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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-31 · Heft 44 (31.10.1871) · p. Seite 883

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 44 (31.10.1871)
Date
1871-10-31
Page
Seite 883 (sequence 9)
Language
German
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zu erfreuen haben. Da allerdings mancherlei Vorkommnisse diese Meinung hervorgernfcn haben, so müssen auch Thatsachcn dazu dienen, sie zu widerlegen und den Beweis zu führen, daß es an Eifer und Ausdauer nicht fehlt, wo eine gute Führung vorhanden ist. Deshalb sei eines schönen Festes erwähnt, welches am 8. d. hier gefeiert wurde, nämlich des 25jährigen Bestehens unsres Synagogenchors. Treffliche Gesänge, eine geistvolle Ansprache des Vcreinvorstehers Cantors Schnerb, eine eindrucksvolle Festpredigt des Oberrabbiners Herrn Cahn und ein heiteres Festmahl vereinigten sich, um die Feier zu einer cbeuso erhebenden wie erfreulichen zu machen. Colmar, 9. October. Die Arcli. isr. geben von hieraus folgendes Schreiben: „Colmar, 9. October. Die deutsche Sprache ist allen elsässifchen Schulen auferlegt worden: die Lehrer müssen alle ihre Stunden in dieser Sprache geben; alle französischen Bücher sind zurückgelegt worden. Auch schicken die wohlhabenden Leute ihre Kinder in benachbarte französische oder schweizerische Städte, wo französisch unterrichtet wird; bald werden in den preußischen Schulen von Elsaß- Lothringen nur-noch einige arme Kinder sein, denen die Mittel zur Auswanderung fehlen. Das Consistorium zu Colmar ist deSorganisirt: der Präsident hat seine Entlassung gegeben; Herr A. Lcvy, Advocat, und H. Rueff sind, der eine nach Paris, der andere nach Basel gezogen. — Die Rabbiner und Lehrer werden noch vom Staate bezahlt; einer von den letzteren ist sogar bei der deutschen Behörde um eine pecuniare Unterstützung eingckommen, die er immer von der französischen Regierung erhalten hat, und sie ist ihm gewährt worden. — Tie Gemeinde von Altkirch ist gethcilt: die Preußen unterstützen den Rabbiner und den Verwaltungscommissar, welche auch den Tempel inne haben; aber ungefähr 00 Gemeindemitglieder hatten für die Festtage ein Kaffeehaus gemiethet, um dort den Gottesdienst zu feiern. Streitigkeiten und Zänkereien sind seit der preuß. Besetzung an der Tagesordnung. — Sierentz, welches früher eine so blühende Schule besaß, ist ebenfalls in zwei Lager getheilt und durch Auswanderung die Bevölkerung sehr geschwächt. So sind das israel. Elsaß und Lothringen im Niedergang und werden in eine. Art Lethargie verfallen bis. Die Rabbiner im Elsaß haben (so sagt ivenigstens das Gerücht) einen Brief aus Berlin von dem in dieser Stadt höchst gestellten Rabbiner erhalten, der sie auffordcrt, ihn mit ihrem Gehalt unter der französischen Negierung bekannt zu machen, und was die Gemeinden an Casualien leisten können. Sie haben es gethan; dieser berliner Großrabbiner hat die Absicht, ihnen von den respectiven Gemeinden das ganze Gehalt, die Casualien mit einbegriffen, zu erwirken, und zwar durch die Vermittelung der deutschen Behörde, da die vom Staate anerkannten Cultusbeamten vom Fahre 1873 an nicht mehr bezahlt werden sollen. Bis jetzt haben die Rabbiner diesen Brief verheimlicht, aber die Nachricht ist einigen Gemeinden zu Ohren gekommen, und diese haben sofort geheime Sitzung gehalten , sei es um sich gegen die Einführung dieses neuen Budgetsystems zu waffnen, sei es, um eS zu unterstützen." (Wir haben hierzu folgende Bemerkungen zu machen. Der Brief leidet offenbar an Uebertreibungen. Was den ersten Passus betrifft, so geht er von einer Unrichtigkeit aus, denn in den vorwiegend französischen Districten ist nach den Verfügungen der deutschen Verwaltung die französische Sprache die Unterrichtssprache, und die deutsche nur obligatorischer Unterrichtsgegenstand; in den mehr deutschen Bezirken ist dies umgekehrt der Fall. Sollten wirklich viele jüdische Fannlien, die in Elsaß-Lothringen verbleiben wollen, ihre Söhne auswärts erziehen lassen, so ^-halten wir es für unsere Pflicht sie zu warnen, denn ihre Kinder würden später mancherlei Hindernissen auögesetzt, z. B. schwerlich das Examen für den einjährigen Militärdienst zu machen im Stande sein. — Wenn das Consistorium zu Colmar sich aufgelöst Hat, während die zu Straßburg und Metz sich erhalten haben,, so wird es neu gewählt werden müssen, und sollte dies wegen Spaltung nicht möglich sein, so wird es auch kein Schade sein. — Zwiespalt in den Gemeinden ist leider tut Elsaß nicht allein zu finden, andere Länder wissen auch davon zu erzählen. Wenn aber der Briefschreiber die Juden in Elsaß-Lothringen jetzt erst in Lethargie verfallen sieht, so hat er sie wohl früher nicht beachtet. Wir wissen seit Jahrzehnden aus den jüdischen Gemeinden dieser Landschaft nichts zu erzählen, was Anderes als Lethargie bereichnete, und blättern vergeblich z. B. in den Jahrgängen der Arcb. isr., um einen Gegenbeweis zu finden. — Was endlich die

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