Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 872 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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872 auch nur ein Blatt Papier von Markus Clara einzu- HLndigen. So vergingen einige Wochen. An einem schönen Nachmittage hatte Markus, der in seinem Leide sich von aller Gesellschaft losgesagt und sich auf sein Zimmer fast abgeschloffen hatte, den Drang, sich ein wenig zu ergehen, und bald befand er sich am Ufer des Fluffes, an welchem er in die einsameren Partien eines Gartens gelangte, der zu einem der feineren öffentlichen Locale gehörte. Er ließ sich hier auf eine Bank in einem Bosquet nieder und hing bei dem Dufte der nahen Blumenrabatten, bei dem Gesänge der hier zahlreich nistenden Vögel und bei dem Murmeln der kleinen Wellen des Fluffes seinen wehmüthigen Gefühlen und Träumereien nach. 'Plötzlich rauschte es durch die Gebüsche, und er vernahm nahende Schritte. Er blickte auf — es war Clara ... Ihre' Tante war mit ihr nach diesem Dergnügungsorte gefahren; man nahm den Kaffee ein; es hatten sich Damen ihrer Bekanntschaft um sie gesammelt, und die gesprächige Tante war bald in eine rege Unterhaltung verwickelt, während deren Clara sich ein wenig in den verschlungenen Gängen des Gartens bewegte. Sie stand so plötzlich vor Markus; er sprang auf, schritt ihr entgegen; wortlos standen sie sich gegenüber, ihre Blicke hingen an einander, ein Strom von Thräneu ergoß sich aus den Augen Clara's ... sie lagen sich in den Armen, ach, sie wußten nicht wie ... Aber da erschien die Tante; sie suchte Clara und fand sie so, wie sie es sich immer gedacht, und wie es ihr den größten Abscheu einflößte. Mit ihrem Erscheinen trennten sich die beiden Liebenden schnell, und Markus verschwand in den Büschen. Ach, sie waren Alle im Irrthume. Die Tante, statt sich anzuklagen, das hervorgerusen zu haben, was ihr ein Greuel war, triumphirte, denn sie hatte nun den Beweis in Händen für die Richtigkeit ihres Verdachtes; die beiden Liebenden hielten sich für Verbrecher, da sie dem Zuge ihrer Herzen gefolgt und das Geheimniß ihrer Brust der Welt kundgethan. Am Abend deffelbigen Tages fuhr die Tante mit Clara in einem schwerbepackten Reisewagen ab. Der Banquier hatte der Letzteren mitgetheilt, daß sie zwei Monate theils auf Reisen, theils in einem reizend gelegenen Landhause zubringen und als Braut ihres Vetters zurückkehren sollte. Sobald sie in der Villa sich eingewohnt, würde er mit dem Bräutigam sie besuchen. Auf das Schluchzen, auf die abwehrenden Bitten, ja auf die verzweiflungsvollen Klagen Clara's wurde nicht gehört. Die Tante nahm sie in Empfang, während der dennoch tief erschütterte Vater nach seinem Club ging, um seine gewohnte Spielpartie zu machen. Am folgenden Tage schon erhielt Markus von diesen Vorgängen im Hause des VanquierS Kenntniß. Sein Entschluß war bald gefaßt. Er kannte diesen Vetter, einen verlebten jungen Mann, der nach vielen Ausschreitungen jetzt den Hafen der Ruhe suchte, um die Sünde zu verlaffen, nachdem sie ihn verlaßen. Es schien Markus, daß er hier um das Lebensglück Clara's zu kämpfen verpflichtet fei und jede andere Rücksicht außer Augen setzen müffe. Die Hülfe seines Onkels in Anspruch zu nehmen, schien ihm geboten. Er eilte zu dem Banguier, gelaugte in dessen Bureau und beschwor den unfreundlichen Mann bei dem Andenken an seine verklärte Gattin, ihm ein ruhiges Gehör zu gewähren. Run schilderte er ihm das Berhältniß zu Clara, und wie der Ausdruck irgend eines Gefühles für einander nur durch das Benehmen der Tante und seine plötzliche Verbannung hervorgerusen worden. Er theilte ihm mit, daß er des Erwerbes durch Unterricht nicht bedurft hätte und sich dazu nur durch seinen Drang nach Selbständigkeit bestimmen gelassen. Daß er und seine Schwester die einzigen Erben seines Oheims seien, und daß ihn jetzt schon auf seine Bitte sein Oheim genügend auSstatten würde, um ein anständiges Haus begründen zu können, um so mehr, da an eine Verheirathung erst nach Jahren zu denken sei und er sich bis dahin eine geachtete Stellung in der. Gelehrtenwelt errungen zu haben hoffe. Der Banquier hatte in der Thataufmerksam und ruhig zugehört. Als der aufgeregte Jüngling geendet, antwortete er ihm in freilich kaltem, vielleicht etwas spöttischem Tone: „Ihre Pläne, mein werther junger Mann, laffen sich gut anhören. Reichthum und Ehre zugleich sind sehr annehmbare Dinge, besonders wenn sie aus sicheren Füßen stehen. Im gegebenen Falle stellen sich nur zwei Einwände entgegen. Der erste ist: es ist einmal seit Geschlechtern Sitte in meiner Familie, raß die Glieder derselben sich unter einander verheirathen. Der Besitzstand in ihr wird dadurch nicht geändert und der Ruf des Hauses bleibt bestehen. Gesetzten Falles nun, ich wollte mich entschließen davon abzuweichen, so könnte dies doch nur geschehen, wenn der zukünftige Bräutigung meiner Tochter ein genügend entsprechendes Vermögen mitbrächte. Es geschieht diese Forderung durchaus nicht aus Habgier, sondern aus dem einfachen Bedürfniß des Rufes, des Glanzes des Hauses. Jeder andere Fall wäre eine Mesalliance, und diese ist auf jeglicher Stufe der socialen Leiter ein grober Fehler und, wie ich genugsam erfahren, in der Regel die Ursache einer unglücklichen Ehe. Hier kommt nun.der zweite Einwand. Sie sind im Jrrthum, wenn Sie daS Vermögen Ihres Oheims so hoch anschlagen. Früher mag es so gewesen sein. Wir, die wir in alle finanziellen Verhältniffe hineinzublicken Gelegenheit haben, wiffen, daß er enorme Summen verloren und geopfert hat, um seinen Credit zu erhalten. Aber die böse Finanzwett ist so beschaffen, daß durch solche Operationen der Credit gerade geschwächt wird. Der Wechsel auf . ihn laufen zu viele um und stehen in keinem Ansehen mehr. Doch wir wollen kurz und bestimmt sein. Wenn Ihr Oheim binnen vierzehn Tage die Summe von 100,000 Thalern für Sie sicher stellt, werde ich Ihrem Anträge nicht entgegenstehen, vorausgesetzt, daß Clara selbst einwilligt." Hiermit entließ er Markus und sandte ihm nur ein selbstzufriedenes, spöttisches Lächeln nach; denn er