Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1871)
- Date
- 1871-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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35. Jahrgang. Allgemeine JW 45. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HerauSgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Phitippfon in Bonn. Leipzig, den 7. November 1871. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstag-, in 2 bis 2>,', Bogen. Preis deS Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig t Thlr. Inserate werden mit 1 >/, Ngr. für die Pctitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und ZeitungS-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich das König«. Sachs. Haupt-ZeitungS-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Noch eine kirchliche Erscheinung. — Das Buch Sccharjah. «Schluß.) — Literarischer Wochenbericht: Bonn. Zeitungsnachrichtenr Deutschland: Berlin, Stettin, Bonn, Frankfurt, Wolsciibüttel, München. — Oesterreich! sch-n ng arische Monarchie: Aus Ealizien, Wien. — Schweden: Ncrrköping. — Rußland: Ans Polen, Aus Warschau. — Brasilien: Rio de Janeiro. — Nordamerika: Chicago. — Nachtrag: Berlin. Feuilleton-Beilage: Aus dem chassidäischcn Leben. — „Rabbi Sunou ben Jochai" und der.siebenjährige Krieg.— Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 29. October. Noch eine kirchliche Erscheinung. Im Laufe dieses Monats fand in Berlin eine pietistisch-protestantische kirchliche Versammlung statt, die mit großer Feierlichkeit angekündigt und abgehälten, vom deutschen Kaiser selbst mit einem mehrstündigen Besuche beehrt, und in welcher Vorträge über Alles, JedeS und noch Etwas gehalten wurden, um die protestantisch-kirchliche Meinung mit großem Geräusch kundzuthun. So demüthig die Zeloten aller Religionsparteien sein oder vielmehr scheinen wollen: sie lieben es, in die Oesfentlichkeit hinauszutreten und Lärm zu schlagen, und rechnen dies sich noch als eine „Zeugenschaft zur Ehre Gottes" hoch an. Bekanntlich hat der Protestantismus seit seinem Beginne, so wie er sich gleich Anfangs in meh. rere Kirchen auseinauderschlug, sehr verschiedene Geistesströmungen durchgemacht. Der starr dogmatische, puritanische, mystische, rationalistische, letzterer entweder nüchtern einfach, oder sentimental oder phantastisch, und der buchstaben-gläubige Geist beherrschte abwechselnd, oft zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten die protestantische Kirche. Seit Friedrich Wilhelm IV. ist die starr orthodoxe und buchstabengläubige Richtung in der preußischen Kirche die obherrschende, während in den sächsischen Herzogthümern, in Nassau und Baden der Rationalismus sich erhalten hat. Es ist daher auch erklärlich, daß man seit 1840 die Pietisten in Preußen stets auf Seiten der feudalen Neaction fand und daS ausschließliche Preußenthum ein Idol derselben war. In dieser Berliner Octoberversammlung erscholl nun als ein Schlagwort der Klageruf: „In dem Kriege von 1 870 ist das Christenthum untergegangen!" So wenig die ganze Versammlung einen dauernden Eindruck zu machen vermochte, so hat dieses Schlagwort doch großes Aufsehen erregt, so daß mehrere große Blätter nicht umhin konnten, dagegen aufzutrcten und ihre Entrüstung kundzugeben. Hierdurch, durch jene Klage der „kleinen, aber mächtigen" Partei, sowie durch den erhobenen Widerspruch und die Art des letzteren ist der darin liegende Gedanke zu einer bestimmten Erscheinung geworden, welche auch wir nicht übersehen dürfen. Sie reiht sich eben all den anderen auf kirchlich-politischem Gebiete an, welche, vor den großen Bewegungen des letzten Jahres in den Hintergrund getreten, sich nunmehr wieder vordrängen und mit großem Geräusche geltend zu machen suchen. Was bewegt wohl die Hochkirchler zu der oben an-