Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 857 (sequence 3)
- Language
- German
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857 Macht nur durch d!e geeinigten Kräfte gegen alle liberalen Ideen, gegen alle Fortschritte des Geistes wie der Gesellschaft, der Politik, der Wiffenschaft und der Jurisprudenz, gegen die Philosophie und religiöse Aufklärung erhalten könnten, und die thatkräftige Gunst der Regierungen, die zu den bekannten Concordaten, welche Nom die Herrschaft über den Klerus und diesem über die wichtigsten Gebiete des Volkslebens sicherten, führte, gaben Raum genug, um dieses Ziel in dem Umfange zu erreichen, welcher sich gegenwärtig in. dem Verhalten der Bischöfe und des gesammten Klerus offenbart. Der Einfluß aber, welchen der Klerus durch die ihm ein geräumten Vorrechte auf das Volk gewann, war so unermeßlich, daß die Kirchlichkeit in demselben außerordentlich erstarkte. Das vaticanische Concil und das Unfehlbarkeitßdogma waren die Krönung dieses Systems. Durch dieses Dogma wurde der Papst ganz positiv der unbedingte Herrscher über den gesammten, durch die ganze civilisirte Welt zerstreuten katholischen Klerus, zum absoluten Generalissimus einer großen und streitbaren Armee, in welcher die Interessen jedes einzelnen Kriegers mit denen ihres Anführers identisch geworden. .Durch daffelbe aber wurden auch die Encyclica und der Syllabus zu dogmatischen Lehren der katholischen Kirche erhoben und ihre Verwirklichung und Ausführung zur Gewiffenssache jedes gläubigen Katholiken gemacht. Durch diese Actenstücke der höchsten kirchlichen Autorität wurden verkündigt und sanctionirt: 1) die Unfehlbarkeit des Lehramtes des Papstes/aller seiner Auslegungen der kirchlichen Tradition, aller seiner zukünftigen Aussprüche; 2das unfehlbare Richteramt des Papstes über alle Völker und deren Herrscher, und hiermit 3) die Oberherrlichkeit deS Papstes über alle Staaten und deren Häupter; 4) die Alleinherrschaft der katholischen Kirche und deren Strafrecht über alle Ketzer und Ungläubigen auch durch leibliche und weltliche Strafen; insbesondere ö) die Verdammniß der Gleichstellung der Culte und der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen ohne Berücksichtigung der Confessionen; 6) die Verdammniß aller Volksrechte und Volkßfreiheiten, insonders deS Constitutionalißmns, der Glaubens-, Rede - und Preßfreiheit, der Freiheit der Wiffenschaft u. s. w., da das ganze Gebiet der Geistesthätigkeit unter die Censur der Kirche, d. i. des Papstes mb der Priester, falle. Selbst unter den Anhängern Roms waren noch viele, welche die VerküMgMZ dieser Grundsätze für inopportun hielten und einem großen Kampfe darüber bangend entgegensahen. Aber die Führer deS oben gezeichneten Systems, waren dieser Meinung gar nicht, da sie offen mit demselben herauszutreten an der Zeit hielten und von der Ueberzeugung auögingen, daß jedes längere Zuwarten die Einwurzelung der zu vernichtenden gegnerischen Grundsätze nur verstärken und ausdehnen werde, und, des gesammten Klerus und eines großen Theiles des Volkes sicher, eine Entscheidung herbeizuführen für unerläßlich erachteten. Ob sie die gcsammte gebildete Welt vor den Kopf stoßen und eine zahllose Menge entschiedener Feinde herauöfordern würden, war ihnen gleichgültig, da es dahin doch einmal kommen mußte. Anfangs freilich that man da, wo man Widerstand erwartete, uoch so, als ob alle diese Dinge sehr harmloser Natur wären, zeigte sich höchst überrascht, alS die Staatsgefährlichkeit des Unfehlbarkeitsdogmas und des Syllabus behauptet wurde, wollte, jenes als bloß von interner Natur für die Kirche, den SyllabuS nur als theoretisch auSgcben, an dessen Verwirklichung gar nicht gedacht werde. Allein die vernünftige Welt wollte sich hiervon nicht überzeugen lassen. Man giebt daher diese Vertheidigungslinie auf und rückt offen inS Feld. Man wird nach dieser, in allen Puncten realistischen Darstellung erkannt haben, daß es bis hierher die Feststellung des Systems an sich und den Gewinn eines großen Einfluffes auf das Volk und die Staatsregierungen galt. Letzt aber ist die Zeit gekommen, wo man dieses System auch zur Ausführung und Verwirklichung bringen muß, wo die Staaten nach den Grundsätzen des Syllabus wieder umgestaltet, die Alleinherrschaft der katholischen Kirche wieder hergestellt, Fürsten und Völker dem Papste unterworfen und das Ideal deS mittelalterlichen Papstthums realisirt werden muffen. Ja, daS Dkittelalter hatte sich diesem allmächtigen Papstthum nur eine kurze Spanne Zeit unterworfen, sein Joch dann wieder stückweise zerbrochen und schließlich durch die Reformation und die.politische Entwickelung der Neuzeit nur ein schwaches Abbild überliefert. Aber auS allen diesen Stürmen und Umwälzungen war das Papstthum doch immer gerettet und in soinern Bestände erhalten worden: warum sollte es jetzt nicht noch einmal den Kampf wagen und mit erneueten und fester geregelten Kräften den Sieg erringen können? Ware nicht vielleicht die vielfache Erschütterung, die große Beweglichkeit der Gesellschaft, die mannigfaltige und schroffe Gegen- 43*