Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 858 (sequence 4)
- Language
- German
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858 fätzlichkeit in derselben der günstigste Boden für den großen Kamps- Ware dieser überhaupt nicht dem stetS vorwärts schreitenden Zerbröckeln der päpstlichen Macht, der kirchlichen Gewalt, also einem allmäligen Untergänge vorzuziehen? Gerade also die sich hausenden Symptome, daß es mit dieser Macht und Herrschaft zu Ende gehe, trieben den Ultramontanismus an, sich völlig zu demaskiren und die Gegner offen mit dem Eingestandniß feiner Zwecke und Ziele anzugreifen. Der Verlust seiner Obherrschaft in Spanien und in Oesterreich genügten wohl hierzu; der Einzug des geeinigten Italiens in Rom und die vollständige Säcularisirung des Kirchenstaates, sowie die Weigerung des neuen deutschen Reiches, für die Wiederherstellung des Letzteren cinzurreten, ließen die Ultramontanen nicht länger zögern, noch dazu, da vorzugsweise die bayrische Regierung die Staatsgefährlichkeit des Unfehlbarkeitsdogmas und seiner Cvnsequenzen aufs Bestimmteste aussprach. Man tritt also offen rum Kampfe hervor, und zwar auf der ganzen Linie. Längst zwar hatte man die Vorbereitungen dazu getroffen. Die ganze ultramontane Presse, der Univers, der Monde, wie die unmittelbaren päpstlichen Organe, die Civilta cattolica, die Unita cattvlica, ferner das „Vaterland" in Wien, die katholischen Kirchenzeitungen u. s. w. hatten seit Jahren kein Hehl daraus gemacht, was man erstrebe und wohin man ziele, und hatten die Gegner und alle gegnerischen Ansichten mit der größten Grobheit und Frechheit, mit cynifcher Zügellosigkeit behandelt. Allein dies konnte immer wieder als nicht osstciell, als Kundgebungen einer extremen Parteispitze erklärt werden. Jetzt aber tritt man überall ohne Schonung und Scheu auf. Der päpstliche Nuntius zu München erklärt im Namen des Papstes in einem veröffentlichten Schreiben die Maßnahmen der preußischen Regierung zum Schutze angestellter Gegner der Unfehlbarkeit für „ungerecht" u. s. w. — also „Aufreizung zu Haß und Verachtung der Negierung"; der Wesiphälische Mercur erklärt im Namen der ganzen Partei die Grundsätze des Syllabus als die allein rechtsgültigen und macht ihre Verwirklichung jedem Katholiken zur Gewissenspsiicht — also Umsturz der beschworenen Verfassungen und der rechtsgültigen Gesetze; die ganze klerikale Partei in Frankreich erklärt sich für die Bourbonen, deren Haupt offen den Krieg gegen Italien für Wiederherstellung deS Kirchenstaates verheißen hat; 46 Mitglieder der französischen Nationalversammlung erklären in einer Adresse an den Papst, daß sie seinen Vorschriften mehr gehorchen werden als den Gesetzen ihreS Vaterlandes; 42 Edelleute in Einsiedeln versammelt, unterzeichnen eine Schmähschrift gegen die badische Regierung wegen ihrer ConfessionSlosigkeit; die „katholischen Volksblätter" in Cöln wüthen gegen die Anstellung eines Juden als Lehrer der Mathematik am Gymnasium zu Straßburg als eine Verletzung der katholischen Kirche — während doch in Elsaß-Lothringen fast die Hälfte der Bevölkerung protestantisch ist und 50,000 Juden darin wohnen; da ThierS einen gottesdienstlichen Raum im Lager zu Satori herrichtet und ihn für alle Confessivnen zum Gebrauch bestimmt, erheben sich die ultramontanen Blätter zu einem Sturme auf den Präsidenten der Republik, denn die Gleichstellung der Culte sei eine Erfindung des Satans; die Anhänger der Ultramontanen in Deutschland treten offen als die Feinde des neuen deutschen Reiches auf und befehden es in jeder ihnen zu Gebote stehenden Weise. Wir könnten dieses Register noch vielfach vergrößern; aber schon diese Thatsachen genügen, um zu zeigen, daß der offene Kampf ausgebrochen und nicht langer zu verkennen ist. Sie genügen aber auch, um Jedermann zu überzeugen, daß dieser Kampf zwar kirchlich ist, indem er die Herrschaft der katholischen Kirche, d. h. der katholischen Priester absolut machen soll, aber schon deswegen und durch die Art und Mittel der Kriegführung eminent politisch ist. Wir wollen nur die Bemerkung hinzufügen, daß er auch wesentlich antinational ist. Denn allerdings machen sich die Ultramontanen wenig daraus, das Nationalitätsprincip da zu benutzen und zu dem ihrigen zu machen, wo sie Vortheil daraus ziehen können; sie identificiren die katholische Kirche mit der polnischen Nationalität, um diese gegen die griechische Kirche Rußlands ankämpfen zu lassen; sie verbinden sich mit den Czechen, um das liberale Oesterreich zu stürzen; aber wie überhaupt sie nichts mehr fürchten als Nationalkirchen, weil diese zur Universalität ihrer Herrschaft nicht passen, so ist ihnen auch die politische Einigung einer Nation ein Dorn im Auge, wenn diese nicht zugleich, wie im ehemaligen Spanien, die unbedingte Unterwerfung unter Nom bedeutet. Der Kampfplatz wird vorzugsweise Deutschland, einschließlich des deutschen Oesterreichs sein. In Frankreich gilt es den Kampf der Legitimisten mit den Republicanern; der Sieg der ersteren würde auch der Sieg deS Ultramontanismus in Frankreich fein; er spielt sich also hier nur politifch ab. In Italien handelt es sich um die Wiedereroberung des Kirchenstaates; es gilt also hier