theoretische Erörterung, sondern die wirklichen Ereignisse, die großen und die kleinen Vorgänge auf der Schaubühne der politischen Welt sind, welche Tag für Tag von Jedermann verhandelt werden, so daß principielle Fragen sich nur an diese knüpfen. Wir wollen hierbei nicht zu bemerken Unterlasten, daß überhaupt in der Politik — entgegengesetzt der Jurisprudenz — die Theorie der Praxis stets vorangeht. HobLes*) ging dem ausgebildeten Absoln- *) Geb. 5. April 1588.