Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1871)
- Date
- 1871-11-21
- Page
- Seite 952 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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: 952 einer Tante, welche gern las, sielen ihm Romane von Walter Scott und kurz darauf eine Uebersetzung Shakespeares in die Hand. Aus diesen Büchern ging ihm eine neue Welt auf, er las sich so in sie hinein, daß ihm jede Situation und jeder kleine Charakterzug vertraulich wurde, uud diese Eindrücke haben im Geheimen mehr als irgend eine andere Macht sein eigenes Leben geführt. Eifrig suchte er nach einer englischen Grammatik und legte schon damals, unterstützt durch ein ungewöhnliches Sprachtalent, den Grund zu der Kenntniß der englischen Sprache und Literatur, welche später die Bewunderung seiner britischen Freunde wurde. Er bezog die Universität Prag, um Medici» zu studiren — die einzige Facultät, welche dem Juden Aussichten eröffnet?, und obgleich die Anatomie für ihn schwer zu überwinden war, arbeitete er doch ernsthaft für den Beruf eines Arztes. Aber die Nothwendigkeit sich Lebensunterhalt zu schaffen und wahrscheinlich auch geheime Neigung machten ihn zum Schriftsteller. Er siedelte nach Leipzig über. Hier that er seinen ersten literarischen Kriegsdienst in der „Zeitung für die elegante Welt" und im „Komet". Als I. Kuranda-im Jahre 1842 die nen gegründete Wochenschrift „die Grenzboten" von Brüsiel nach Leipzig übersiedelte, ward Kaufmann sein treuer Mitarbeiter, er stilisirte die unbehülslichen Sätze in den österreichischen Anklagebriefen gegen Metternich zu lesbarem Deutsch um, und wurde durch die gute Laune und die gebildete Sprache feiner eigenen Beiträge den Lesern der Grenzboten werth. Daneben gab er Stunden und trieb mit inniger Freude fein Englisch. Er war einer der ersten Deutschen, welche mit Begeisterung das ausgehende Talent von Charles Dickens begrüßten, er betheiligte sich auch an der Uebersetzung. Der Raritätenladen ist von ihm verdeutscht worden. — Im Jahre 1846 ging er nach Brüssel und trat dort eine Lehrerstelle an; als aber die Frühlingsstürme von 1848 in das Land fuhren, zog Kuranda ihn wieder nach Leipzig zurück. Daß er in den Jahren bescheidener Arbeit und durch den Aufenthalt in der Fremde zu einer inneren Freiheit und Sicherheit des Urtheils heraufgewachfen war, wie sie damals in der Presse selten Ausdruck fanden, das lehren z. B. die Worte, mit denen er in den ersten Marztagen 1848 noch von Brüssel aus die französische Nation in den Grenzboten beurtheilte: „Dieses Volk weiß nicht, was Freiheit ist! Es sind Virtuosen im Nevolutioniren, Stümper in der Politik, glänzende Soldaten und durchtrieben? Diplomaten, aber miserable Politiker! großartig in der Leidenschaft, ohnmächtig in der hausbackenen Alltagsarbeit. Sie haben zu viel Esprit und zu wenig gesunden Verstand. Derselbe Franzose, der am Tage der Schlacht oder im Straßenkampf ein Held ist, wird ein Intrigant als Beamter; der schwärmerische Menschheitsbefreier, der Propagandist, der sein Leben auf der Hand tragt, diplomatisirt ä la Louis XIV. mit fremden Völkern. Frankreichs Volk ist Held oder Bedienter. Es gefällt sich nur in der Rolle des Sklaven, der fortwährend die Kette bricht. Und leider nach jedem Aufruhr schafft es sich neue Ketten." Der Artikel befremdete und ärgerte damals Viele. Einen heftigen Angriff von Arnold Rüge fertigte Kaufmann in gebührender Weife ab mit Nennung seines Namens. Zu Leipzig hatte Julian Schmidt im Frühjahr 1848 die Leitung der Grenzboten übernommen, vom 1. Juli ging Kuranda's Antheil daran in seinen und Freytags Besitz über, Kaufmann blieb dem Blatt ein treuer Gehilfe bei der Redaction, ein werthvoller Mitarbeiter, den neuen Eigenthümern wurde er ein lieber Freund. Er war einer von den seltenen Menschen, welche so völlig für die Sache leben, der sie sich gewidmet haben, daß sie darüber versäumen um sich selbst zu sorgen. Diese Sorge lag so lange er lebte, seinen Freunden ob. Er war durchaus anspruchslos, von rührender Bescheidenheit, getragen durch eine selten gestörte Heiterkeit, die oft als gute Laune die Unterhaltung belebte. .Er hatte das Bedürfniß sich anzulehnen und war, wo er freundliches Entgegenkommen, fand, ein zartfühlender, stets zuverlässiger Freund: aber er gab sein eignes Urtheil keineswegs gefangen. Wo er politische Verkehrtheit erkannte und wo seine sittliche Empfindung verletzt wurde, da kam ihm der Zorn und der milde, freundliche Gesell brach dann heftig los ohne Rücksicht auf Ort und Personen. Sein Schaffen war fei» und sinnig, wie seine ganze Empfindung. Er arbeitete nicht schnell aus dem Vollen, sondern schliff sich lange die Bilder und Gedanken, aus denen er seine Arbeiten zufammensetzte. Ein Thema, das ihm lieb war, konnte er Monate mit sich herumtragen und dann begegnete ihm doch wohl einmal, daß überreichem Detail und einzelnem acht Schönen das Hauptresultat seiner geistigen Arbeit nicht vollständig zu Tage kam. Immer aber wurde, sowohl wo er schilderte, als wo er urtheille, rin anmuthiger und klarer Geist wohlthuend bemerkbar. Fast noch anmuthiger war er im münolichen Verkehr; sobald er angeregt wurde, floß ihm reichlich und geistvoll die Erfindung, er beobachtete gut und scharf; in einem ausgezeichneten Gedächlniß, das ihm bis zu den letzten LebenStagen blieb, bewahrte er jedes Bild, das einmal in seine Seele gefallen, tausend kleine Geschichten und schnurrige Charakter zu ge. Das liebste Thema des Gespräches war ihm damals sein England, das er doch nie gesehen hatte, und die englische Literatur, in der er so heimisch war wie in der deutschen.' Wenn er einmal mit den Freunden bei gutem Trunk zusammen saß, war seine immer wiederkehrende Eigenheit, oaß er beim zweiten Glase englische und deutsche Rede zu mischen begann, beim dritten aber nur noch in englischer Zunge zu sprechen vermochte. - Wurde er deshalb interpellirt, so bat und beschwor er recht herzlich, daß man doch dieser Sprache und dem Volke mehr Liebe zuwenden möge, wobei er sich regelmäßig erbot, den Freunden Stunde zu geben. Er hatte es in der That zu einer Fertigkeit, Reinheit und Schönheit im mündlichen Ausdruck des Englischen gebracht, daß Engländer nicht glauben wollten, solcher Besitz sei in der Fremde erworben, zumal er