Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1871)
- Date
- 1871-11-21
- Page
- Seite 936 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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936 vermag die Einheit, das Wesen, die wahre Bedeutung, den Charakter alles Dessen noch nicht zu umfassen und zu ergründen. Sprechen wir daher nur von „unseren Tagen"; beschränken wir unseren Blick auf unsere in der Zeit nächste Umgebung, auf das, worin wir selbst noch mit ganzer Seele und. mit ganzem Vermögen leben. Dies zu thun, ist stets des verständigen Menschen Pflicht und unwillkürliche Neigung. Und wenn wir auch da unsere Begrenzung empfinden und fehl greifen, so hat es doch weniger auf sich und ist selbst Zeichen der Zeit. Man nannte eine Zeit lang unser gegenwärtiges Geschlecht ein materialistisches; man warf ihm vor, daß es nur nach Erwerb und Genuß strebe, alles Höhere und Höchste in den Staub ziehe und nur nach seinem materiellen Werthe frage, von Geist, Idee und Ideal nichts wissen wolle. Die großen und die kleinen Arbeiten, Kämpfe und Erfolge, Werke und Institutionen, welche auch in den letzten Jahrzehnden zu Tage traten, haben diesen Vorwurf thatsächlich entwaffnet und verdrängt, nachdem sich schon srüher erleuchtete Männer dagegen erhoben hatten. Man hat daher derartige Anschuldigungen, welche schließlich mehr oder weniger jeder Zeit gemacht werden können, nachgerade zurückgezogen. Man sucht nach einem anderen Schlagwort und bezeichnet nunmehr unsere Zeit, und zwar gerade seit den letzten Jahrzehnden als eine realistische. Man versteht darunter, daß man sich in ihr vorzugsweise an die Wirklichkeit halte, in jedem Dinge und Geschehniß eine Beziehung zur wirklichen Welt, zum realen Leben verlange, keine Aufgabe gelten lasse, die nicht aus dem Boden der Wirklichkeit stehe. Dies sei der Geist unserer Tage, wie er wirke und sich offenbare in. Kunst und Wissenschaft, in Politik und Religion, geschweige in den Verhältnissen des Lebens selbst, in der Industrie und den socialen Beziehungen. Da zeigt es sich denn gleich, daß wir Recht hatten, nicht von „unserer Zeit" zu sprechen, deren erste Periode von der Romantik, deren zweite vom Idealen, von Prmcipien und Theoremen beherrscht wurde. Es fragt sich nun, ob diese Bezeichnung richtig und zutreffend sei, ob darin Vorzug oder Nachtheil, Lob oder Tadel liege, was ihre eigentliche Bedeutung sei, und was wir daraus für die Zukunft zu ziehen haben? Wenn der Realismus nichts Anderes bedeutete als die Wirklichkeit, wie sie sicht- und greifbar erscheint, als das grobe Gestein und Gerolle des Lebens, als das plumpe Gewicht der bloßen Körperlichkeit und Aeußerlichkeit: so würde dieses neue Schlagwort nur einen anderen Ausdruck für die frühere Anklage kundgeben. Aber wir sind längst darüber hinaus. Man weiß jetzt, daß Form ohne Wesen nicht existirt, daß jedes Wesen und Werk nur nach dem Gedanken wird, der es schafft, und durch den Willen, der es hervorbringt, daß jedes Thun ein Motiv hat, und in ihm sich also eine Idee und geistige Tendenz realisirt. Den Realismus als Ge» gensatz zu Geist, Idee und Ideal zu fassen, ist demnach eine Einseitigkeit, die verworfen werden muß; er nimmt vielmehr nur den Gegensatz ein zur abstracten Idee, zur Phantasterei eines bloßen Ideals, welchem die Fäden zur Wirklichkeit durchschnitten sind, zur bloßen Erörterung des Princips ohne Berücksichtigung auf dessen Ausführung. Der wahre Realismus, welcher die Verwirklichung der Ideen, der bedeutendsten und gestaltendsten Ideen zum Inhalt, zum Ausgangs- und Zielpunct hat, ist gerade auch das Wesen des Mosaismus, und nicht minder der Gedanke unserer Weisen, wenn sie' sagen: ‘rrzvn* rr'rrr «‘vrirs „nicht die Erörterung und Auslegung ist die Hauptsache, sondern die That" — womit sie am wenigsten haben sagen wollen, daß die That allein ohne die Erörterung, Auslegung ohne Motiv, ohne Idee und Ideal die Hauptsache sei, sondern nur, daß nicht das bloße Studium der Idee, die abstracte Erörterung derselben allein die Hauptsache sei, sondern die Verwirklichung und Bethätiguug des Gedankens, der Lehre, der Vorschrift. ..Die Frage, welche wir uns zu beantworten haben, ist also: huldigen unsere Tage diesem einseitigen, geistlosen Realismus, oder dem, welchen wir als den wahren bezeichneten, dem Realismus, der die Verwirklichung der Idee und des Ideals zum Ziele nimmt? Las vorsiimtische Recht, u. Aus der vorhergegangenen Zusammenstellung ist das Vorhandensem eines, aus den Verhältnissen und dem Verkehr der Menschen unter einander hervorgegangenen Gewohnheitsrechtes auch bei den Israeliten in der vorsinaitischen Zeit erwiesen, und es zeigten sich uns genug