Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- Seite 901 (sequence 7)
- Language
- German
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901 „Der Oberkirchenrath habe dann in seinem Erlaß vom 17. April jenes Edict, gegen welches so viele Verwahrungen eingegangen, nicht gebilligt, man hätte also meinen sollen, er müsse dem Eonsistorium aufgcben, die einem großen, chrenwerthen Theil unseres Volkes angethane Beleidigung zu sühnen, wie göttliches und menschliches Recht, aber im Gegentheil schütze der Oberkirchenrath das Eonsistorinm und enthebe es aller menschlichen Pflichten, weil es .,ex cathedra“ gesprochen. Damit habe der Ober kirchenrath die Praxis der Jnfallibilität vollzogen." Jedenfalls sieht man, daß in der protestantischen Kirche der Nationalismus nicht tobt ist, sondern sein Haupt wieder zu erheben beginnt. Bonn, 29. Octobcr. (Privatm.) Der Artikel ans der Provinz Posen in Nummer 13 hat uns bereits mehrere Zuschriften zugezogen. Wenn irgendwie eine sachliche Berichtigung und Widerlegung gegeben wordcn wäre, würden wir sie mit Vergnügen veröffentlicht haben. Aber blos witzelnde und hämische Bemerkungen sind des Ernstes der Sache nicht würdig und bringen ihr keinen Fortschritt. Der Haupteinwand ist, woher die Lehrer die Mittel nehmen sollen, etwa nach Mannheim zu einer Versammlung zu reisen. Dies wurde Ihnen aber in dem beregten Artikel auch gar nicht zngemnthet und das Unpassende eines solchen Versammlungsortes in der Südwestecke Deutschlands auch in diesem Blatte betont. Aber es wurden in der Provinz Posen selbst, sowie in anderen Provinzen wiederholt Versuche gemacht, Vereine der jüdischen Lehrer zur gegenseitigen Unterstützung, Belehrung und Kräftigung des Lchrerstaudes zu gründen, und nach einer Provinzialhauptstadt zu reisen, macht doch kein großes Opfer aus. Aber alle diese Versuche waren vergebens. Es kann nur tvillkoiumeu sein, wenn der besprochene Artikel einen recht tiefen Eindruck gemacht hat, und Niemand wird freudiger zugestehen, daß die Klagen des geschätzten Evrrespondenten gegenstandslos geworden, als der Nedacteur dieses Blattes. Frankfurt, 26. October. Heute ist ein Nescript der königlichen Negierung in Eassel in Betreff des Verhältnisses der israelitischen Realschule zu den. sic besuchenden christlichen Schülern hier eingetrosfen. Bekanntlich sollten nach einer Verfügung des Herrn von Mühter die christlichen Zöglinge der israelitischen Realschule, auch wenn sie dieselbe absolvirten, nicht das Recht zum einjährigen Freitvilligendienst haben. Der Rcichstagsabgeordnele Son neman n hatte in der vorigen Session diese factische Ungleichheit vor dem Gesetze znm Gegenstände einer Interpellation gemacht und Herr Delbrück Abhülfe zngesagt. Dieselbe ist erfolgt, indeur nun dieses seitherige Hinderniß beseitigt und die christlichen Schüler der israelitischen Realschule wie ihre jüdischen Kameraden die Berechtigungsscheine znm einjährigen Freiwilligendienst erhalten. Wolfenbnttel, 27. Oct. (Privatm.) Am 24. Oetober d. I. Nachmittags 3 Uhr wurde der neue Director der Samsonschule, Dr. Moritz Nosenstock aus Posen, von der Administration des „Sarnson'schen Legatenfonds" in sein Amt eingeführt. - Zu dieser Feierlichkeit hatten sich außer den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und den Spitzen der städtischen Behörden auch viele hervorragende Männer ans der hiesigen christlichen Bürgerschaft sowie viele auswärtige Gäste, u. A. die Herren Rabbiner Dr. Herzfeld aus Braunschweig und De. Rcchmer aus Magdeburg, sowie viele Glieder der Samsonst'chen Familie aus Braunschweig und Hannover eingefunden und in den festlich geschmückten Räumen der Anstalt versammelt. Ein Choral der Zöglinge leitete die Feier ein, worauf Herr Administrator G. Jacobson in einer gehaltvollen Diebe dem neuen Director das Amt übergab, mit beredten Worten die Verdienste des bisherigen Directors Dr. Ehrenberg sowie dessen Vorgängers und Vaters S. M. Ehrenberg um das Gedeihen der Samsonschnle schilderte und den Wunsch aussprach, daß, wie die Liebe diese 'Anstalt als eine Pflanzstätte der Erziehung und Bildung begründet habe, auch in Zukunft die wahre, reine Menschenliebe das Grundpriucip ihrer Wirksamkeit bleiben möge. Dieser eindrucksvollen Rede folgte ein von einem Schüler der Oberclasse an den neuen Director gerichteter Fcstgruß, worauf dieser in einen: längern Vorträge das Thema behandelte: „Sind Knabenerziehnugsinstitute überhaupt von Nutzen? Welche Resultate muß ein richtig geleitetes Erziehungsinstitut erzielen und welche Vortheile gewährt die Samsonschnle spccietl den ihr anvertrauten Zöglingen?" Ein Choral schloß den Actus, worauf ein gemeinsames Vesper die Gäste, die Lehrer und Zöglinge der Anstalt noch einige Zeit vereinigte.