Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- Seite 912 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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912 Nachdem das Weib unterder Begleitung der Hausmägde sich entfernt hatte, staunten die versammelten Zadikim über die prophetische Vermuthung des Rabbi, und da dieser im heiligen Eifer der Rede war, fuhr er fort und sprach laut zur Versammlung: „Meine Herren, Nabbinen und Zadikim, hört mir zu, ich werde euch eine Geschichte erzählen von dem erhabensten, allergrößten Zadik, genannt der „Balschemtow"; sein Geist komme über uns, hört mir wohl zu. „In Warschau lebte seinerzeit ein steinreicher Mann, der von Groß und Klein „Herr" genannt wurde. Er war zwar ein großer „Lamd'n" (Gelehrter), ein großer Kabbalist, verstand allerlei Schriftkünste der Welt, nur war derselbe kein Chasside. Dieser „fürstliche" Herr hörte aber an allen Orten den heiligen Balschemtow loben, was für Zeichen und Wunderthaten er übe vor den Augen der Welt, und faßte eines Tages den Entschluß, diesen göttlichen Mann — sein Geist komme über uns — kennen zu lernen. Die schnellsten Rosse ließ er vor seinen prächtigen Wagen spannen, nahm sich mehrere Diener mit und fuhr im Galopp nach Masibis, wo der Herrlichste der Zadikim wohnte. Dort angelangt, legte er sich die schönsten .Kleider an, füllte seine Säcke mit Rubeln, Ducaten und Imperialen, begab sich zum Zadik, in der Meinung, er werde mit ihm über Talmud, Kabbala u. dgl. reden und erfahren, was für ein großer „Lamd'n" ihn besuche. Allein der „fürstliche" Herr täuschte sich sehr, denn der Balschemtow sprach nur mit ihm über gewöhnliche Weltsachen. Nun dachte sich der Herr aus Warschau: „Willst du nicht erfahren, was für ein „Lamd'n" ich sei, so erfahre, was für ein „Oscher" ^Reicherich bin." Nahm gar viele Rubel, Ducaten und Imperialen aus der Tasche, und überreichte sie dem Zadik auf ein „Pydjen" (ein Geldgeschenk für ein Erlösungswerk, das er an einem Armen entweder schon vollbracht, oder erst vollbringen wird). „Hierauf sah ihn der Gepriesene ernstlich an und sprach: „Was fehlt Euch denn, Herr, daß 3hr mir auf ein „Pydjen" gebt? Was für Erlösungswerk hab'^ ich denn an Euch zu verrichten, daß Ihr schon im vornhinein mir ein Geldgeschenk darbietet?" — „O," erwiderte lächelnd der „fürstliche" Herr, „mir fehlt, gottlob, nichts! Erstens bin ich überaus reich, zweitens bin ich gesund, drittens Hab' ich Die schönsten Töchter der Welt, viertens sind meine Schwiegersöhne große „Lamdneim" (Gelehrte), große Kabbalisten, und fünftens habe ich keine derartige Sünde im Leben begangen, daß ich Grund zu befürchten hätte, ich könnte nach dem Tode ein „Gylg'l" werden." — „Wenn Euch also nichts fehlt," entgegnete der Balschemtow, „warmn kamt Ihr zu mir?" — „Ich habe," gab der Herr aus Warschau zur Antwort, „erfahren, was für ein göttlicher Mensch Ihr seid, was für Wunderthaten Ihr geübt, und da drängte es mich, Euch von Angesicht zu Angesicht zu sehen und zu sprechen." — „Wenn dem so ist," fuhr lächelnd der Balschemtow fort, „wenn Ihr nur darum hergekommen seid, um mich von Angesicht zu Angesicht zu schauen, so sehet nicht mich an, sondern lauschet aufmerksam der Geschichte, die ich Euch gleich erzählen werde. Hört mir aber nur gut zu. „In einer Stadt lebten zwei steinreiche Herren. Sie hatten zwei Söhne gleichen Alters und diese waren gegenseitig die besten Freunde der Welt, sintemal sie in der -Nachbarschaft wohnten. Wie lange aber können Die Söhne der Neichen Jünglinge bleiben? Bis dreizehn, höchstens bis fünfzehn Jahre. Beide wurden zu gleicher Zeit verheiratet. Der Eine zog mit seinem Weibe hundert Meilen jenseits der Gebirge, der Andere hundert Meilen diesseits der Gebirge.. Wie aber die Erfahrung lehrt, nimmt die jugendliche Freundschaft in dein Maße ab. als die Geschäftigkeit des Lebens zunimmt. Anfangs schickten sie sich gegenseitig wöchentlich einen Brief, dann nur monatlich, dann nur jährlich, schließlich aber correspondirten sie gar nicht mehr, vernahmen nur vom Hörensagen, wie es ihnen ergehe, und gar köstlich ist es ihnen ergangen, denn sie waren die Reichsten und Angesehensten in ihren Städten. „Eine geraume Zeit verging,^da ist einer von den Freunden von Stufe zu Stufe immer tiefer gesunken und gerieth beinahe in die Gefahr, an den Bettelstab zu kommen. Nun dachte er bei sich: „Wenn ich einen derartig reichen Freund jenseits der Gebirge, besitze, so wird er mir auch gewiß helfen, wenn ich vor ihm in meiner Roth erscheine." Wirklich begab er sich zu seinem Freunde diesseits der Gebirge, und als ihn dieser erblickte, empfing er ihn mit großen Ehrenbezeugungen und gab zu seinem Besten ein Mahl, wie es König Salomo nicht schöner und reichlicher hätte bereiten können. „Indem sie so bei der Mahlzeit saßen, fragte verreiche Freund den Verarmten: „Bruderleben, wie geht es Dir?" Und jener gab zur Antwort: „Bruderleb, ich kann nicht viel reden. Wisse, die Kleider, die ich trage, sind nicht mein ..." Nichts erwiderte mehr der Freund, es wurde weiter gegessen, gesungen und gespielt, doch als die Mahlzeit zu Ende war, befahl der Reiche seinem Schreiber, eine Rechnung über das ganze Vermögen zu machen und theilte hierauf die Summe mit seinem nothleidenden Freunde. Dieser kehrte jubelnd in seine Heimath zurück, hatte viel Glück im Handel und Wandel, wurde noch reicher als zuvor, dafür aber sank der Freund diesseits der Gebirge immer tiefer und tiefer und war beinahe in Gefahr, an den Bettelstab zu kommen. Nun dachte er bei sich: „Wie ich meinem Freunde aus seiner Roth geholfen, so wird er. wenn ich nur zu ihm komme, gewiß auch mir aus meiner Roth helfen." Allein er täuschte sich sehr, denn der Neichgewordene wollte ihm selbst kein Zehntheil seines Vermögens anbieten, ja nicht einmal zu Tische wollte er ihn laden. Was chm ein frommer Mann? Er ruft Gott an. Also lief er eiligst in ein Bethaus und klagte weinend sein Leid dem Herrn der Welt. Und der Herr der Welt erbarmte sich seiner, half ihm empor mit eigener Hand, so daß er das Zehnfache seines früheren Vermögens bekam,