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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-21 · Heft 47 (21.11.1871) · p. Seite 954

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 47 (21.11.1871)
Date
1871-11-21
Page
Seite 954 (sequence 20)
Language
German
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954 spricht er nur Deutsch, und beschwört die Briten sämmilich, Deutschland kennen zu lernen, denn nur in der Bekanntschaft mit deutscher Sprache und Bildung sei Heil für sie zu hoffen." So zogen die Jahre über seinem Haupte dahin, bis endlich die mühevolle Tagesarbeit, der Nebel und Kohlendampf Londons an ihm das Zerstörungswerk begannen. Gegen bösen Husten und Asthma verordnete der Arzt Aenderung des Klimas. Als Freytag im Jahr 1S67 zu Soden vom Sterbelager einer nahen Verwandten ins Freie trat, fühlte er sich heftig am Arm gefaßt. Es war Kaufmann. Das war sein liebes und treues Gesicht, das gutherzige Lächeln, das dunkle Haar so voll und lockig wie sonst, aber über den faltigen Zügen lag der graue Schatten, welchem die Nacht folgt. Er war zu uns zurückgekehrt, um zu scheiden. Seitdem weilte er bei seinen Geschwistern in Königgrätz und Hamburg, als Gast in Leipzig, die Winter in Wiesbaden, zwei Sommer in Siebleben. Als er in diesem Sommer dorthin kam, war die furchtbare Krankheit soweit vorgeschritten, daß man sein nahes Ende fürchten mußte. Aber so oft sein armer gekrümmter Leib sich von der Erschütterung des Hustens erholt hatte, ging wieder ein heiteres Licht in dem.bleichen Antlitz auf, und er begann im Kvrbstuhl sitzend beim warmen Licht des Spätsommers nach aller Weise das Garn seiner hübschen Geschichten zu spinnen von schnurrigen Engländern und von dem Humbug in der Kirche und in der Gesellschaft. Und wenn er sich weiter aufthat, dann kam zuweilen aus seiner reinen, unsträflichen Seele so viel schöne und große Austastung des Lebens, daß. die im Kreise um ihn saßen, still und andächtig seinen Worten lauschten. Mild war sein Urtheil über Menschen, und freudig anerkennend für jede Kraft, aber fest und unbestechlich durch Erdenruhm und Erfolge, deutlich und scharf wie Photographien alle Bilder der Menschen und Zustände, die das Leben in seine Seele gelegt hatte. Mit großer Anhänglichkeit sprach er von allen Freunden, am liebsten von dem Hause in London. „Max ist ein Gentleman", setzte er dann stolz hinzu. Eine inniggeliebte Schwester in Königgrätz hatte ihn gebeten, zu ihr zu kommen, damit sie ihn pflege. „Sie ist wie eine Heilige, sagte er, aber ich kann nicht hingrhen, sie würde sich zu sehr betrüben, wenn sie mich so sähe. Denn als ich ihr bei dem letzten Besuch einmal von den Parks in London erzählte, wie schön die sind, da sah sie mich mit einem Blick an, so traurig und so durchdringend, ich kann den Blick nicht vergessen." Und er fügte nach einer Weile entschuldigend hinzu: „Die Frauen sehen die Pflicht des Lebens nicht so an wie wir, sie fragen die Welt immer, was für ihre Lieben herauskommt. — Das ist freilich bei uns anders." Dabei sah er wieder froh aus. Der Aufenthalt auf dem Lande hatte ihm doch ein wenig gut gethan. Noch in der letzten Woche des September ließ er sich nicht abhalten, den Artikel: „Die Irländer und ihr Einfluß auf die Meinung Englands", dein Schreiber zu dictiren. Da die rauhe Luft der Umgegend von Gotha ein Einwintern dort verbot, wurde ihm der Vorschlag gemacht, narb Leipzig überzusiedeln, wo am besten gute Pflege zu beschaffen war. Er aber bestand mit der» Eifer eines Kranken darauf, den Winter in Wiesbaden zu verbringen, das ihm zweimal, wie er meinte, durckgeholfen hatte. Es war ein trauriges Scheiden. Die Reise erschöpfte seine teste Kraft, er starb sogleich nach seiner Ankunft in Wiesbaden. Wir Deutsche sind in den letzten dreißig Jahren tüchtig vorwärts gekommen. Und in naher Zukunft mag ein jüngeres Geschlecht vornehm herabschanen auf die Anfänge unserer freien Presie unter Friedrich Wilhelm IV., auf den. kleinen Zuschnitt der früheren Blätter, den veralteten Stil, die unsichere, oft dürftige Lage der Tageöschriststeller von damals. Möge alsdann billiger Sinn doch Folgendes erwägen. Jetzt ist nicht nur die äußere Lage der Schriftsteller eine günstigere, weil das Volk wohlhabender und lejelustiger geworden ist, auch ihr Rechtsschutz gegen Gewaltthat ist bester und was ihnen am meisten zu Gute kommt, sie selbst werden durch einen stolzen Staat mit einer Politik, mit Staatsmännern, öffentlichem Leben und geschulten Parteien erzogen. Ihre Vorgänger entbehrten dieses Glück. Bis vor kurzem waren die Tagesschriftsteller Deutschlands die wahren Führer der Nation: denn nicht die Könige, nicht die Staatsmänner haben die großen Ideen, auf denen das neue Deutschland rühr, zuerst gesunden und im Kampfe vertreten, sondern Männer aus kleinen Kreisen des Lebens, von denen viele keine gerühmten Namen hinterließen. Zu ihnen gehört der böhmische Judenknabe, der aus eigener Machtvollkommenheit ein deutscher Patriot wurde, dein Erwerb und Behagen des eigenen Lebens verschwindend wenig war gegenüber den großen Gedanken, für deren Verbreitung er lebte, der bedruckt durch enge Perhältniste, umhergehetzt von elender Polizeiwirthschaft, erst in der Fremde die Sicherheit gewann, durch mühevoll aufreibende Tagesarbeit seinem Vaterlande zu nützen; und der noch als Sterbender für selbstverständlich hielt, daß der Mann, welcher für die Freiheit und Bildung seines Volkes lebt, im eigenen Leben die Güter dieser Welt gering achten muffe. BmrrischLcs. Wesel, 1. Nov. Heute feiert unser ältester Mitbürger, der in allen Kreisen gleich hochgeachtete Kausmanu B. Gvldschmidt, den Eintritt in sein hundertstes Lebensjahr. ' Vertag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. Ä. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redaclerrr ör. H. &>öc.

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