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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-21 · Heft 47 (21.11.1871) · p. Seite 953

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 47 (21.11.1871)
Date
1871-11-21
Page
Seite 953 (sequence 19)
Language
German
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953 auch ihre Dialekte besser zu gebrauchen wußte als sie selbst. BiS zum Herbste 1848 hatte er mit der neuen Redaction fröhlich zusammen gelebt; da schrieb Kuranda der nach Wien gegangen und dort die „Ostdeutsche Post" gegründet hatte, er könne das Blatt ohne Kaufmann nicht durchsetzen; erbat, ihm den Freund abzutreten, und versprach einen Gehalt, der dem Ve6eu Kaufmanns weit andere Sicherheit verhieß, als seine Stellung bei der Wochenschrift möglich machte. Die Genossen der Redaction zu Leipzig traten in ernste Becalhung, Kaufmann selbst widerstand, aber die verständigen Erwägungen geboten, die Trennung, er schied von Leipzig. In Wien kam er unmittelbar vor den Octobertagen 1848 an, er traf die Stadt in Aufruhr, sein Bureau in Verwirrung, glücklicher Weise auch gute Kameraden aus Deutschland: Auerbach, Bodenstedt, Wessel. Mit den Augen eines Norddeutschen sah er die ganze Wiener Tragödie sich abspielen, keiner der kämpfenden Parteien fiel sein unbestechliches Urtheil zu. Er wanderte allein wie ein Nüchterner unter den Trunkenen und kämpfte, so lange der Aufruhr währte, überall wo er mit Wienern zusammen traf, im Interesse des gesunden Menschenverstandes, tapfere, aber erfolglose Fehden, welche ihn in den argen Ruf eines Schwarzgelben brachten. Als aber die Stadt von den slawischen Heerhaufen eingenommen und der Belagerungszustand erklärt war, als die Füsiladen und Einkerkerungen begannen und eine öde Reaction ihr gewaltthätiges Regiment über das Land legte, da empörte sich wieder sein ehrliches Gewissen gegen das, was ihm als neuer Unsinn, als Barbarei und Verderb Oesterreichs erschien, und er wurde, wo er mit Andern zusammenkam, zu einer so rücksichtslosen Polemik gegen das neue Oesterreich fortgerissen, daß seine Freunde in Wien ernstlich für seine Freiheit fürchteten. Nach Leipzig kamen Briefe, welche dringend mahnten, den Heldenzorn des Freundes vor der Aussicht auf den Spielberg zu wahren. So geschah es, daß Kaufmann nach einjähriger Abwesenheit wieder zu den Grenzboten zurückkehrte, nicht auf geradem Wege, sondern aus Vorsicht über die Alpen durch Baiern. Diesmal blieb er fast ein Jahr bei uns, ein gutes genußreiches Jahr. Er schrieb seine Bilder aus Oe streich, welche zuerst als Aufsätze in den Grenzboten erschienen, 1800 ohne seinen Namen als Buch herauSgegeben wurden. Es ist die einzige Sammlung seiner Aufsätze, welche zur Zeit besteht. Wer das Buch jetzt zur Hand nimmt, der wird einen St'nnmungsbericht über die österreichische Katastrophe des Jahres 1848 darin finden, dem wohl kaum ein anderer an die Seite zu setzen ist; zumal die Schilderung der Nacht, in welcher Latour ermordet wurde, ist von erschütternder Gewalt. Aber wie wohl sich Kaufmann in dein friedlichen Leipzig fühlte, das er jetzt als seine Heimath betrachtete, das Schicksal gönnte ihm wieder nicht sicheren Aufenthalt. Einige herbe Ausdrücke über hohe österreichische Persönlichkeiten, die er in einem seiner Aussätze nicht unterdrückt hatte, veranlaßten die Wiener Polizei, seine Auslieferung nach Oesterreich zu fordern. Dem Verschwinden in eine Festung durste er nicht ausgesetzt werden, er wurde deshalb vorsichtig nach Preußen geleitet und reiste nach Schleswig-Holstein, um von dort dem Blatte über den letzten Widerstand gegen die dänische Herrschaft zu berichten. Aber wieder war seine Lage sorgenvoll geworden, die Zukunft unsicher. Gerade in diesen Wochen schrieb Max Schlesinger aus London an uns und forderte Kaufmann für sich als Gehülfen bei der neu zu begründenden Autographirten Correfpondenz. Auch Max Schlesinger, der Ungar, gehörte zu dem Kreis der Leipziger Genossen, er hatte in dem Blatt 1849 seine „Bilder aus Ungarn" zuerst veröffentlicht und die glänzenden Schilderungen hatten ihm wohlverdientes Lob eingetragen. Sein Antrag kam im rechten Augenblick, Kaufmann ging über Hamburg zu ihm nach England. Dort hat er von 1550 bis 1866 einen guten Theil der Arbeit an dem nützlichen Unternehmen getragen. Die deutsche „Autographirte Correspondenz" wurde als Privatunternehmen zunächst deshalb in London eingerichtet, um den deutschen Zeitungen einen Redacteur für die englischen Interessen, englische Correspondenten und das Lesen englischer Zeitungen zu ersparen. Auf wenigstens vier sehr enggeschriebene Briefseiten drängte sie täglich das ganze. ungeheure Material der englischen Zeitungen: Große Politik, Hof, Parlamentsverhandlungen, Börse, Schifffahrt, Neuigkeiten, Literatur zusammen, durch schnelle Arbeit und richtige Benutzung der Post ermöglichte sie, daß ihre Tagesbriefe ebenso früh in die deutschen Redactionszimmer liefen, als bis dahin englische Zeitungen, deren Inhalt sie doch bereits übersetzt, ausgezogen, für deutsche Leser zugerichtet darbot. Sie wurde eine kleine Macht, das unerreichte Vorbild für mehrere ähnliche Unternehmungen. Aber ihre Herstellung blieb eine anstrengende, mühevolle, aufreibende Thätigkeit, zumal in der ersten Zeit, wo die beiden Freunde allein arbeiteten. Täglich alle größeren Zeitungen und periodischen Schriften Englands durchlesen, auswählen, übersetzen, für den Steindruck schreiben, zur Postversendung bereiten! Kaufmann besorgte in der Regel den politischen Theil und schrieb. Er lebte im Hause und der Familie Schlesingers, trug seinen Rock nach englischem Schnitt, fügte sein Haupt in einen schwarzen Cylinderhut und lernte den Regenschirm als Attribut eines Geschäftsmannes schätzen. Die Kinder seines Freundes verehrten ihn als Onkel, mit dem Schwiegervater verhandelte er über die Schönheiten Londons und die Vorzüge Alt-Englands. In London, dem Leben des Volkes, seinen alten Straßen und Häusern wurde er bald heimisch wie ein Eingeborener. Als Schlesinger in den ersten Jahren nach Errichtung der Correfpondenz zu uns kam, mußte er auf die Frage nach Kaufmann antworten: „Wenn er jetzt mit Engländern zusammensitzt, deren Herz er beim ersten Glase gewonnen hat, so sangt er beim zweiten Glase an viel Deutsch in das Englische zu mischen, beim dritten

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