Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 873 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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873 glaubte auf diese Weise in bester Form die Anmaßung des jungen Mannes abgewiesen zu haben. Er glaubte hierdurch selbst sicher zu sein, daß Markus sich seiner Tochter niemals wieder nähern werde; er konnte dies bei dem Ehr- und Zartgefühl des jungen Mannes voraussetzen. Markus kämpfte einige Tage einen schweren Kampf mit sich selbst. Als er am dritten zu einem Entschlüsse gekommen, traf das Telegramm seiner Schwester ein, das ihn mit dem ganzen Umfang des hereingebrochenen Mißgeschickes bekannt machte. 8. Markus war nach der Residenz geeilt. Wie er dort seine Schwester gefunden, haben wir bereits berichtet. Nachdem sie erst einige Fassung wieder gewonnen, kehrte er zur Universitätsstadt zurück, um in der kürzesten Zeit seine Prüfungen zu machen, die er mit Auszeichnung bestand, und welche ihm die belobendsten Zeugnisse eintrugen. Jeßt suchte er seine Schwester auf, um sie nie wieder zu verlassen. -Ihre Mittel waren bald erschöpft, und er ließ es sich angelegen sein, lohnende Beschäftigung zu suchen. Hier traf er zuerst auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Verfassung freilich verbürgte dem Juden, wenn er die nöthigen Eigenschaften und Fähigkeiten besaß, die Anstellung im Staatsdienste. Und diese Fähigkeiten fehlten ihm gewiß nicht, und seine früheren Lehrer auf der Schule wie auf der Universität verwandten sich für ihn kräftig. Aber das Unterrichtsministerium legte das Gesetz nach seiner Weise aus und verwehrte dem Juden den Zutritt zum öffentlichen Lehramts. Markus kämpfte darum mit Hartnäckigkeit, aber erfolglos. So sah er sich endlich genöthigt, da der Privatunterricht zu unsicher und wenig lohnend war, eine Anstellung an einem Privatinstitute anzunehmen, die ihm bei übermäßiger Anstrengung doch nur einen kümmerlichen Unterhalt abwarf, und, was ihm am meisten zuwider, ihn sehr abhängig machte. Jndeß sein ruhiges, würdevolles Benehmen und seine außergewöhnliche Lehrgabe erwarben ihm das Vertrauen und die Liebe seiner Schüler und Collegen, und gereichten der Anstalt zu so großem Nutzen, daß auch der selbstsüchtige Director sein Verhältniß erträglich zu machen suchte. Doch mußte er die reizende luftige Vorstadt verlassen und eine Wohnung in der Nähe der Anstalt beziehen. So finden wir ihn und Lina in jenen Mansardenstuben des alten Hauses. Für Markus hatte dies Alles keine Beschwerlichkeiten. Seine geringen Bedürfnisse legten ihm wenig Entbehrungen auf, und auch Lina hatte die Verhältnisse ihrer Kindheit und ersten Jugend nicht so weit vergessen, daß ihr nach den Stürmen, die sie erlebt, nach der Unsicherheit, mit welcher sie in die Zukunft geschaut, die gegenwärtigen Verhältnisse nicht unerträglich schienen. Die Jahre des Ueberflusses und des Reichthums kamen ihr bald wie ein Traum vor, und nur die Wunden des Herzens, die ihr von Menschenhand geschlagen worden bluteten fort und wollten sich niemals ganz schließen. So weit wäre dies Alles noch gut gewesen. Aber jener jähe Wechsel hatte die schlanke Blume geknickt, hatte ihren körperlichen Organismus erschüttert und verletzt. Es zeigte sich bald ein Brustübel, und das Her; functionirte nicht mehr regelmäßig. Jahre vergingen, aber das Uebel wuchs, wuchs mit jedem rauhen Frühjahr und mit jedem stürmischen Herbste. Markus entwickelte eine brüderliche Liebe, wie sie selten gefunden wird. Kein Gatte, keine Schwester, ja keine Mutter hätte eine zärtlichere Fürsorge, eine unermüdlichere Wacht für das arme hinsiechende Wesen bethätigen können. Er hatte ihr seine Jugend, sein Streben nach Auszeichnung und Ehre geopfert, und alle seine Gedanken und Gefühle, so weit sie nicht von seinen Berufspflichten beansprucht wurden, widmete er ihr. Er bewachte sie Tag und Nacht, lauschte ihr jeden Wunsch, jedes Verlangen ab, that ihr jede mögliche Dienstleistung und gab willig all' seinen Erwerb freudig für ihre Erleichterung, für jede kleine Freude hin, die er ihr bereiten konnte. Ein Lächeln auf ihrem Munde, ein heiterer Blick aus ihren Augen war für ihn der Preis aller seiner Arbeit, aller seiner Anstrengungen. Doch dies Alles konnte,den Schritt des Unheils wohl verzögern, aber nicht verhindern. Und so kam der Tag, die Stunde, die wir bereits am Anfang unserer Erzählung geschildert haben. . . Markus stand am Grabe seiner Schwester voll tiefer Trauer, aber nicht gebrochen. Lange schon hatten die Mitglieder der Todtenbrüderschaft und die wenigen Zeugen, die der Bestattung beigewohnt, den kleinen Hügel verlassen, den sie über die sterblichen Reste des kaum noch von Jemandem gekannten Mädchens gewölbt hatten, als Markus noch an demselben stand, tief in sich versunken. Welche Gedanken, welche Empfindungen seine Seele da beschäftigten, wer könnte sie ergründen, wer sie mit Worten schildern? Vielleicht kamen sie ihm selbst nicht zum klaren Bewußtsein; vielleicht schwebten sie wie bald dunklere, bald hellere Nebelgestalten durch seinen Geist. Wenn die Trauer nicht von Reue und Gewissensbisse verbittert, wenn sie von treu erfüllter Pflicht, von hingebender Liebe getragen wird, dann mischen sich selbst in den Wermuth des Schmerzes einige Tropfen Honig, und die von jenem erfüllte Seele schlürft diesen begierig ein, ohne es zu wissen. Die Sonne ging unter, der Nachtwind rauschte mit schweren Flügeln durch die Wipfel des nahen Haines und durch das hohe Gras des Gräberfeldes daher; Markus erwachte, raffte sich auf, riß einige Büschel Grases vom Rande des neuen Grabhügels, warf sie nach altem Brauche über die Schulter hinter sich und verließ den Friedhof, den wir Juden so sinnig Beth Olam, „das Haus der Ewigkeit" nennen. Als er in sein Mansardenzimmer zurückgekehrt war — die Thüre zum Zimmer seiner Schwester hatte er fest verschlossen - fand er, als er Licht angezündet, auf seinem Arbeitstische einen Brief. Wie ein Blitz