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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-24 · Heft 43 (24.10.1871) · p. Seite 874

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 43 (24.10.1871)
Date
1871-10-24
Page
Seite 874 (sequence 20)
Language
German
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874 durchfuhr es ihm die Seele, als ihm der erste Blick die Handschrift verrieth, die er in der Adresse des Briefes erkannte. Er konnte nicht zugreifen; er mußte längere Zeit sein Zimmer mit unruhigen Schritten durchmessen, bevor er sich zu beruhigen, zu fasten vermochte. Endlich setzte er sich in seinen Lehnstuhl, sah wiederholt die Schriftzüge an. und dann erst faßte er den Brief und öffnete ihn. Die Unterschrift sagte ihm, daß er richtig gesehen. Der Brief war von Clara. Derselbe lautete: Verehrter Herr! Ein Bekannter in der Residenz, der so gütig war, mir von Zeit zu Zeit Mittheilungen über Sie zu machen, zeigte mir gestern an, daß Ihre Schwester von langen und schweren Leiden erlöst, heimgegangen sei. Dies giebt mir die Veranlassung und den Muth, an Sie zu schreiben. Auch ich bin vereinsamt, und um mich ist es öde geworden. Vor drei Jahren starb mein Vater: vor einem Jahre verlor ich meinen Gatten. Auch ich habe an seinem Schmerzenslager Jahre verbracht in pflichtgemäßer Pflege. Diese lange Zeit der Prüfung ist an mir nicht spurlos vorübergegangen; sie hat die Blüthe der Jugend, so viel mir davon zu Theil geworden, schnell abgestreist, mich, vielleicht vor der Zeit, gealtert. Was immer in meiner Seele lebte, oaS waren die wenigen Jahre, in denen Sie mich Ihres Unterrichtes gewürdigt. Ich sah sie stets als die glücklichste Zeit meines Lebens an, und der Gedanke an das, was . ich damals, was ich durch Sie gewonnen, hielt mich aufrecht unter den schwersten Bürden und gab meinem Geiste Beschäftigung und Nahrung in der dürresten und trübseligsten Zeit. Dies habe ich Ihnen sagen wollen, auf die Gefahr hin, wie Sie es ausnehmen werden. Doch nein, nicht auf die Gefahr hin — ich kenne Sie zu sehr, um nicht zu wissen, daß Sie mich niemals verkannt, niemals mißachtet haben. Jetzt lebt in mir nur ein einziges Verlangen und eine einzige Sehnsucht: die Theilnahme zu mir wieder in Ihnen erwacht zu wissen, einen freundlichen Gruß von Ihnen zu empfangen. ja einen Gruß der Freundschaft. Machen Sie mich so glücklich, diesen bald zu erhalten! C l a r a N... . «Schluß folgt., Vermischtes. Erlangen, 28. Sept. Ueber die letzten Momente deS Prof. Herz wird Folgendes gemeldet: „Gestern Nachmittag um ein Uhr ist Herr Professor vr. Jakob Herz seinen Leiden erlegen. „Das Leben entflieht, Gott sei'- gedankt!" — mit diesen Worten legte er ohne Schmerz und Kampf sein Haupt zur Ruhe. Der Verlust durch den Tod dieses Mannes ist für die Wissenschaft wie für die leidende Menschheit ein gleich schwerer. Denn für jene hat er als eifriger, gründlicher, mit der glücklichsten Lehrgabe ausgestatteter akademischer Lehrer an der benachbarten Universität durch Jahrzehnte auf unzählige Jünger der Heilkunde anregend und befruchtend gewirkt; was er aber den Kranken und Leidenden durch seine tiefe Wissenschaftlichkeit, durch den glücklichsten ärztlichen Seherblick, durch reiche Erfahrung und eine bis zum völligen Selbstvergessen gesteigerte Uneigennützigkeit gewesen, davon werden bei der Kunde von seinem Hinfcheiden die Thränen von Tausenden in der Nähe und Ferne, die ihm Heilung und Hülse verdankten, Zeugniß geben. I)r. Jakob Herz war am 2. Februar 1516 zu Baireuth geboren und hat sonach nur ein Alter von 55 Jahren erreicht. In Erlangen, wo er seine Universitätsstudien machte, war er zuerst 8 Jahre lang Assistent der chirurgischen Klinik unter Strvmeyer, Ried und Heyfelder^ dann seit 1845 Professor an der Anatomie. Seine Ernennung zum Professor, welcher lange Zeit bei allen seinen allgemein anerkannten Verdiensten seine Confessivn — er war Israelit — als unüberwindliches Hinderniß entgegen stand, daiirt kaum über ein Jahrzehnt zurück." Aus Strzalkowo wird der „P. Z." geschrieben: Wie ftrict die russischen Polizeibehörden die Verordnung in Hinsicht der Tracht der Juden zur Ausführung bringen, beweist folgender Fall. Der hiesige Schächter Rosenthal — ein Altgläubiger — wurde dieser Tage aus dem Wochenmarkte in Slupce von einem Beamten ausgesordert, ihm nach dem Polizeibureau zu folgen. Hier wurde ihm vom Bürgermeister eröffnet, daß das Tragen langer Röcke in Rußland verboten sei, und müsse sein Rock eine andere Gestalt erhalten. Herr Rosenthal protestirte hiergegen, da er ein freier Bürger Preußens und dem russischen Gesetz nicht unterworfen sei. Half nichts! Der Beamte nölhigte den Israeliten, seinen Rock auszuziehen, und ein Schneider wurde beordert, um dem Kleidungsstück die vorgefchriebene Länge zu geben. Als dre Procedur unter den Klagen des Israeliten vollendet war, überreichte der betreffende Kleiderkünstler die Rechnung für seine Bemühung, welche selbstredend der Eigenthümer des Rockes berichtigen sollte; hierzu verstand sich aber R. keineswegs, behauptete dagegen, es sei ihm s-0ncJein?m Rocke zu viel abgeschuitten, überdies auch dw Arbett so schlecht ausgefallen, daß er angemessen entschädigt zu werden verlange. Seine Beschwerde hierüber ä R-, bei der diesseitigen Behörde angebracht. Hoffentlich wird ihm sein Recht werden. «erlag von Baumgärtner'- Buchhandlung m Leipzig. - Dr^ou I. 83. Hirfchfeld. " Verantwortlicher Äefraeteitr Dr. H. g0&t. '

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