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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-07 · Heft 45 (7.11.1871) · p. Seite 911

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 45 (7.11.1871)
Date
1871-11-07
Page
Seite 911 (sequence 17)
Language
German
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9 Allgemeine Feuilleton-Beilage M Nr. 45. Leipzig, den 7. November 1871. Aus dem chiissidäischen Äbett. Wie lief das Judenthum durch den Chassidismus heruntergebracht worden, wie sehr es unter dem Wüstenwinde dieses Aberglaubens entartet ist, ersieht m.an aus einer, dem Leben entnommenen Schilderung, welche vor einiger Zeit wiener und ungarische Blätter brachten. Wir halten es daher für geboten, dieselbe hier wiederzugeben: Zu Ropschiz, einem chassidäischen Städtchen in Galizien - so erzählte mir mein Pflegevater, der Chasside Samuel — kamen einst alle Zadikim und Rabbinen des Landes zusammen, um den Todestag des heiligen Ropschrzer Rabbi zu feiern. Das wußte jevcr Fromme, darum kamen auch viele Unglückliche dahingepilgert, um einen kräftigen Segen von den Händen Aller zu empfangen. Da sitzen nun die heiligen Männer im großen Saale des Verstorbenen bei ihrer gemeinschaftlichen Mahlzeit und sprechen gar hohe, geheimnißvolle Dinge miteinander. Es öffnet sich die Thüre und ein schluchzendes Weib kommt wankendes Schrittes herein und beginnt mit ringenden Händen die schmerzliche Klage: „Theure Rabbinen! heilige Zadikim — hört mich an und rettet mich aus meiner Angst, aus meiner bitter» Roth! Ihr seht ja so Vieles, was nicht zu sehen, und hört so Vieles, waS nicht zu hören; den sichersten Besitz macht ihr verlieren, und den sichersten Verlust wandelt ihr wieder in Besitzthum. Ach, vorige Woche gab ich einem frommen Manne achthundert schwere und theure Gulden, daß er mir auf den Dörfern Flachs einkaufe zum Spinnen. Der Mann ist plötzlich gestorben und mit ihm, weh mir, ist ulein ganzes Geld dahin. Kein Mensch weiß, wo er es hingethan, ob er es verwahrt oder verlorenoder ob man es ihm, Gott behüle,'gestohlen. O göttliche Rabbinen, schasst mir Rath, weisen Rath, denn mein Unglück und Jammer ist groß. Oesfnet mir die Augen, daß ich erfahre, wo mein Gold ist, oder sagt mir den Weg, ich gehe' hin und wären es tausend Meilen von hier ..." Die Männer besprachen sich sofort untereinander, doch konnten sie dem Weibe nicht Anderes als die „himmlische" Versicherung geben, daß sich ihr Geld bald sinden dürfte und daß sie vorläufig ablasse von ihrem Klagen und Jammern; denn immer wähnt der Mensch das, woran sein Herz hängt, für verloren, wenn es auch gleich hinter seinem Rücken sich befindet. So die Zadikim. Allein ein gewisser Raw, Rebb Schulim aus Kamicnka, ein kleiner und kurzsichtiger Rabbi, der die tröstenden Versicherungen der Rabbinen zu belächeln schien, erhob sich rasch von seinem Sitze und sprach mit halb geschloffenen Augen zu dem fernestehenden Weibe: „Höre mich, Weib, baue Du ja nicht auf die zwar frommen, aber unprophetifchen Worte der hier versammelten Zadikim! Dein Geld ist, sag ich Dir, verloren. Der Jude, der es von Dir nahm, war ein Gylg'l. Fragst Du, was ein „Gylg'l" sei, so sag' ich Dir, ein Gylg'l ist eine verstorbene, aber zurückgekehrte Seele, die wegen einer quälenden Ursache keine Ruhe oben hatte und darum wieder in diese Welt kommen mußte, um durch eine entsprechende Handlung den wahren Frieden zu erlangen. Wer weiß, ob er nicht jetzt auch Gylg'l ist und wie viel Mal er noch ein Gylg'l werden muß wegen der Sünden, die er in der zweiten, dritten oder vierten Epoche seines Daseins gegen sich oder gegen Gott begangen. Wer weiß, ob Du nicht auch ein Gylg'l bist und daß Du darum auf diese Welt zurnckgekommen, damit jener Mann von Dir die achthundert Gulden bekomme, die einmal ihm gehörten und die Du nngerechterweise von ihm genommen, weshalb seine Seele im Himmel keine Ruhe hatte. Daß er aber wirklich ein Gylg'l war, zeigt, daß er gleich darauf verschied, wie es bei allen „Gylgilim" der Fall ist, und seien ihre Leiber noch so stark und gesund. Es scheint daher, daß das Geld nur Dein scheinbares Gut war, und daß Tu vielmehr auf einer Welt des ..Herumirrens" bist und daß' Du nach jeder verrichteten Handlung > um derentwillen Du zurückgekommen, unverhofft sterben kannst .. . Auf diese fürchterlichen Worte wankte das Weib, von Schrecken erfaßt, bis an die Wand unb glitt daselbst ohnmächtig auf den Boden nieder. Und als sie wieder zu sich gekonunen, schwor sie dem gefürchteten Rabbi, nicht mehr an das Geld zu denken, sondern an den Ort ihrer eigentlichen Bestimmung, an die heiligen Raume des Himmels.

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