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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-11-07 · Heft 45 (7.11.1871) · p. Seite 903

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 45 (7.11.1871)
Date
1871-11-07
Page
Seite 903 (sequence 9)
Language
German
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903 nicht btoS die Römlinge, Rom selbst hat sich ausgesprochen. Herr von Lutz sagt: „Die eben verlesenen Sätze sind alle auch in früheren päpstlichen Erlassen enthalten, welche von den der Curie nahestehenden, von ihr belobten und approbirten Autoren als dogmatische Aussprüche bezeichnet werden. Daß man dies Letztere zu thun vermag, das ist die Wirkung der Coucilsbeschlüsse. Mit den Beschlüssen vom 18. Juli 1870 har die Curie die Macht erhalten, solche Sätze auch künftig nach Bedarf zu Glaubenssätzen zu erheben. Wer zweifelt, daß sie es zu thun beabsichtige, sobald die Zeiten dazu angethan? Man überfliege doch das auf dem Concil vorgelegte Schema de ecclesia Christi, über das Verhältnis; von Staat und Kirche, also eine ganz officiclle Auslassung, deren wesentlicher Inhalt in folgenden Sätzen besteht:' „Der Papst hat Herrschaft, Gerichtsbarkeit, Strafgewatt nicht blos über die ganze Kirche, sondern auch über jeden Einzelnen, der getauft ist. So hoch die Seligkeit über Nutzen und Güter des irdischen Lebens, so hoch steht die Kirche über dem Staat. Darum muß jeder Mensch den Nutzen der Kirche allezeit über das Wohl des Staates stellen. Die oberste Kirchengewalt entscheidet darüber, was die Fürsten und die Negierungen bezüglich der bürgerlichen Gesellschaft und der öffentlichen Angelegenheiten zu thun und zu lassen haben. Der Papst entscheidet in diesen Dingen nicht blos als Inhaber des obersten Lehramts, er hat auch das Liecht, mittels Zwang und Strafe Jeden, er sei Monarch oder einfacher Bürger, zur Unterwerfung unter seinen Spruch anzuhalten. Wo immer ein Staätsgesetz in Widerspruch steht mit einem Kirchengesetz, da geht das letztere vor, und dem Bann verfällt der, welcher behauptet: daß etwas nach bürgerlichem Gesetz ertaubt sei, was ein kirchliches Gesetz verbietet." Diese Citate sind doch wohl im Stande, auch dem Blödesten die Augen zu öffnen, ihm zu zeigen, daß es durchaus keine Uebertrcibungen waren, als man anfing, die wirklichen Absichten der Ultramontanen ans Licht zu ziehen, und daß diese selbst in die offene Schlachtreihe gerückt sind, ohne das Ziel zu verbergen, welches sie mit allen möglichen Waffen erkämpfen wollen. Oesterreichischungarische Monarchie. Aus Galizien, im October. (Privaünitth.) Sie fragen mich, welche Wirkung die Polonisirung des Schulwesens, wie sie jetzt in unsrem Kronlüttde durchgcführt wird, auf die jüdische Bevölkerung habe und haben werde? In Wirklichkeit kann sich dies, bis jetzt wenigstens, nur auf die höheren Lehranstalten beziehen, denn die jüdische Masse mit ihren wenigen Schulen und vielen Chedarim wird nicht davon berührt, und lebt in ihrem Jargon weiter. Daß die wissenschaftliche Bildung durch die Entfremdung vom Deutschen nicht gewinnt, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Der Pole ist von jeher beweglich und darum oberflächlich gewesen, und so ist es gekommen, daß sich wenige Natiorralpolen, ausgenommen im Militärweseu, ausgezeichnet und einen Namen erworben haben. Die jüdische Jugend auf höhern Lehranstalten ist nun sehr geneigt, sich den Polen anzuschließen und für die polnische Nationalität zu begeistern , wie dies auch im Königreich Polen der Fall war und, wie ich mich aus meiner Jugend erinnere, selbst im Großherzogthum Posen vorgekommen ist, wenn auch hier vor langer Zeit. Ich zweifle daher nicht, daß, wenn das polnische Element auf Universität und Gymnasien die Oberhand behält, die gebildete jüdische Jugend Galiziens sich gänzlich polouisiren und damit dem eigentlichen wifsenschastlichen Leben entziehen werde. Im großen Ganzen jedoch wird dies von keiner weitgreifenden Bedeutung sein. Denn ich muß Ihnen gestehen, daß urich seit längerer Zeit hinsichtlich der Cultur der galizischen und polnischen Juden überhaupt eine große. Verzagtheit ergriffen hat, vielleicht eine Folge zu weit gespannter Erwartungen tu meiner Jugend. Bei uns, wie bei den Juden aller cultivirten Länder, war hinsichtlich der polnischen Juden eine sehr vortheilhafte Meinung verbreitet. Noch aus den pilpulistischen Zeiten und bei der großen Gewandtheit, welche die polnischen Juden überall in Handel und Wandel zeigten, war die Meinung von der großen Geistesbegabung dieses Volkes allgemein verbreitet. Man traute ihm einen außerordentlichen Scharfsinn, eine merkwürdige . Fassungsgabe, eine eminente Gewandtheit und Beweglichkeit des- Geistes zu, so daß, wenn erst Bildung und Cultur in dasselbe eingedrungen, Wunder von Genie und Talent sich offenbaren würden. Nun, Bildung und Cultur sind gekommen, drangen wohl auch ein — 45

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