Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1871)
- Date
- 1871-10-31
- Page
- Seite 894 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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894 hältnissen, in Literatur, Wissenschaft und Kunst. Ueberall diejenige Seite auszusuchcn, welche der Humanität zngeneigt war, welche sie gefördert oder geschädigt, in der Förderung benachtheiligt und im Schaden gefördert hatte, war feine Aufgabe, und ein umfängliches Wtssen, ein feiner Tact und eine scharfe Kritik unterstützten ihn darin. Seine Freundin begleitete ihn dabei auf jedem Schritts vorwärts, und schaffte durch ihre Mittel die seltensten Werke herbei, die ihm für seine Zwecke Etwas bieten konnten. Markus hatte das Auf und Nieder des Lebens hinlänglich erprobt und fühlte sich in dem Gleichmaß der Lage, in dem Gleichgewicht des Geistes, das er erlangt, sehr zufrieden. Er schrieb einmal seiner Freundin darüber: „Ich habe nicht einen jener Berggipfel des Lebens erklimmt, auf-welchen die weiten Schneefelder die Augen blenden, der Sturm den ermüdeten Bergsteiger so oft niederwirft, und der wallende Nebel viel öfter die Aussicht gänzlich verhüllt, als der helle Sonnenstrahl die gewaltigen Höhenzüge überschauen läßt, wie sie sich nach allen Seiten hin in den mannigfaltigsten Gruppen über den Rücken der Erde erstrecken. Auch gehöre ich nicht zu den kühnen Seefahrern, welche muthig ein Schiff besteigen, um die weiten Meere zu durcheilen, und die ebenso oft vom Wogendrang und Sturm in die Tiefen oder au die kantigen Riffe oder an unbekannte Eilande geschleudert werden, wie einen sicheren Hafen erreichen. Ich wandle in der Ebene auf geebneten Pfaden, wo höchstens ein wellenförmiger Boden im sanften Auf und Nieder den Wechsel des Lebens bezeichnet. Aber glücklicherweise hat der Schöpfer den Geist des Menschen so angelegt, daß er nicht des Berggipfels und des Oceans bedarf, um sich hoch zu erheben über den kleinen Erdball zu dem Lichtkreis des Universums, oder weithin Vergangenheit und Gegenwart zu durchwandern und sich eine Einsicht in die Zukunft zu gestalten, so wahr oder so erträumt diese sei. Ich habe Reisende gekannt, welche viele Länder durchstreift, „vieler Menschen Stätten gesehen und Sitten erkannt", mit Homer zu sprechen, und die doch kaum Etwas davon zu berichten wußten, während ich Menschen kennen gelernt, die innerhalb der engsten Schranken und kleinlicher Verhältnisse gelebt, und die dennoch eine seltene Menschenkenntniß, die schärfste Beobachtungsgabe, die richtigste Beurtheilung aller Zustände und Lagen sich erworben hatten. Ich wäre glücklich, wenn ich mich zu den letzteren nur annähernd zählen dürfte. Lassen Sie es mich offen gestehen, da ich Ihre Freundschaft besitze, ermangelt mir nichts, und ich hege nur den Wunsch, daß die Vorsehung mir Kraft und Lebensdauer genug gewähre, um der Jugend noch ferner zu nützen und meine Arbeiten emsig und förderlich bis zu einer Art von Vollständigkeit zu führen: denn daS sagten unsere Weisen schon: Zu vollenden und abzuschließen ist keinem Menschen gegeben." Vermischtes. Eine Dame schreibt uns betreffs der Novelle „Auf und Nieder": „Die Novelle Auf und Nieder interessirt mich sehr; die Briefe in der letzten Nummer sprechen so reich und schön aus, was man oft empfunden. Daß in gewissen Perioden der Geschichte eine bestimmte Richtung durch viele, durch große Männer vertreten ist, kann doch nur im Drange der Allgemeinheit liegen. Die gewaltigsten Musiker lebten zu einer Zeit, die herrlichsten Männer der bildenden Kunst zieren eine andere. So verschieden ihre Individualität ist, so groß Jeder seine Richtung ausarbeitete, der Zug der Zeit ging mit ihnen, auf dem Boden ihrer Zeit erwuchsen sie, und das ganze Florenz eilte herbei, um ein neues Wunderwerk seiner großen Meister zu bewundern und als ein Ereigniß, das jedes Gemüth erfaßte, aufzunehmen. Und das Individuum trägt ja auch nicht sein Material zusammen: wie viel bedeutende Vorgänger müssen gearbeitet haben, um dies herbeizuschasfen! Da müssen die technischen Hindernisse überwunden sein, da muß der steife Schematismus einer früheren Periode niedergearbeitet sein, da muß die ganze Kunst oder Wissenschaft sich erheben wie ein leuchtender Berg, ehe das Genie seinen glorreichen Einzug halten kann und auf der Spitze dieses Berges allem Volk sichtbar wird. So groß es ist, es ist nicht aus sich allein gestellt. Tausend verborgene Arbeiter, tausend bewährte Namen haben vorgearbeitet. ~ Und es ist gut, daß es so ist. In Reihe und Glied schasst und kämpft die Nkenschj heit, darum geht sie im Ganzen vorwärts." Die Elb.Ztg. erwähnt einer Aeußerung des Fürsten Bismarck, die derselbe beim Frieoenödiner in Frankfurt am Main im Hause des Ober-Bürgermeisters Mumm that. Es war von der schwierigen Stellung eines Cutlusministers die Rede, und da äußerte der Fürst: „Das Schlimme an einem Cultusminister ist, daß er nie vergißt, welcher Confesfion er selbst angehort, und daher immer Partei bleiben wird. Mir wäre daher ein Jude als Cultusminister am liebsten." Verlag von Baum gärtnert Duchbandlung in Leipzig. — Druck von Z. 53. Hirschfeld. Verantwortlicher Nedacteur D*. H. Lohe.