Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 859 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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859 lediglich einen siegreichen Krieg gegen das geeinigte Italien durch eine äußere Macht; es besieht also auch hier nur eine politische Rolle. In Spanien liegt gegenwärtig die carlistische und isabellistische Partei so darnieder, daß der Kampf wenig Aussicht hat und in eine weite Zukunft hinausgerückt ist; es ergiebt sich, daß er auch hier lediglich einen politischen Charakter hätte. Der Norden und Osten Europas sind den Ultramontanen gänzlich entzogen , weil dort der Protestantismus und die griechische Kirche Lis auf einen kleinen Vruchtheil die allein bestehenden sind. ES bleiben also nur Deutschland und Oesterreich übrig, wo der Kampf ebenso kirchlich wie politisch sein wird, weil hier die protestantische und katholische Bevölkerung iu ziemlich gleichem Maße vorhanden und die sg. altkatholische Bewegung begonnen und die öffentliche Meinung und die Staatsregierungen für sich hat. Diejenigen, welchen es nicht um die Ruhe, sei es auch durch den Stillstand, zu Lhun ist, diejenigen, welchen eine heimliche Wühlerei und die dadurch bewirkte Lähmung alles Fortschrittes gefährlicher erscheint als der offene Kampf, der endlich zu einer Entscheidung, zur dauerhaften Lösung schwieriger Aufgaben und tiefgreifender Fragen führt: diese werden es den Ultramontanen Dank wiffen, daß sie endlich jede Maske abgeworfen und sich mit offenem Visir der modernen Welt gegenüber stellen. Wir sind nicht der Meinung, daß dieser Kamps ein leichter, ein ebenso rasch entschiedener sein wird, wie etwa der deutsch-französische Krieg; wir glauben, dies sei um so weniger der Fall, als bei dem maßgebendsten Theile der Kämpfer gegen den Nomanismus bei Weitem nicht die Entschiedenheit gefunden wird, wie bei ihren Gegnern, und wir befürchten müssen, daß man so lange und so viel wie möglich laviren werde. Indeß die Consequenzen der Thatsachen und Verhältnisse gehen im Verlaufe der Dinge über die Meinungen und Personen hinaus und drangen unwiderstehlich da, wo man gern zaudern und verhandeln mochte. Aber wie? stehen nicht Licht und Recht auf unsrer Seite? Flößt nicht die Prüfung dessen, was in den letzten Jahrhunderten geschehen, uns das vollste Vertrauen ein? Können alte, bereits gesprengte Ketten wieder geschmiedet, verleihet und den an Freiheit gewöhnten Armen angezwungen werden? Nimmermehr! Line kleine Äusrruandersehung. Auf dem Gebiete des Geistes geht nichts verloren. Wenn Etwas längst vergessen scheint, taucht es immer wieder von Neuem auf. Wäre es an sich noch so unbedeutend, falls etwas Gedankliches und besonders etwas Charakteristisches für die Zeit oder für die Sache darin enthalten ist, wird es gelegentlich wieder ans Licht ge^ zogen. Diese Betrachtung erneute sich in uns, als wir in der jüngsten Zeit von mehreren Seiten eines Vorgangwieder erwähnt fanden, dessen wir längst vergessen hatten, und wir finden uns deshalb veranlaßt , uns darüber mit denen ein wenig auseinanderzusetzen, welche sich dafür interessiren mögen. Im Jahre 1859 traten wir mit dem Projecte zur Gründung einer israelitischen Bibelanstalt hervor, und das Publicum begann sich lebhaft dafür zu interessiren. Kaum merkten dies die neuorthodoxen Zeloten, als sie auf irgend ein Mittel sannen, um diesem den segensreichsten Erfolg verheißenden Unternehmen zerstörend oder störend entgegenzutreten. Sie mochten lange vergebens suchen', bis sie endlich in ihrer Verlegenheit nach einem geringen Ausgangspuncte griffen. Sie fanden in unserem Bibelwerke 5 Mos. 25, 9 die Worte übersetzt: „Und speie in sein Angesicht," während nach der traditionellen Vorschrift gewöhnlich „Und speie vor ihm aus" übertragen wird. Dies genügte ihnen, um ihren Bannstrahl auf uns zu schleudern und die israelitische Bibelanstalt zu verketzern, bevor dieselbe noch den ersten Schritt zu ihrer Verwirklichung gethan. Erstaunlich war e8 nur, daß eine nicht geringe Zahl sonst mäßiger und besonnener Rabbiner sich von ihnen Hinreißen und zur Unterzeichnung ihres Pamphlets verleiten ließ. Was uns zu der obigen wörtlichen Uebersetzung veranlaßt, war einfach der Grundsatz, in der Uebersetzung der heiligen Schrift stets nach dem einfachen Wortsinn zu übertragen, und die Schrift möglichst aus der Schrift selbst zu erklären. Dieser Grundsatz ist, wir brauchen es dem Sachkundigen nicht erst zu beweisen, von jeher im Judenthume heimisch gewesen. Man hatte zu allen Zeiten einerseits den einfachen Wortsinn festzuhalten gesucht, neben diesem aber der Erklärung und Ausdeutung völlige Freiheit gewährt. Jeder Blick in die vorhandenen älteren und