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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-31 · Heft 44 (31.10.1871) · p. Seite 893

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 44 (31.10.1871)
Date
1871-10-31
Page
Seite 893 (sequence 19)
Language
German
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893 Schon am andern Morgen antwortete er ihr, und der eifrig gepflegte Briefwechsel, der sich daran knüpfte, weckte in Beiden den lebhaften Wunsch, sich wieder zu sehen. Sie sahen sich wieder. Aber bevor Markus nach N. reiste, hatte er nach ernster Erwägung bei sich den Entschluß festgestellt, niemals seine Unabhängigkeit aufzugeben. Kurz vorher — denn wie das Mißgeschick, so kommt auch das Glück selten allein — war durch einen Ministerwechsel eine günstigere Praxis eingetreten, und Markus hatte eine Lehrstelle in der Mathematik und Physik an demselben Gymnasium erhalten,- welches er als Schüler besucht hatte. Er hatte dadurch ein genügendes Auskommen und war auch, weil es seine Stellung verlangte, wenn auch nicht ohne Schmerz, aus jenen Mansardenzimmern in eine bequemere Wohnung gezogen. Sie sahen sich wieder, und die aufrichtige Freundschaft, die Beide für einander empfanden, führte sie schnell über die Befangenheit der ersten Zusammenkunft hinweg. Er fand Clara noch gealterter, als er es sich vorgestellt. Wenn nicht die großer, dunklen Augen die Fülle des Geistes und unerschöpflicher Herzensgute ausgestrahlt, der blasse, durchsichtige Teint und der feine Mund, und das sanfte, klingende Organ Anderes verrathen hätten, die abgezehrte, schon etwas nach vorn gebeugte Gestalt, die nicht mehr von Furchen freie Stirn und die feinen Silberhaare, die sich bereits sichtlich in den Schmuck ihres edel geformten Kopfes mischten, hätten nicht glauben lassen, daß diese Frau die Dreißig noch nicht erreicht hatte. Clara hatte sich, seitdem sie ihren Gatten verloren, der ihrem Herzen niemals nahe gekommen, ihr Leben mit dem Tacte und der Entschiedenheit eines großmüthigen, vielgeprüften Herzens zu ordnen gewußt. Ihre Tage waren der geistigen Beschäftigung und dem Wohlthun gewidmet. Sie setzte sich nicht über die geselligen Pflichten hinweg. Auch hier suchte sie mit edelent Sinn jeden Anstoß, jede Verletzung eines Anderen sorgfältig zu vermeiden. Aber sie hatte ihren Kreis so eng gezogen, daß ihr volle Muße blieb, ihren Neigungen zu folgen. Andrerseits hatte sie die Ansichten ihrer Jugend nicht aufgegeben, vielmehr nur den Verhältnissen des Lebens mehr anpassen gelernt. Sie erachtete sich nur für die Verwalterin des enormen Vermögens, welches ihr Bater und ihr Mann hinterlasien, und das noch überaus groß geblieben, nachdem sie alle ärmeren Glieder ihrer Familie reichlich ausgestaltet hatte. Sie sah keinen Grund, es zu vermehren, und verwandte daher nach Abzug ihrer mäßigen Bedürfnisie ihr ganzes Einkommen auf gemeinnützige Zwecke und wohlthätige Werke, wobei sie besonders ihr Auge auf die anstrebende Jugend gerichtet hielt, die sie in allen Lebensberufen, Jünglinge und Mädchen, eifrigst unterstützte, u.n sie ihre Ziele erreichen zu lassen. Sie hielt sich dabei ebenso fern, ihre Wohltaten zu zersplittern, als sie etwa einer einzigen Richtung oder öffentlichen Instituten allein zuzuwenden. Hierin war sie unermüdlich, denn sie hielt das Geben, ohne zu wisien wem und warum, für eine Sache der bloßen Bequemlichkeit und des sich Abfindens mit seinem Gewisien. So freigebig sie sein konnte, hielt sie doch mit jedem Groschen zurück, bevor sie erkannt hatte, wozu er verwendet werden sollte. Sie scheute keine Mühe, dies zu erkunden, und so war ihr Leben voller Interessen, voller Gegenstände, die ihre ganze Theilnahme in Anspruch nahmen. Dennoch empfand sie ihr Alleinstehen sehr tief, und dies besonders auf dem Gebiete des Geistes. So festen Sinnes sie war, traute sie doch wenig ihrem Urtheil im Einzelnen, glaubte leicht irre zu gehen und vermochte sich nur schwer in der großen Masse des Details einer Wissenschaft und Kunst zurecht zu finden. Da trat inuner und immer wieder das Bild ihres jugendlichen Lehrers vor sie, der ihrem Herzen so theuer, wie ihrem Geiste der sicherste Führer. Jetzt hatte sie ihn wieder, und äußerlich wie innerlich entsprach er der Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht. Ihr Verkehr war bald der vertraulichste; sie hatten sich so überaus Vieles mitzutheilen, um einander wieder genau zu kennen und ihre ganze Vergangenheit gemeinsam zu überschauen. Wenn sie aber den Wunsch hegte und ihn auch offen auösprach, ja wiederholt um dessen Erfüllung bat, daß Markus sein Amt niederlegen und sich in der Universitätsstadt niederlassen sollte, wo ihn sicherlich ein Kreis wissenschaftlicher Männer gern aufnehmen und die großen Institute ihm reicheres Material bieten würden: Markus willigte nicht ein. Er wollte feine Tage zwischen seinem, ihm lieb und zur Gewohnheit gewordenen Berufe und seiner ihm so theuren Freundin theilen. Jedes Mal, wenn die Pforten des Schulgebäudes sich für die Ferien, und deren gab es viele und lange, geschlossen hätten, wollte er in N. seinen Aufenthalt nehmen, und acceptirte zu diesem Behufe ein in einem Garten am Ufer des Flusses reizend gelegenes Häuschen, das von Clara's Wohnung nur einige hundert Schritte entfernt war. Die Zwischenzeiten füllte ein Briefwechsel aus, der fast Tag um Tag den Freunden die gern empfangene Botschaft zubrachte. So leben diese beiden seltenen Menschen noch heute; ihre Gefühle für einander» sind unverändert, da sie einer Steigerung nicht fähig waren; ihr Verhältniß ist niemals gestört oder gar getrübt worden, und macht das ganze Glück ihres Lebens aus, so daß sie kaum etwas entbehren. Markus verwendet feine Mußestunden auf ein großes Werk, auf ein einziges, dem er alle seine Forschungen und Gedanken zugewandt, das zu ergänzen, die einzelnen Partien auszuarbeiten und wieder zu feilen, ihn stets in Anspruch nimmt, .das er jedoch erst im höheren Lebensalter, wenn er eS erreichen sollte, oder nach seinem Tode, erscheinen zu lassen beschlossen hat. Es ist eine Geschichte der Humanität, vom Beginne der Menschengeschichte bis zur Gegenwart, durch alle Völker und Zeitalter, durch alle Erscheinungen in Religion und Sitte, in Politik und den socialen Ver-

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