Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1871)
- Date
- 1871-10-24
- Page
- Seite 856 (sequence 2)
- Language
- German
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856 stellung von Grundsätzen, mit halben Maßregeln, oder sie überstürzten sich dermaßen, daß es der Reaction leicht wurde, auS dem Chaos zu neuer Herrschaft zu erstehen. So kann es uns denn auchnicht Wunder nehmen, daß der UltramontanismuS, Nomanismus, Iesuitismus, KlerilaliSmus, oder wie man die Partei benennen mag, von Neuem auf dem Kampfplatz erscheint, und nicht schwach gerüstet. Schon als die Mortarageschichte die unberücksichtigte Einsprache der europäischen Staaten hervorrief, als das Dogma von der unbefleckten Empfängniß verkündigt und von den zum Centenarium versammelten Bischöfen sanctionirt wurde, als das non possumus von allen katholischen Priesterlippen erschallte, als die Encyclica und der Syllabus erschienen, machten wir immer wiederholt daraus aufmerksam, daß man sich nicht tauschen solle, daß man hier nicht zufällige momentane Aeußerungen eines veralteten Geistes vor sich habe, deren Jnopportunität die kindisch gewordene römische Schlauheit bezeuge, sondern daß es die bewußten und berechneten Schritte eines ausgebildeten Systems,'einer im steten Vorrücken begriffenen Tendenz sei, die sich zur bestimmten Zeit vollständig demaskiren und den wirklichen Kampf aufgreifen werde. Wir hätten, wenn es in unsere Zeit gefallen wäre, noch früher zurückgreifen können. Die Verurtheilung der französischen Theologen, Prediger und Schriftsteller, welche die Vereinbarung des Katholicismus mit den liberalen Ideen und der Wisienschaft behauptet, zu beweisen und zu bewerkstelligen gesucht hatten, der Kampf gegen die gemischten Ehen, in welchen der Erzbischof von Köln eingetreten und die anderen Bischöfe hineinzog, ja bis auf die Wiederherstellung des Jesuitenordens, und wie vieles Andere noch gehören zu den ersten Schritten dieser mit der Bildung der heiligen Allianz zugleich begründeten ultramontanen Kriegspartei. Der Liberalismus hatte lange Zeit hiervon keine Ahnung, betrachtete diese Vorgänge als momentane Kundgebungen und bekämpfte sie einzeln, obschon ihn seine Mißerfolge hierin hätten eines Besseren belehren sollen. Hatte sich die Sache gemacht, so begnügte man sich mit der eingetretenen Ruhe und dachte nur an die politischen Kämpfe. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob nicht dieselbe Schwäche den socialen Verhältnissen, den socialistischcn Ideen und Umtrieben gegenüber erwiesen worden; indeß hatte man es in letzterem Falle nicht mit einem in sich bereits vollendeten Systeme zu thun. Dieses aber ist bei dem UltramontanismuS unschwer zu erkennen. Tiefer blickend in die wirklichen Verhältnisse und in den Gang der Entwickelung sahen dessen Anhänger schon seit den Vorgängen der ersten französischen Revolution ein, daß eS sich bei der Verwirklichung der 1789 proclamirten Grundsätze um ihr ganzes Dasein handle. Alle Zugeständnisse von der liberalen Partei konnten ihnen nur als die herabsteigenden Stufen ihrer Geltung und Herrschaft, erscheinen, die sie nur zu ihrem Vortheile und als Erleichterung zu ihrem rückläufigen Wiederaufsteigen zu benutzen hätten. Mit dem Sturze der napoleonischen Herrschaft, die ihnen jedoch schon zu einer vorläufigen, wenn auch sehr bedingten Wiedereinsetzung ihrer Gewalt diente, fand sie den Absolutismus in der Macht, und da dieser gegen dieselben liberalen Grundsätze und Neigungen zu kämpfen hatte, machte sie ihn leicht zu ihrem Verbündeten. Seitdem ward die Doctrin aufgestellt, daß der Altar die Stütze des Thrones sei, daß Staat und Kirche"gemeinsam gegen die Revolution zu kämpfen haben, daß aber die Kirche der kräftigere Streiter, die eigentliche Säule der Gesellschaft sei, da sie nicht blos die Arme, sondern die Geister beherrsche, und daß ihr deshalb die Herrschaft über die Geister ermöglicht und verschasst werden müsse. Dieser Satz wurde bis zur neuesten Zeit wiederholt und von den Herrschern leichtgläubig angenommen, während Geschichte und Wirklichkeit vielmehr das Gegentheil erweisen. Die Geschichte, denn Alterthum und Mittelaller berichten von zahllosen Vorgängen, wo der Altar oder die Kirche sich gegen den Staat auslehnte, die Herrscher und die Verfassungen umstürzte, die Throne und Scepter zerbrach, wenn diese sich nicht unterordnen wollten. Die Wirklichkeit, denn in der That will selbst die Revolution nicht den Staat beseitigen, sondern nur die Verfassung, und lief stets auf einen Compromiß uus, der die Throne nicht verdrängte, sondern nur beschränkte, und eine wirkliche Umwälzung nur hervvrbrachte, wenn die Herrscher den Compromiß brachen. Der Staat hat nur mit den Bedürfnissen der Entwickelung zu rechnen, die Kirche aber sieht in diesen ihren Todfeind und will die Entwickelung selbst erdrücken. Wie dem aber auch sei, der Plan wurde entworfen und mit der Wiederherstellung des Jesuitenordens der erste Schritt zur Ausführung gethan. Die erste Anstrengung mußte auf die Erstarkung im Innern, das heißt auf die Neubefestigung der Hierarchie, auf die straffe Glieder'ung, die unbedingte Dißciplin innerhalb derselben gerichtet sein. Das in den Gliedern derselben geweckte Bewußtsein, daß sie ihre