Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- Seite 913 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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m derweil der schlechte Freund jenseits der Gebirge wieder in seine Armuth zurückgesunken war. „Hört mir gut zu. „Der schlechte Freund kam abermals zu seinem guten Freund und abermals erbarmte er sich seiner; nur hatte er ihm für dieömal die Hälfte seines Vermögens nicht geschenkt, sondern geliehen, noch mehr, er verlangte von ihm eine schriftliche Bürgschaft, daß, im Falle es einmal Gott gefiele, das Glücksrad wieder umzudrehen, er ein Recht auf die Zurückforderung seines Vermögens haben sollte. Herzlich gern ging Jener in diese Bedingung ein, küßte den Mund seines edelmüthigen Freundes, versicherte ihn seiner Dankbarkeit und begab sich frohlockend in seine Heimath jenseits der Gebirge. „Monate und -Jahre vergingen und wirklich gefiel es dem Himmel, das Glücksrad von Neuem nmzudrehen. Der Arme wurde reich und der Reiche wurde arm. Hoffnungslos, wie er war, gedachte der Edle seines Gläubigers, nahm die schriftliche Bürgschaft und fuhr zu ihm in der sichersten Ueberzeugung, er werde ihm sein geliehenes Vermögen, wenn nicht ganz, wenigstens doch halb zurückerstatten. Aber wie erschüttert stand er da, als ihm sein Freund mit der Ausrede entgegenkam, er könne gegenwärtig nicht den tausendsten Theil -seiner Habe entbehren! Gekränkt bis ins Innerste seiner Seele ging der Verarmte fort und schrie und betete zu Gott, daß er dem undankbaren sein ganzes Vermögen nehme, wie er es ihm genommen, daß er beide in großer Woti; lasse, damit er dem Frevler zeige, daß er auch für ihn betteln könnte, wenn es gelte, den Freund vom Hunger - tode zu retten. Allein Gott erhörte ihn nicht, ließ diesen in seiner Noth und Jenen in seinein Ueberflusse. Der Eine starb kurz darauf in bitterem Elend, den Andern aber erreichte der Tod mitten in der Fülle des Wohlergehens. „Nun kamen sie Beide vor den obersten Nichterstuhl im Himmel. Und der Allerhöchste'beschied den Edlen in daS Paradies, den Gottlosen aber in die untersten Tiefen der Hölle. Als der tugendhafte Freund das hörte, erhob er sich rasch zum Allerhöchsten und sprach: „Wie wird tnir denn mein Paradies wohl bekommen, Herr der Welt, wenn ich weiß, daß mein Freund durch mich in den tiefsten Tiefen der Hölle schmachtet?" Diese Worte gingen wie eine urplötzliche Erschütterung durch alle Herzen der obersten und untersten Engel, daß sie eine zeitlang vor Staunen sich nicht regen konnten. „So sprich denn selbst den Urtheilöspruch!" ließ sich der furchtbare Richter der Welt vernehrnen. Und der gutherzige Freund begann und sprach wie folgt: „Laß uns wieder auf der Erde „Meghlg'l" werden, laß ihn reich, mich arm werden, und da werde ich .Kreuzer für Kreuzer, Pfennig für Pfennig so lange von ihm nehmen , bis seine ganze Schuld getilgt sein wird." „In der That ließ Gott die Seelen Beider in andere Leiber kommen, ohne daß sie jedoch wußten, daß sie „Ghlgilim" geworden waren. Der Arme wandelte bettelnd von Stadt zu Stadt, von Thür zu Thür und gelangte endlich in das HauS des Reichen. Nun verlangte er von ihin mit bittender Geberde ein Almosen. Der Frevler aber fuhr ihn mit sinsterer Miene an und sprach: „Hat Dir nicht Jedermann in der Stadt gesagt, daß ich Bettlern nichts gebe?" Als aber Jener sich zudringlich zeigte, versetzte ihm dieser mit der Hand einen Schlag ins Gesicht, daß der Arme, schwach wie er war, aüsogleich an der Schwelle blutend niedersank und nach wenigen Augenblicken verschied. Der Frevler ließ ihn sofort ins Spital schaffen und vertuschte sein Verbrechen so geschickt, daß kein Richter ihn eines Mordes beschuldigen konnte. ,,Ei, ei, mein Herr aus Warschau, warum werdet Ihr auf einmal so blaß? Ihr sagtet ja eben, daß Euch nichts fehle.?" — „Rabbi, Rabbi —" sprach zitternd und stotternd der „fürstliche" Herr. „Ich bin der unglückseligste Mensch der Welt — ich war es' ja, der den Bettler vor zehn Jahren an der Schwelle uins Leben gebracht. —" „Ihr seid es auch wirklich ," entgegnete ruhig der Balschemtow. „Dann bin ich auch ein Gylg'l!" jammerte .der fürstliche Herr. „Auch das seid Ihr," entgegnete ruhig der Balschemtow. — „Und wenn Ihr die Wahrheit meiner That erschaut, so ist auch die Vergangenheit wahr und meiner harren die Tiefen der Hölle. Gebt mir ein Messer, ich will mich tödten!" — „Nun, nun, verzweifelt nicht ganz," sprach der heilige Zadik; „suchet,, forschet, vielleicht findet Ihr noch die Kinder des Bettlers, damit Ihr ihnen gebet, was Ihr dem Vater schuldig wäret, sonst verfallt Ihr wirklich den Martern der Hölle." — „Ach Rabbi!" rief der bedauernswerthe Herr, „ich kam her, um Euch kennen zu lernen, mittlerweile Hab' ich mich selbst erkannt. Wehe mir!" Ganz vernichtet verließ er das Zimmer deö Propheten und ging wie zerschmettert seines Weges nach Hause. „Also seht Ihr meine Herren und Rabbinen, so kann auch das Geld, welches dein Weibe plötzlich abhanden gekounnen, „gylglgemäß" sein und so mußte es der Jude abholen, damit seine Seele zur Ruhe gelange, und es bleibt demnach verloren in Ewigkeit." Daraus zog mein Samuel für mich die Lehre und sprach: „Wimm Dich in Acht vor der deutscherischen Schule, die Du schon acht Wochen und fünf Tage besuchst; bleibe ein Jude, damit ich nicht nach dem Tode ein „Gylg'l" werde und einen andern Kadisch erziehe, wie es Gott wohlgefällt. Bleibe ein Jude, damit Du nicht nach dem Tode ein „Ghlg'l" werdest, um die „Jüdischkeit", die Du iGott behüte!) verlieren könntest, wieder zur vollen Blüthe zu bringen." Josef R. Ehrlich.