Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- Seite 904 (sequence 10)
- Language
- German
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904 aber die Wunder sind ausgeblieben. Die großes jüdische Masse ist ganz unbeweglich geblieben, und hat ihren früheren Standpunct nur um ein Geringes verschöben, und von deu vielen Jünglingen, die der Bildung und Wissenschaft näher getreten, haben nur sehr wenige eine höhere Stufe erreicht, noch wenigere sich irgend besonders bemerklich gemacht. Die Leistungen der polnischen Juden sind immer noch an den Fingern herzuzählen. Die größere Masse derjenigen, welche die Bildungsstufe ihrer Väter verlassen haben, hat sich mit einem sehr oberflächlichen Firniß begnügt, und ist dafür so blasirt geworden, daß sie ebenso gleichgültig gegen das Judenthum wie gegen die Cultur ist. Wie dieses Convolut einmal beschaffen ist, so bleibt es, und Germanismus oder Polonismus bringt nur unbedeutende Oscillationen hervor. Es scheint den polnischen Juden zwar nicht an Originalität, wohl aber an Productivität zu fehlen, und ohne letztere ist erstere eher vom Nebel als vom Nutzen, denn sie führt zur Einseitigkeit, die nichts schafft. Eine andere traurige Erfahrung will ich nicht verschweigen: nämlich, daß ich mehrere Jünglinge gekannt habe, welche mit großer Anstrengung sich aus ihrer vernachlässigten Erziehung herausgearbeitet und sich eine merkwürdige Masse von Kenntnissen ungeeignet hatten, daun aber so kränklich und schwach wurden, daß sie für jede anstrengende Gciftesthätigkeit unfähig waren und gerade dann des Lohnes ihrer Mühsal beraubt wurden, wenn sie denselben zu ernten hoffen konnten. Es wurde mir dies leider bei einer Neise auch in einigen deutschen Städten bestätigt. Uebrigens will ich noch bemerken, daß dieser Mangel an productivem Geiste sich bei den polnischen Juden auch in industrieller Beziehung kundthut. Bei aller Gewandtheit, Beweglichkeit und Unermüdlichkeit, ja bei vieler Schlauheit, dreht es sich bei ihnen stets verhältnißmäßig doch nur um den Handel im Kleinen. Ter Blick ins Große fehlt ihnen, und daher kommt es, daß die vielen Schätze an Producten in unsrer Provinz lange nicht genug ansgenutzt werden. Ich meine hier den soliden Speculationsgeist, der es versteht, das vorhandene Einzelne zusammen zu thun, die kleine Production in eine große zu verwandeln, und durch Belebung des Ex - und Imports die brach liegenden Gebiete zu bearbeiten und nutzbar zu machen. Hierin gebricht es bei uns durchaus an Initiative, und man müht sich nur ab, die Erzeugnisse im Kleinen zu gewinnen, während Niemand Geist genug besitzt, die Wege zu ebenen, um sie zum Vortheil des Landes und zum eignen in große Production zu verwandeln. Der Stoff dazu liegt urchenutzt da und verkommt. Ich habe hierüber öfter urtheilsfähige Reisende gesprochen, die hierher kamen, um womöglich Verbindungen für Fabrik und Handel anzuknüpfen, und wohl die vorhandenen Rohstoffe im Urzustände fanden, aber keine Menschen, um sie zu sammeln und zu bearbeiten. Da Sie mich einmal befragten, habe ich mich darüber äußern wollen. Sie wissen, daß ich kein Geschäft ans Anschuldigungen mache. Aus Galizien, im October. Zur Charakterisirung der Gesinnung der Polen und dessen, was sich die Juden von den Polen zu versehen hätten, läßt sich die „N. fr. Pr." schreiben: Eine dieser Tage in Krakau im Kraj'schen Berlage erschienene Broschüre illustrirt ebenfalls die polnische Bruderliebe. In jeder Shlbe fast enthält sie ein Schimpfwort über „Indengesindel". Der Autor dieser Scharteke hat einen literarischen Exceß gegen die Juden verübt, welcher höchst wahrscheinlich thatsächliche Erawalle zur Folge haben wird. Tie Unduldsamkeit der galizischen Bevölkerung bedarf nur eines leisen Mahnwortes, und ihr Haß gegen die „übelriechenden Ritter von Jericho" entflammt und macht sich in Jndenhetzen Luft. Wir müssen noch bemerken, daß der Pamphtetist gar keine Facta zur Motivirnng seiner alles Maßes entbehrenden Verleumdungen anführt, sondern giftgeschwollene Phrasen über Phrasen häuft. Wir behalten uns vor, auf dieses wahrhaft polnische Meisterwerk noch einmal zurückzukommen. Wien, 20. Oct. 'Privat,n.) Die Angelegenheit bezüglich der Errichtung der jüdisch-theologischen Facultät, welche längere Zeit ruhte, scheint wieder in Fluß zu gerathen. Was ich über den. Stand derselben vernommen habe, will ich Ihnen hier mittheilen. Das Elaborat des all hoc eingesetzten Eomitss wurde den Gemeindcvorsiänden zu Wien, Prag, Brünn, Lemberg und Krakau, ferner an die Herren Placzek, provis. mährisch-schlesischen Landesrabbiner in Boskowitz, und Professor vr. Kämpf in Prag zur Begutachtung übersendet. Nachdem die Gutachten eingelaufen waren, wurden sie dem Comits zugeschickt, um die gestellten Amendements "re. zu prüfen und wenn gebilligt zu berücksichtigen. Thatsächlich ^wurden auch die meisten