Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1871)
- Date
- 1871-11-14
- Page
- Seite 920 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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920 berliner Gemeindevorstandes, eine geschichtliche Festschrist zu der zweihundert jährigen Säcularseier der dortigen israelitischen Gemeinde zu verfaßen. Indessen er erfaßte feine Aufgabe von einem weitern Standpuucte: er wollte ein wissenschaftliches Buch entwerfen, dem jede Absicht oder Parteilichkeit fern liegt, eine Specialgeschichte, die aber den Zusammenhang mit der allgemeinen Cultur- und Geistesgefchichte stets zu erhalten bemüht ist. Trotzdem konnte die ursprüngliche Bestimmung nicht ganz vernachlässigt werden. Es ist deshalb daß vorliegende Werk mehr eine Geschichte der jüdischen Gemeinde, als der Juden in Berlin. Ferner mußte die Festschrift sich auf einen bestimmten Umfang beschranken, weil sie unentgeldlich an alle Gemeindemltgliedervertheilt werden sollte: und es entstand hieraus für den Verfasser bei der Weite des Materials die NLthigung, alle umfassenderen Ausführungen und Darstellungen (sowie überhaupt die Noten) in eine zweite Abtheilung zu verweisen, die nicht mit zur Vertheilung kam: dadurch ist freilich vieles, was zu dein eigentlich Interessanten und Originalen des Geiger'schen Buches gehört, aus der zusammenhängenden Darstellung ausgeschieden. Ueberhaupt aber ist die Aufgabe, die Geschichte der berliner Gemeinde in gründlicher und zugleich anziehender Weise zu' schreiben, eine sehr schwierige. Vorarbeiten fehlen fast gänzlich, die Aufzeichnungen der Gemeinde selbst sind spärlich und lückenhaft, das Material muß von allen Seiten zusammengesucht werden. Ferner ist die berliner Gemeinde eine verhältnißmäßig junge; ihr Historiker hat nichts von den fesselnden, aufregenden Tragödien zu berichten, die sich in den mittelalterlichen Gemeinden abspielten. Das erste Jahrhundert ihres Bestehens ist ein durchaus prosaisches, angefüllt mit kleinlichen Bedrängnissen und Bestrebungen, aber alles Großen und Bedeutenden ermangelnd. Um so anerkennenswerther sind der Fleiß und die Geschicklichkeit, mit welcher der Verfasser diese großen Schwierigkeiten überwunden hat. An handschriftlichen Materialien sind zu nennen: die Hunderte von Fascikeln umfassenden Specialia über Berlin in dem Preuß. Geh. Staatsarchiv, die Aetenstücke des Ministerial- und Cultusministerialarchivs, sowie des Berliner Stadtarchivs; das jüdische Gemeindearchw ist ausgiebiger erst seit d. I. 1S24. Die Druckschriften aller Art, die das jüdische Berlin betreffen, standen dem Verfasser aus der hierin fast vollständigen Bibliothek des Herrn Landshuth zu Gebote. Man sieht, die Materialien lassen an Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig. Die Darstellung selbst ist interessant und anregend, und wenn man über manches eingehendern und umfassendern Aufschluß wünscht, so hat man nur die zweite Abtheilung aufzuschlagen; ich verweise beispielshalber auf die Abschnitte über die Rivalität der Magnus'schen und der Liebermann'schen Familie im Beginn des 18. Jahrhunderts (II, 38 ff.), über die Münzjuden Friedrichs d. Gr. <11, 110 ff.), die Reformbemühungen im Beginn dieses Jahrhunderts (II, 182 ff.), die Cultusangelegenheiten von 1812 bis 1823 (II, 210 ff.), die Schulverhältnisse von 1803 bis zur Gegenwart (II, 234 ff.). Sehr unterrichtend ist ferner die „Ausführung über die Geschichte deö Judeneides" in Preußen (II, 208 ss.). Vermißt hat Referent mit Bedauern jede Erwähnung des trefflichen Veit, der doch für die innere Entwickelung der berliner Gemeinde von der größten Bedeutung war. Sonst ist aber an dem Werke die strenge Unparteilichkeit gegenüber allen Parteien und deren ausgesprochensten Vertretern rühmend hervorzuheben. — um so mehr, je stärker sich gerade unter den berliner Glaubensgenossen die Parteiauffassung und Feindseligkeit geltend zu machen pflegte. LI. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus der Provinz Preußen, 16. October. Die ,.N. Z." enthält einen Artikel, in welchem mehrere flagrante Fälle zusammengestcllt sind, über welche wir im Einzelnen berichtet haben, die aber in ihrer Zusammenstellung des Eindrucks nicht verfehlen werden. Es heißt daselbst: In Elsaß-Lothringen freilich hat die denn doch wesentlich preußische Rcichöregierung das Reichsgesetz ihrer Zusage gemäß mit aller Treue ausgeführt. Sie hat u. A. im geraden Gegensätze gegen das in Preußen selbst von dem Untcrrichtsminister festgehaltene Verfahren so eben nur die Einrichtung getroffen, daß an kf111,..0!!1 - -ober cröffneten kaiserlichen Lyceum die jüdischen Schüler, sobald eitle genügende Anzahl derselben vorhanden sein wird, ebenso gut ihren besonderen Religionsunterricht erhalten, wie die evcmgel'.schen und katholischen Schüler. Man mag von der