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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-31 · Heft 44 (31.10.1871) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 44 (31.10.1871)
Date
1871-10-31
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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A I l g c nt c t n c Femlleton-Leilage )u Zr. 44. Leipzig, den 31. October 1871. ♦ Professor Dr. Jakob Herz. liebet diesen allzu früh Vahiugerafflen, für so Biele unvergeßlichen Mann kommen uns von verschiedenen Seilen Mittheilungen aus seinem Leben zu, aus welchen wir folgende hervorheben: Aus seiner Jugend schreibt uns sein Studiengenosse, Herr Rabbiner Äittelöhöfer zu Floß, unter Anderem: Her; hatte im älterlichen Hause, in der Culmbacher Straße zu Baireuth, jenes Zimmer als Studir- oder Arbeitszinnner gewählt, an dessen Thüre mit schwarzen Buchstaben „Samson Herz" geschrieben stand. Es war das der Name jenes Mannes, den Jean Paul in seinen Schriften „mein Samson" nannte. Her; glaubte, von diesem seinem Ahnen her wohne in den Räumen, wo der große klassische Geist Nichter's bisweilen zu Besuch einkehrte, eine Weihe für seine eigene wissenschaftliche Seele, um sie in den Tempel der Gelehrsamkeit einzuführen. Tieß waren Knabenideen des 10jährigen Laieinschülers. Pietät war überhaupt ein Hauptzug seines Charakters. Dort in dem, nach dem Hofe zu gelegenen lichten Zimmer saß Her; als der älteste unter seinen, verschiedene Classen und Schulen besuchenden Geschwistern oft als Zucht- und Lehrmeister mit Zurechtweisung und Mahnung, oft auch helfend beim An- und Auskleiden, zärtlich wie ein Vater. Denn Herz mußte diesen ersetzen wegen der Monate langen Abwesenheit des Familienhauptes, dessen Geschäftsbetrieb in Hof war. Die Mutter aber hatte die Kleinsten zu besorgen, denn es war ein großer Familienkreis. Wie sehr auch Herz den Vater zu vertreten verstand, bewies er bei einer drohenden Katastrophe. Es war an einem Soinmerabend, da wir bei einem Gang durch die Stadt eine verdächtige Erleuchtung der sogenannten Spittelkirche bemerkten. Wir eilten zur Straßenecke, und siehe beim Einbiegen in die Culmbacher Straße leuchtete uns die helle Lohe entgegen, die aus dem Gasthofe, dem Herrschen Hause gegenüber, aufzufieigen anfing. Herz stürzt in die Aelternwohnung und ich mit ihm. Dort war die Mutter Anfangs fast ohnmächtig und bewußtlos, später außer Faffuug, umgeben von den größeren Kindern, die schrecklich jammerten. Herz, der damals 14jährige Knabe, war der einzige Disponirende. Er ließ die kleinsten Kinder, die schon im Bette waren, ankleiden, das Haus nach der Brandseite zu gegen Eindringlinge absperren, die nöthigften Utensilien packen und durch den Hof in's Freie tragen, wo er sie einem ausgestellten Wachposten anvertraute. Dabei ermuthigte er immer die Mutter, die in ihrer Verwirrung manchen Schaden angerichtet hatte. Dieselbe Kindes- und Bruderliebe begleitete ihn durchs ganze Leben bis zur Aufopferung. Und eben dieselbe Pietät.bewahrte er seinem Glauben! War er Märtyrer seines Berufes, so was er es noch mehr des ersteren! Nicht blos, daß er der langjährigen Hintansetzung seines Verdienstes und Rufes ein beharrliches Credo entgegensetzte; nicht blos, daß der „Jude Herz" mit Stolz die zugemuthete Glückseligmachung zurückwies. Als wir Anno 35 zusammen die Universität Erlangen bezogen, hatten wir in der damals ganz christlichen Stadt keine Gelegenheit zu jüdischer Kost. Herz bezog die seine aus Bruck, denn er wollte bei der religiös erlaubten bleiben, trotz der vielen Beschwerden, die damit verbunden waren, da die Speisen oft spät, oft Abends, stets kalt kamen, und erst gewärmt werden mußten, und zwar von ihm selbst, nachdem er oft spät aus dem Collegium kam. Herz litt oft. Hunger; doch wich er nicht vom Gesetze. Aber seine Fürther Verwandten, welche 6 Monate lang die Kosten dieses Unterhaltes getragen hatten — seine Aeltern befanden sich nämlich damals nicht in der Lage seine Studienkosten auf sich zu nehmen — sagten sich los, und wollten ferner ihm die Kost unmittelbar senden. Mau denke sich die damalige Entfernung und den Transport, wo keine Eisenbahn war. Rur zweimal in der Woche erhielt Herz eine Sendung, die kärglich bis zur nächsten reichte und 3 Tage lang gewärmt und aufgefrischt werden mußte, und doch wich er nicht vom Gesetze. Herz abstrahirte zwar später von der ursprünglich specifischen Religiosität; durch seine dankbare Anerkennung aber, womit er sich über den in Erlangen arrangirten Gottesdienst für die Andachtstage gegen seine dort angesiedelten Glaubensgenossen auösprach, besiegelte er nicht blos die Treue gegen den Glauben, sondern bewies auch, wie er mit ganzer Seele die heiligen Institutionen unserer Religion bewahre.

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