Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 871 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine FenilletM-Mlage )u Ar. 43. Leipzig, den 24. October 1871. Auf und nieder. Erzählung. (Fortsetzung.) Wir haben diese Auswahl aus dem Briefwechsel Clara's mit Markus getroffen, so weit diese Briefe mit der Geschichte, deren Verlauf wir hier mittheilen, in Berührung stehen. Das Verhältnis; des früh gereiften Lehrers und der überaus empfänglichen Schülerin wurde ein immer vertrauteres, innigeres, ohne an seiner Unbefangenheit und Harmlosigkeit zu verlieren. Ihre Seelen waren so rein, ihre Neigungen gingen so auf das Erhabene und Geistige, daß sie lediglich in dieser Atmosphäre athmeten, in dieser Lichtregion sich begegneten. Hierüber wachte nun besonders die Mutter Clara's, eine ebenso intelligente, wie zartfühlende Dame, der ihr Mann — sie waren beide Verwandte — Alles überließ, was das Hauswesen und die Erziehung Clara's betraf. Sie achtete den gehaltvollen, strebsamen Jüngling und nahm an dem Unterrichte und den Gesprächen der beiden selbst den lebhaftesten Antheil. Wenn sie zuerst nicht ohne Besorgniß war, daß die immer regsamer werdende geistige Thätigkeit ihres Kindes der zarten Gesundheit desselben schaden könnte, so verschwand allmälig diese Befürchtung, denn Clara erstarkte sichtlich, und ihr zartes blaffes Gesicht begann sich etwas zu röthen. Aber selten ist es den Menschen gegeben, ein Verhältniß lange auf der reinen sittlichen Hohe zu erhalten, die es erreicht hat. Die Frau des Banquiers erkrankte und verschied. Es war eine Zeit der schwersten Prüfung für Clara. Sie entfernte sich nicht Tag, nicht Nacht von dem Schmerzenslager der geliebten Kranken, und nur mit Mühe gelang es, sie zu verhindern, den letzten Seufzer der Sterbenden selbst zu empfangen. Markus war selbst tief von dem Schlage getroffen, und so viel es unter diesen Verhältniffen anging, suchte er dem gebrochenen Herzen des Mädchens eine Stütze zu sein. Als nach einiger Zeit seine Besuche wieder angenommen wurden, konnte es erst langsam wieder zum Unterrichte kommen; ihre Gespräche galten nur der Verklärten, den Lebensregeln, welche sich Clara aus diesem Vorbilde zog, den Hoffnungen auf ein höheres Dasein, in welches der Geist der Mutter mit dem tiefen Verstände und der unerschöpflichen Liebe ein getreten sei. Unterdeß hatte der Vanquier zur Führung des Hauswesens und zur Leitung seiner Tochter seine Schwester, eine ältere, unv'erheirathete Dame zu sich berufen. Damit zog der böse Genius in das Haus.. Sie schlug alsbald die Hände über den Kopf zusammen, daß man die heranreifende Tochter von einem jungen und.noch dazu bildschönen Studenten unterrichten laste. Sie warf dies wiederholt ihrem Bruder vor und schalt darüber ganz offen Clara aus, die Anfangs ihre Tante gar nicht verstand, sich auf die Erlaubniß ihrer Mutter berief und die Tante bat, dem Unterricht beizuwohnen. Auf diese machten diese Einwendungen den entgegengesetzten Eindruck; sie faßte einen Haß gegen Markus, beschuldigte ihn geheimer Absichten und erklärte endlich, keine Stunde länger in einem Hause bleiben zu wollen, wo man solche Unschicklichkeiten zulaste. Der Banquier vermochte keinen längeren Widerstand zu leisten, sing selbst an, Verdacht zu schöpfen und schickte alsbald Markus einen Absagebrief mit dein ihm restirenden Honorar. Markus hatte keine Ahnung von diesen Vorgängen gehabt und war wie vom Donner gerührt. Zuerst fühlte er sich in seiner Ehre gekränkt; er eilte nach dem Hause, in welchem er so viele schöne Stunden verlebt, um die Ursache dieser plötzlichen Verabschiedung zu erfahren und westen er sich schuldig gemacht, um sie zu verdienen. Er wurde nicht vorgelasten, er konnte weder bei dem Banquier, noch bei Clara Gehör erlangen. Niedergeschlagen kehrte er heim, und als er nun, über dieses sein Mißgeschick brütend, sich Alles vergegenwärtigte, was er dort in der letzten Zeit gesehen und gehört, so ging ihm allmälig die Wahrheit auf. Die jungen Herzen waren plötzlich aus ihrer Unbefangenheit herausgeristen, und diese gewaltsame Trennung brachte ihnen zum Bewußtsein, was sie sich waren, was sie für einander empfanden. Jetzt ließ es Markus nicht ruhen; ihm lag vor Allem daran, sich mit Clara auszusprechcn und von ihren Lippen zu hören, ob auch sie das Verhältniß verdamme, in welchem sie. bis jetzt zu einander gestanden. Er knüpfte mit einem Diener des Hauses, der ihm stets gewogen gewesen, eine Verbindung an; aber er vernahm nichts Tröstliches, Clara wurde streng bewacht, und der Diener wagte eS nicht,