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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-14 · Heft 46 (14.11.1871) · p. Seite 923

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 46 (14.11.1871)
Date
1871-11-14
Page
Seite 923 (sequence 9)
Language
German
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923 ist die Weisheit und die deutsche Gesinnung des ul- Lramontanen „Vaterlands"; aber ich möchte fragen, wozu man diese den Lesern so ausführlich austischt? Diese hinlänglich als falsch erwiesene Behauptung von dem vorherrschenden Einflüsse der Juden auf die liberale Presse beweist zur Genüge, wie immer wiederholte Klagen doch zuletzt geglaubt, allgemein angenommen und als Thatsachen betrachtet werden. Die reactionäre Partei wußte von Anfang an, was sie damit bezweckte. Sie kennt den Hang des deutschen Volkes zum Dorurtheile gegen die Juden und wollte diesen benutzen, um die liberale Presse in Miscredit zu bringen. Leiert die letztere dies dem Volke, sei es auch nur in Citateu aus den ultramontanen Blättern, immer wieder vor, so setzt sich schließlich diese Meinung doch imnter fester und verfehlt ihre Wirkung nicht ganz. Man lasse also dem kleinen Kreise der reactiouären Presse ihr Gift für sich; an Gelegenheit, die Gegner zu bekämpfen, wird cs doch nicht gebrechen; aber man gehe sonst mit Stillschweigen an ihnen vorüber , und man wird ihnen hierdurch mehr schaden nnd sie mehr ärgern, als durch ellenlange Widerlegungen. Edenkoben (Pfalz', 30. October. (Privatmitth.) Die verschiedenen Artikel in Ihrem geschätzten Blatte aus und über Elsaß und Frankreich zwingen mich als Mann, der Land und Leute kennt, Ihnen Selbsterlebtcs und meine Ansichten mitzutheilen. Im jetzigen Frankreich wohnen mit Ausnahme von Paris und einigen größeren Städten wenig Juden und werden dieselben dadurch, so zu sagen, übersehen, wie denn auch das Wort Juif nicht Jude, sondern Wucherer bedeutet und bei Bezeichnung unserer Glaubensgenossen meistens das Wort Israelit angewandt wird. Daher kommt es auch, daß die Leute unserer Gegenden sich unter einem Juden ein besonderes Geschöpf vorstellcn, das etwa Hörner trägt, wie der leibhaftige Gottseibeiuns. Ich habe z. B. erlebt oder von meinen Verwandten in Nantes, wo erst seit circa 30—35 Jahren eine jüdische Gemeinde existirt, oft erzählen hören, daß in den ersten Jahren ihrer Ansässigmachung Leute in das Magazin kamen, sie sprachlos anstarrten und alsdann sich laut über ihr mcnschengleiches Aussehen ver-, wunderten. In einer spätern Zeit, es war im Winter! 1854, überzeugte ich mich bei Gelegenheit eines großen | Balles tut Theater ($um Zwecke der Wohlthätigkeit) daß das, was man in Deutschland Risches nennt, dort noch in voller Blüthe stand, indem die Frauen der ersten jüdischen Kaufleute derart zurückgefetzt wurden, daß sie selbst mir gegenüber sich über das Risches beklagten. Einige Jahre früher, es war entweder 1845 oder 1846, wurde in Rauch der Bruder meines Onkels, ein französischer Officier, begraben. Die Begleitung bildete ein Piqnet Soldaten und die angesehensten Gcmeindemirgliedcr, außerdem aber ein Troß Gassenjungen, welche den Conduct mit Hcpp, Hepp und „Jud" bis znm Friedhofe verfolgten, ohne daß dieses bei den Juden selbst großes Aufsehen erregte, oder die Polizei zur Einmischung veranlaßt. In Paris, der großen Weltstadt, verschwinden allerdings solch kleinliche Anschauungen, aber daß solche zuweiten auch die sogenannte gebildete Welt beherrschen, beweisen die Auslassungen des Staatsprocurators oder Präsidenten des Assisenhofes zu Caen. gelegentlich des großen Diebsprocesses im Jahre 1858, gegen die Gesammt- Judenheit, weil ein Theil der Bande Juden waren, wie wir sie in Deutschland an ähnlicher Stelle nie hörten und welche allerdings große Aufregung und Entgegnungen Seitens der französischen Juden hervorriefen. Die Judenverfolgungen im Elsaß 1848 be^ rühre ich blos nebenbei, um schließlich zu constatiren, daß Lorurtheile gegen Juden in Deutschland kaum so stark wie im gelobten Lande Frankreich zu finden sind. Um wie viel stärker würde dies wohl noch sein, wenn unser Stamm zahlreicher in Frankreich vorhanden wäre und mit seinen Licht- und Schattenseiten in tägliche und geschäftliche Berührung mit seinen Mitbürgern käme. Ist es nicht denkbar, daß in diesem Falle in früheren Zeiten, z. B. bei Erklärung der Menschenrechte 1789, von Neid und Mißgunst beeinflußt, die Debatten etwas erregter und das Resultat ein anderes geworden wäre? Ich erwähne dies blos, weil in dem letzten Artikel von Straßburg in der Mg. Z. d. I. das Benehmen eines einzigen Officiers gegen einen jüdischen Unterofficier als Vorwand zur Agitation gewissermaßen angedeutet wird, während dieses Verfahren weiter nichts als ein Ausfluß des gemeinsten Judenhasses, wie wir ihn aber auch in Frankreich finden, gewesen und weder Negierung noch Volk hierfür etwas kann, da der Oberst das Recht der Ernennung der Unterofficiere seines Regiments zu Officieren einmal besitzt. 46

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