Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- Seite 897 (sequence 3)
- Language
- German
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897 Praktischen Gebiete können wir den Gegnern der Hochkirchler keinen Fuß breit einraumen, und wir wüsten für uns Alle in Anspruch nehmen, was sie als ihr „Christenthum" bezeichnen. Der Leitartikel der „K. Z." sagt ferner: „Mögen die, welche sich die bestellten Hüter des Christeuthums nennen, inne halten auf einer Bahn,* die fic längst vereinsamt hat und, wie bisher weiter verfolgt, dem Geiste ihres Volkes gänzlich entfremden muß. Verträgt sich mit ihrem Glauben an eine göttliche Leitung der Geschichte die 'Annahme, daß die Menschheit einmal einen großen Ruck vorwärts gethan habe, um dann für immer in Leblosigkeit zu erstarren, wie eng, wie trostlos ist dann dieser Glaube! Wir haben einen anderen. Für uns macht die aufsteigcnde Erziehung der Menschheit nicht Halt auf einer beliebigen Sprosse, die der Dogmatiker willkürlich bezeichnet. Wir folgen den Spuren der Gottheit im fortschreitenden Leben der Völker und bedauern die, welche von dem allgegenwärtigen Wehen ihres Geistes nichts vernehmen." Wir stehen auch hierin ganz auf Seilen des Leitartikels der „KZ.", aber wir müssen doch mit den von ihm bekämpften Gegnern sagen: Dies ist kein Christenthum, dies ist die Religion der Humanität, die Religion der fortschreitenden Entwickelung, welche die Erlösung der Menschheit vom Uebel in der Leitung der göttlichen Vorsehung und in der fortschreitenden Verwirklichung des Rechtes, der Liebe und des Friedens, einer Verwirklichung, die sehr langsam, aber sicher fortschreitet, nicht aber in irgend einem Factum, das zu der und der Zeit, an dem und dem Orte geschehen sein soll, findet, und dieses letztere ist doch der wesentliche Inhalt deö „Christenthums," das sonst eben sich in Nichts als die praktische Humanität verwandelt, dann aber als etwas Besonderes nicht mehr besteht. Was Ihr da für Euer „Ehriftenthum" ausgebt, das ist die Religion des Prophet ismu s, der noch durch einen seiner letzten Vertreter ausruft: „Dies sind die Dinge, die ihr thun sollet: redet Wahrheit Einer mit dem Andern; nach Wahrheit und Gericht deS Friedens richtet in euren Thoren; und sinnet Keiner das Unheil des Anderen in eurem Herzen, und falschen Schwur liebet nicht; denn alles DieS haste ich, spricht der Ewige." (Secharjah 8, 10. 17) unb 53. 10: „Nur liebet die Wahrheit und den Frieden!" So spricht Michah 0, 8: „Verkündet hat er dir, o Mensch. waS gut und was der Ewige von dir fordert: nur Recht zu üben, und Huld zu lieben und demüthig zu wandeln mit" deinem Gott." Und wurzelt dies AtteS nicht im Worte Moses ("> Mos. 10, 12): „Und nun, Israel, was fordert der Ewige, dein.Gott, von dir, al§ daß du ehrfürchtest den Ewigen, deinen Gott, in allen seinen Wegen wandelst, und ihn liebest, und dem Ewigen, deinem Gott, dienest mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele?" Und brauchen wir wohl all die erhabenen Aussprüche hier auzuführen, durch welche die Propheten verkündigten, daß dereinst alle Völker sich einigen werden in der Erkenntniß GotteS und in einem Reiche des Rechts, der Liebe und des Friedens, in welchem aller Krieg, aller Haß, alle Feindschaft keine Stätte mehr finden werden? Genug, wir wollten hier aus den öffentlichen Kundgebungen selbst conflatiren: daß die eine Partei das Christenchum für untergegangen erklärt, weil die confcfsionelle Scheidung in der Gesellschaft aufgehört und die kirchlichen Dogmen keine Herrschaft mehr üben, daß die andere Partei ihr Christenthum nur in der praktischen Uebung der Tugend und Pflicht und in der fortschreitenden Entwickelung der Menschheit findet, Momente, die über das Christenthum hinaus im Judenthume wurzeln und in der Humanität überhaupt ihren Ursprung und ihre wachsende Entsaltung haben. Das Such Secharjah. (S ch l u ß.) Um es noch einmal zusammenzusasten, so sind für die Zeit des älteren Secharjah, des Verfassers von Capp. 9—11 die Kriterien folgende: 1) das Reich Israels ist bereits untergegangen;*) 2) der noch zwischen Assyrien und Aegypten schwankende Kamps, so jedoch daß Aegypten die jetzt Inda beherrschende Macht ist; 3) der Tod des Königs Jofijah bei Meggiddo (12, 11), um welchen die herbe Klage geführt ward;**) 4) die Nichterwähnung der Chaldäer, welche zum ersten Male nach der Schlacht bei Circesium ans Juda stießen; 5) die *) Deshalb kann unser Prophet nicht der Secharjah sein, der noch zu Usijahs Zeit verstorben ist (2 Chron. 20, 5). **) Darum kann er auch weder der Secharjah, Sohn Berachjahs, unter Aha8 (Ies. 5, 2), noch der Levit Secharjah unter Hiskijah (2 Chron. 29, 13) sein. 45*