Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- Seite 896 (sequence 2)
- Language
- German
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896 geführten Klage? Doch nichts Anderes, als daß in diesem Kriege. Protestanten, Katholiken und Juden ohne confessionelle Unterschiede vereinigt und vermischt für das gemeinsame Vaterland kämpften, bluteten und starben, und in allen Werken der Aufopferung und Hingebung, um die Wunden des Krieges zu heilen, sich keine einzige confessionelle Trennung, sondern eine allseitige Verschmelzung in der Begeisterung und in der Liebe bethätigte. Und dasselbe fand auch auf Seiten des Feindes statt, und die hier und da in Frankreich versuchte confessionelle Aufreizung konnte keinen Boden erlangen. Würden die deutschen Regimenter in protestantische, katholische und jüdische getrennt werden, und jedes dieser mit einem confessionellen Schlachtruf in den Kampf gezogen sein — dann hätten wohl jene Zeloten ihre Klage nicht angestimmt. Daß nun ferner das neue deutsche Reich sich ohne Unterschied aus allen Confesstonen zusammenbaut und seinen Grundbau in der Parität aller Religionsparteien , d. h. in der Confessionölosigkeit des Staates an sich besitzt, daß insonders Preußen vermöge seiner Hegemonie im deutschen Reiche nicht mehr als „Hort des Protestantismus", sondern als Hort des consessionellen Friedens und der consessionellen Gleichberechtigung erscheinen und handeln muß — das ist Grund genug für die Pietisienpartei, sich in Sack und Asche zu kleiden und nach ihrer Manier auszurufen: „Das Christenthum ist im Kriege 1870 untergegangen!" Was ist es nun, was von der anderen Seite entgegnet wird? Es liegt uns hierzu der Leitartikel der „Kölnischen Zeitung" vom 26. October, erstes Blatt, vor. Man ruft den Hochkirchlern entgegen: Ja, Euer Christenthum, daS ist das dogmatische, ist in diesem Kriege nicht zum Ausdrucke gekommen. Aber es giebt noch ein anderes Christenthum, das praktische, die Bewährung jeder Christenpflicht und Christenlugend, und dies hat sich gerade in diesem Kriege in einer seltenen Weise kundgethan. Die „K. Z." ruft auS: „Wären die Männer der streng kirchlichen Parteien wirklich die Einzigen gewesen, die nichts empfanden von der Erhabenheit jener christlichen Selbstaufopferung, mit der dieses friedfertige Volk „Pflug und Hammer, Buch und Kanuner", Weib und Kind freudig verließ, um in den Kampf zu eilen für alle seine Heiligthümer? Sollte an ihnen allein der überwältigende Eindruck jener Julitage verloren gegangen sein, wo der Later den hinausziehenden Sohn, daö Weib den Mann, der Krieger die daheimbleibenden Lieben dem Schutze des Himmels empfahl, wo das Volk in nie erlebter Bewegung zu den Altären strömte, um den Segen der Gottheit zu erstehen für 'eine gerechten Waffen? Und die Lazarethe, wo unzählige Liebeöwerke geschahen an dem verwundeten Feinde, der kein Feind mehr war, so gut als an dem leivcnven Landsmann, mit Einem Wort, die ganze unbeschreibliche Erhebung aller edlen und hochherzigen Triebe, deren die Menschenbrust fähig ist, die auf zwanzig Schlachtfeldern, in Tausenden von Krankenhäusern von Jung und Alt ohne Unterschied des Standes und Geschlechts ein Jahr hindurch freudig und segensreich bethätigt worden ist ohne zu ermatten oder zu murren, bedeutet das alles gar nichts vor dem Richterstuhl geistlicher Hoffart? Wenn darin kein Christenthum war, dann möchten wir das Ehristeuthum kennen lernen, das in diesem Krieg „zu Grunde gegangen ist"." Es ist dies gewiß recht schön gesagt; nur hätte der Verfasser dieses Leitartikels hinter den Worten: „ohne Unterschied des Standes und Geschlechts" nicht auslasscn sollen „und ohne Unterschied der Religion" — dann würde das Raisonnement doch einen anderen Ausgang haben nehmen müssen. Die Männer der Kirche schon würden antworten: Rein, das sind allerdings Pflichten und Tugenden, die das Christenthum vorschreibt, die aber das eigentliche und wirkliche Christenthum nicht sind, denn dieses besteht im Glauben, im Glauben an die Erlösung der Menschheit durch den Tod Jesu und an die Göttlichkeit des letzteren. Ohne diesen Glauben ist nichts wahrhaft christlich, und wo dieser Glaube nicht auf die Fahne geschrieben ist, da ist auch bei.aller Tugend und Pflichterfüllung kein Christenthum. Aber noch ganz andere Männer werden Jenem entgegnen: Wenn das Christenthum diese Pflichten und Tugenden vorschreibt, so thun dies die anderen Religionen auch, und sie sind ebenso jüdisch wie christlich, ja sie waren anderthalb Jahrtausende eher jüdisch als sie erst christlich wurden. Roch mehr: hat es niemals heidnische Völker gegeben, welche in gleicher Weise, wenn auch nicht mit den Mitteln der jetzigen Cultur, vorgingen, wäre der Islam und der BuddhiSiuus nicht, wenn die Cultur sich mit ihnen verbunden, ebenfalls hierzu geeignet? Kennen wir keine Lehrer des Alterthums, die in diesem Geiste gelehrt und gesprochen haben? Wir gelangen hier zu dem, was wir Humanität und Cultur nennen, was in den verschiedensten Epochen mehr oder weniger in der Menschheit lebte unb durchdrang, und was in seinem Ideale überall vorhanden war, keimte und sproßte. Auf diesem