Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1871)
- Date
- 1871-11-21
- Page
- Seite 951 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226846--30067-3252934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9 Allgemeine Femlleton-Mlage zu Rr. 47. Leipzig, den 21. November 1871. Jnkob Kaufmann lgeb. 1814, gest. 1871). Wenn die Zeit von der Mendelssohn'schen Periode bis in die ersten Jahrzehnde unseres Jahrhunderts dazu angethan war, unter den Juden interessante Originale in der Mitte zahlreicher verkümmerter Existenzen hervorzubringen, so hat die darauf folgende, sagen wir etwa von 1810 an, sehr eigenthümliche Erscheinungen unter ihnen zu Tage gebracht, welche, regelrechter als die früheren, doch durch die noch immer obwaltenden Umstände in charakteristischen Zügen sich besonders gestalteten. Wir wollen hier nur eines dieser Momente hervorheben. Die mitten in die alten Zustände, namentlich auf dem Lande, hin einleuchtende Cultur wurde von vielen jüdischen Kindern, Jünglingen und Jungfrauen, mit der edelsten Begeisterung erfaßt, und brachte in ihnen einen idealen Enthusiasmus hervor, der fortan ihr ganzes Leben beherrschte, dem sie ihr ganzes Dasein nicht nur widmeten, sondern auch zum Opfer brachten. Diesem idealen Geiste aber standen die realen Verhältnisse noch immer hemmend und beschränkend entgegen, und bewirkten so in diesen gehobenen jüdischen Seelen eine Resignation, ein Zurückziehen von den äußeren Verhältnissen, welches sich auch äußerlich an ihnen erkennbar machen mußte. Der feurigste Eifer für die einmal gefaßten Ideen, die immerwährende innere Geistesthätigkeit ging mit einer Unkenntniß und Nicht berücksichtigung der äußeren persönlichen Verhältnisse und Bedürfnisse so Hand in Hand, und daraus entwickelten sich wieder so eigenthümliche seelische, manchmal sehr abstoßende, andrerseits wieder höchst anziehende Eigenthümlichkeiten, wie sie in einer nach allen 'Richtungen hin freieren Zeit kamn sich wiederholen werden. Keine Zeit hat namentlich unter den Juden so viele Männer hervorgebracht, welche bei den bedeutendsten Geistesgaben, umfassendem Wissen und edelster Herzensgüte dennoch einsam durch das Leben gingen, nach dem Maße ihrer Begabung zu wirken nicht in den Stand gesetzt waren, nur zufällig der größeren Welt bekannt wurden, und nur zufällig und darum nicht immer davor geschützt blieben, verlassen und vergessen zu sterben. Wir haben persönlich eine nicht kleine Zahl solcher jüdischer Männer aus dieser Zeit gekannt, die still und unbeachtet dahingegangen; es gehörten aber auch Männer hierher, deren Rainen in größeren und kleineren Kreisen wohl bekannt wurden, wir nennen z. B. Ludwig Markus, Moses Moser. Hier liegt ein ebenso culturhistorisch, wie psychologisch interessantes Stück Leben geborgen, und eine Aufbewahrung, so viel davon möglich wäre, hätte auch für spätere Zeiten keine geringe Wichtigkeit. Wenn erst die großen Kämpfe unserer Epoche sich ausgekämpft und ihre weltgeschichtlichen Resultate sich festgestellt haben werden: dann wird der ruhigere emsige Forscherblick sich auch auf die Nebengestalten wenden, welche an dem großen Werke mitgearbeitet haben, ohne einen Vortheil daraus zu ziehen und indem sie sich geräuschlos zum Opfer'brachten. Zu diesen eiaenthümlichen Erscheinungen gehört auch Jakob Kaufmann, und wir halten es daher für unsere Pflicht, das schöne Denkmal auch in diesem Blatte aufzurichten, welches ihm sein Freund Gustav Frey tag in Nr. 43 der Zeitschrift „Im neuen Reich" gesetzt hat, indem wir nur für unseren Zweck Nebensächliches auslassen. Der Name des Freundes, welcher am 9. October zu Wiesbaden einem mehrjährigen Brustleiden erlag, ist wahrscheinlich manchem Leser d. Bl. fremd geblieben, und doch haben seine Worte und sein Urtheil durch viele Jahre in jeder größeren Zeitung dazu geholfen, die Ansichten der Deutschen zu richten. Durch 30 Jahre hat er für die deutsche Tageßpresse gearbeitet, in allen großen politischen Fragen hat er treu zu der Partei gehalten, deren Wünsche und Forderungen nach langen Kämpfen in dem neuen deutschen Staate zur Wirklichkeit geworden sind. Er war ein reich und fein gebildeter, hoch sinniger, reiner, liebenswerther Mensch, in Vielem eine besonders charakteristische Gestalt der letzten Periode deutscher Bildung. in welcher die öffentliche Meinung auS den'Fesseln des Censurstaates heranwuchs. Jakob Kaufmann ist am 10. November 1814 von jüdischen Aeltern geboren, in enger Häuslichkeit und auf dem Gymnasium einer kleinen Provinzialstadt Böhmens erzogen. Der sinnige Knabe gewann die besondere Gunst der Lehrer und wurde die Hoffnung seiner Familie; bei