Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 864 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226842--29974-3252837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
864 Kehrseite der Medaille betrachten — man wird einsehen, daß dies nicht von einem Gegner, sondern von einem wahren Freunde der Schule und des Lehrerstandes geschieht. Man fordert von den Gemeinden und mit Recht einen größeren Gemeinsinn, daß sie nicht mit kleinlichem Geiste das Einkommen ihres Beamten auf das Allernothdürftigste beschränken und um ein paar Thaler mit ihm handeln oder sich einen guten Lehrer entgehen lassen, daß sie nicht durch Festhalten kurzer provisorischer Anstellungen sich eine unbedingte Herrschaft über den Beamten bewahren wollen und ihn den Launen der wechselnden Vorsteher und der Gemeindemitglieder aussetzen sollen. Alles richtig; aber wie steht es um den Gemeinsinn der Lehrer und Eultusbeamten? Ist dieser zu Besserung der Verhältnisse nicht ebenso nothwendig, wie der der Gemeinden? Würden die Lehrer, wenn sie ihn bethätigten, nicht sehr viel dazu beitragen, die Dinge umzugestalten, zu heben und zu fixiren? Ueberschauen wir den so überaus zahlreichen Personalstand in Preußen, gehen wir die einzelnen Provinzen durch, so gewahren wir einen Mangel an Gemeinsinn, ein Fehlen jedes esxrit äs corps, daß man darüber erschrecken könnte und die Gemeinden mit Recht sagen dürfen: warum geht Ihr nicht mit gutem Beispiele voran und erweiset das, was Ihr von uns fordert? In der That fehlt es den jüdischen Lehrern in allen altern und in den meisten neueren Provinzen an jeder Lust, an jedem Eifer, sich zu vereinigen, die Interessen ihres Standes gemeinsam zu fördern mtb die geistigen, functionellen und finanziellen Schäden wenigstens zu lindern, an welchen sie leiden. In Westphalcn und der Rheinprovinz haben einige tüchtige Männer vor Iahrzehnden einen Verein gestiftet und mit vieler Hingebung aufrecht erhalten, der die pädagogische Ausbildung, dann aber auch die Herstellung einer Unterstützungscasse zum Zwecke hatte, und wirklich wird mit dem Jahre 1872 die Auszahlung von Unterstützungen an bedürftige Mitglieder beginnen. Nun sehe man sich aber die Zahl derer an, welche von den zahlreichen Lehrern dieser beiden Provinzen diesem Vereine beigetreten sind, die Eonferenzen besuchen und zu der Unterstützungscasse zahlen — wie winzig, wie dürftig! Noch mehr. Vielleicht seit fast vier Iahrzehnden besteht in Berlin ein Verein zur Unterstützung der jüdischen Lehrer in Preußen, und zwar ohne die Bedingung der Gegenseitigkeit, sondern zu helfen, wo es sei, soweit die Mittel des Vereins reichen. Der Verein wird von Lehrern geleitet, deren Verhältnisse sie außerhalb der Gefahr, des Vereines zu bedürfen, setzen, und die Beiträge fließen am wenigsten aus den Mitteln von Lehrern. Wiederholt wurde in dieser Zeitung über den gedachten Verein berichtet und zu seiner Förderung aufgefordert. Wer hätte nicht voraussetzeu sollen, daß alle Lehrer diese Gelegenheit, für ihre eigenen Interessen zu sorgen, mit Eifer ergreifen und dafür nachdrücklich Propaganda machen würden? Aber dies geschah auch nicht im Geringsten, und der Verein, der seine Unterstützungen zumeist in die Provinzen schickt, blieb auf Berlin beschränkt, wenig beachtet, fast ungekannt! Uebrigcns wurden auch in anderen Provinzen, z. B. in Posen und Preußen, Versuche gemacht, solche Vereine zu gründen; aber die Urheber blieben Generäle ohne Armeen; ihre Stimmen verhallten in der Wüste. Was Wunder, daß auch der vor einigen Jahren gegründete allgemeine deutsche Verein jüdischer Lehrer ohne großen Anklang, ohne verhältnismäßig bedeutenden Zutritt blieb. Muß man nicht unter diesen Umständen die Schuld zu einem großen Theile den Lehrer selbst zuschreiben und sich nicht wundern, wenn die Gemeinden für alle Ansprachen, Aufforderungen und Nachweisungen kalt bleiben? — Von der anderen Seite findet sich so wenig Zusammenhalt unter den jüdischen Lehrern, daß eben der beständige Wechsel derselben wie der Cultusbeamten überhaupt für die Gemeinden ein leichtes Spiel bleibt. Ich bin der Letzte, der einem Stande, welcher es auch sei, den Strike oder eine Art Eoalition empfehlen möchte. Solche Dinge führen jederzeit zu Consequenzen, an die man anfänglich nicht gedacht, zu Entsittlichung, gegenseitiger Mißachtung, Zwang und Verfall. Aber wenn wir sehen, wie die Lehrer wenigstens in großer Zahl sich gegenseitig um irgend welche Vortheile eines College« beneiden, manchmal intriguiren, wie sie sich um Stellen drängen, selbst wo ihre Vorgänger nicht in glimpflicher Weise behandelt und verabschiedet wurden, so muß man eingestehen, daß der Geist der Selbstachtung und der Geist der Einigkeit unter den jüdischen Lehrer Preußens sehr wenig verbreitet ist, und daß es auch am schwächsten Zusammenhalt bei ihnen fehlt. Ich halte den oft wiederholten Satz: ,Hilf dm selbst, und der Himmel wird dir helfen für nicht richtig, denn der Himmel hilft uns oft, wo die Selbsthülfe nicht ausreicht; aber sicher ist es, daß wer sich