Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1871)
- Date
- 1871-10-31
- Page
- Seite 892 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226843--30003-3252867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
892 Ein anderer Correspondent schreibt uns: „Dem ausgezeichneten Arzte und Lehrer wurden schon vor langen Jahren die größten Anerbietungen gemacht; dem gerauften Juden Herz war nichts unerreichbar; diese Verlockungen wurden selbst unmittelbar durch König Ludwig!. von Bayern an ihn gerichtet: er trotzte unerschütterlich allen derartigen Versuchungen. Oft hat er es ausgesprochen, daß er als Jude, und nicht anders, Universitatsprofesior werden wolle. Durch seine Charakterstärke erreichte er. was er erstrebte: sein Ruhm war soweit gedrungen, seine Verdienste um Stadt und Universität Erlangen so über jede Mißgunst erhaben, daß ihm endlich vor einigen Jahren die ordentliche Professur an der Universität Erlangen verliehen wurde. Er war begeistert für seinen Lehrberuf, der ihm volle innere Befriedigung gewährte; von den Studenten aller Facultäten, deren opferwilliger Freund er gewesen, war er geliebt und hoch verehrt. Als Arzt hat er Tausenden Leben und Gesundheit wiedergegeben. Seine g.üudliche Gelehrsamkeit, sein genialer prognostischer Scharfblick, sein Operationstalent — diese glücklichen Eigenschasten veranlagten die Patienten aus aller Herren Länder bei Herz Hilfe für ihre Leiden zu suchen. Eine große Thätigkeit entfaltete er für die communalen Interessen Erlangens, dessen Ehrenbürger er war, und die bayrische Fortschrittspartei sieht sich eines treuen Kämpfers beraubt, der in Wort und Schrift mit gleicher Ausdauer und mit gleicher Hingabe eine echt nationale Politik vertrat. An seinem Grabe hat der Prof. Uieol. cv. Dr. v. Hofmann u. A. Folgendes gesprochen: „Daß er nie und in keiner Weise das Seine gesucht hat, auch nicht eigene Ehre, soll ich wohl nicht erst von ihm rühmen. . Denn die Tugend der Selbstsuchtlosigteit schien sich bei ihm wie von selbst zu verstehen. „Und diese mit dem eigenen Lebensmark erkaufte Hingabe war in ihrer Bethätigung von der besonnensten Erwägung, von dem klarsten Urtheil regiert. Er trug das richtige Maß der Dinge in sich und legte es an vorurtheilslos und unbestechlich, nur seine feurige Liebe zum Vaterland und seine edelsinnige Begeisterung für alles, was des Menschen Dasein menschenwürdig macht, zu Rathe ziehend. Was sie ihn als das Rechte und Nichtige erkennen ließen, dem gehörte er und gehörte ihm ganz, ohne Rückhalt, ohne Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, frei von persönlichen Rücksichten, voll Opferfreudigkeit aber auch voll Siegeszuversicht." Jakob Herz, opferwillig bis zum Selbstvergessen, hat das größte Opfer seines LebenS dem Judenthume dargebracht, dessen Erwähnung der Schluß dieser Zeilen bilden möge. Seit mehr als 25 Jahren »ar sein Herz an die hoch sinnige Tochter eines seiner Freunde und Collegen gekettet. Bei gegenseitiger Uebeczeugungstreue wurde nie von einer Seite ein Opfer der Confcssion gefordert. Ein zu gewissenhafter Staatsdiener, um die Landesgesetze zu umgehen, die ihm Civilehe nicht gewährten — hat Herz das Glück, sich eine Familie zu begründen, nicht mehr erlebt; als greiser Bräutigam ist er ins Grab hinabgestiegen. So bleibt er für alle Zeiten ein leuchtendes Vorbild treuester Pflichterfüllung, mannhafter Festigkeit und edelster Menschenliebe. Seine Freunde haben den Beschluß gefaßt, um auch äußerlich sein Andenken bleibend zu ehren, ihm ein Denkmal zu errichten. "Rach erfolgter landesherrlicher Genehmigung wird ein Aufruf an alle Freunde und Verehrer des edlen Mannes gerichtet werden, der Umfang und die glänzende Ausführung des Monumentes ist von der Größe der eingehenden Beiträge bedingt. Mögen vor Allem die Israeliten, welche diesen gefeierten Rainen mit gerechter Freude und mit hohem Stolze den ihrigen genannt Habens sich erinnern, daß ihre Spenden nicht nur zur Ehre des hehren- Todten, sondern auch zur Ehre und zum Ruhme des Gesammt« judenthurns beizutragen bestimmt sind. Aus itub nieder. Erzählung. (Schluß.) Die Empfindungen unseres Freundes, als er diese Zeilen gelesen und wieder gelesen, waren wundersamer Art. War es ihm doch, als ob Clara und seine Schwester sich mit einander wie zu einer Persönlichkeit vermischten, als ob Clara auch längst verstorben und ihm jetzt in diesen Zeilen der Gruß einer theuren Verlorenen, frisch aus dem eben aufgeworfenen Grabhügel geworden wäre. Erst nach und nach wurde es in ihm klarer darüber; aber immer bäuchte es ihm, daß er für die eine dahingegangene Schwester zum Ersatz eine andere erhalten hätte. Die Zeit der eigentlichen Liebe war zu schnell an ihm vorübergegangen, hatte zu eilig seine Seele durchstürmt, als daß sie in ihrer ganzen Fülle und Tiefe in ihm verblieben wäre. Der Verlust auf immer, der sofort eingetreten, die furchtbaren Schicksalsschläge, die ihn betroffen, und die lange Zest des Duldend, die er getragen, hatten derartige Gefühle völlig in ihm verwischt. Seine reine, leidenschaftslose Seele hatte ihn bald darüber hinweggehoben, und er erinnerte sich Clara's immer nur als eines freundlichen Bildes aus einer glücklichen Jugendzeit. Jetzt schwelgte er in diesen Erinnerungen, da die Andeutungen in dem Briefe selbst die Vorstellung Clara's mit der seiner schnell dahin gewelkten Schwester ihn verbinden ließen.