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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-17 · Heft 42 (17.10.1871) · p. Seite 853

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 42 (17.10.1871)
Date
1871-10-17
Page
Seite 853 (sequence 19)
Language
German
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853 Wahrheit, in der Geschichte der Menschheit den Individuen den vorwiegenden Platz und die eigentliche Wirk' samkeit znzuschreiben. Jeder einzelne Mensch, so groß oder so klein er seinen geistigen Eigenschaften nach sein mag, gehört seinem Volke und seiner Zeit an; von diesen beiden hat er seinen bedeutendsten Theil empfangen, und selbst feine individuelle Entwickelung hat er nur innerhalb dieser und durch die in ihnen waltenden Verhältnisse erlangen können. Ja, noch mehr, das, wodurch ein großer Mann, sei er an sich oder durch seine Stellung groß, auf seine 'Zeitgenoffen und die nachfolgenden Geschlechter wirkt, ist allein das, was er mit ihnen gemeinsam hat, worin er mit ihnen, mit einem größeren oder kleineren Theile derselben übereinstimmt. Wodurch er sich von ihnen unterscheidet, das stoßen sie ab, und wenn daS Uebereinstinnnende erschöpft ist, so fällt er. Dies wird sich Jedem aufdrängen, der in der Politik, in der Kunst oder Wissenschaft genauer nachsieht. Warum mißfällt uns so Vieles, was von den früheren Geschlech> lern hochgehalten und gerühmt worden? Warum sind uns manche Schöpfungen der größten Geister nicht mehr genießbar, und stößt uns selbst an den vollendetsten Werken so Manches ab? Weil es eben nicht mehr mit uns übereinstimmt, weil unsere Zeit eine andere geworden. Bor Eäsar und Luther sind auf denselben Ge> bieten mehrfache Versuche gemacht worden, die alle scheiterten. Warum? Weil die Zeitgenoffen noch nicht mit ihrer Tendenz übereinstimmten. jene Männer mit der Mehrheit ihrer Zeitgenossen noch nicht das wirklich Gemeinsame besaßen. Sehen wir auf die Größen, die noch bei ihren Lebzeiten von. den Höhepunkten, die sie erreicht hatten, herabsielen, so werden wir das Nämliche finden: sie hatten das Gemeinsame erschöpft oder waren darüber hinausgegangen. Es versteht sich, daß hiermit die Wirksamkeit des Individuellen, wie es sich besonders in der Energie der Willens- und Thatkraft und in der Benutzung der Fügung und Gelegenheit in den Umständen, in der Verwendung der sich darbietenden Mittel kundthut, durchaus nicht geleugnet werden soll; nur daß wir eben erkennen, wie es aus dem Allgemeinen herauswächst, von ihm getragen und bedingt wird, so daß es ohne dieses weder gedacht werden, noch bestehen und wirken kann. Ich muß mich hiermit begnügen, und wenn mir bald wieder das Glück wird, mich von Angesicht zu Angesicht mit Ihnen besprechen zu können, so werden wir uns leicht über alles Weitere verständigen. Pur daS Eine drängt mich noch, gleich hier mit einigen Worten auf die Stellung einzugehen, welche unsere Religion zu dieser Frage einnimmt. Sie wißen, ich unterlasse eine solche Betrachtung niemals. Gerade die Religion, und dies beweist uns die Geschichte der Religionen, kann leicht in den zwiefachen Jrrthum verfallen, den Menschen nur als. Individuum zu betrachten und ihren eigenen Zweck allein in der Erwirkung seines „Seelenheils" zu suchen, dann aber die gesammle Menschheit nur als die Masse gleichartiger Individuen anzusehen, die sich sämmtlich und gänzlich in das von ihr, dieser Religion, aufgestellte Schema unbedingt unv einförmig einordnen müsse. Auf diese Weise macht eine solche Religion oder Kirche auf den Charakter einer Universalreligion Anspruch und zugleich daö Individuum in seiner ganzen Jsolirung zum Gegenstände ihrer Fürsorge. Die Geschichte hat erwiesen, daß sie in beiden Beziehungen scheitern muß. ES führte aber auch diese Tendenz zu dem Gegensatz, der Individualität in religiöser Beziehung die alleinige Bedeutung zuznschreiben. alles Gemeinsame zu leugnen und eine religiöse Vereinigung nur als Opposition gegen das Bestehende zu ermöglichen. ' Unsere Religion hat von ihren, Beginne an beides zu vermeiden gesucht und gewußt; sie gibt dem Individuum und der Gemeinsamkeit zugleich den nöthigen Raum. So läßt sie von vornherein ihre Lehren durch Individuen verkünden, nennt sie beim Namen und erzählt ihre Lebensgeschichte. Aber nicht diese Individuen sind ihr die eigentlichen Urheber der Lehren, sondern sie läßt sie vom Geiste Gottes inspirirt werden. Sehen wir im Augenblicke von diesem Dogma an sich ab, so liegt für uns darin der Gedanke ausgesprochen, daß die Wahrheit nicht das Werk eines Einzelnen und ihr Ausspruch nicht das Eigenthümliche eines Einzelnen ist, sondern daß sie in der Gemeinsamkeit Aller wurzelt, von der Allgemeinheit ausgeht und getragen wird. Diese Lehren unserer Religion richten sich an jeden Einzelnen; und selbst die Form des Ausdrucks ist in den ineisten Fällen der Singular. Aber sie übergibt doch das Ganze der Gcsammtheit, zunächst der Nation, dann mit der Aussicht, daß allmälig Eigenthum der gesammten Menschheit das werden möge, was Allge,„eines, was Grundlehre und Grundgedanke, also für die gesammte Menschheit paffend in ihr ist. Sie stellte deßhalb theils allgemeine Principien auf, theils verkörperte sie diese in Specialgesetzen, die zwar theils einen nationalen, theils einen zeitlichen Charakter haben, aber die Grundpr'mcipien als Kern enthalten. Unsere Religion ferner verheißt Segen und Fluch dem Individuum, aber sie lehrt immer und innner wieder, daß das Individuum doch nur in der Gesammtheit deö Volkes, der Epoche, der Menschheit wurzelt und daß der Segen und der Fluch selbst des Einzelnen, sein Bestand und sein Untergang, sein Wohlsein und sein Leiden von der Blüthe, der Beschaffenheit, dem Bestände des Volkes und des Zeitalters abhängen. So ist ihr jedes Individuum ein selbstbewußtes unv selbstthätiges Glied, aber immer nur Gl,ed eines Ganzen, dem es sein Dasein unv sein Geschick verdankt und dem es die höchsten Pflichten schuldig ist. . Ich gebe zu, daß in der jüdischen Gesetzgebung, wie sie sich nach der Zerstreuung des Volkes immer mehr ausbildete, vieles von dieser Tendenz verloren ging, sich durchaus individnalisirle und gerade darum für alle Individuen einförmig schematisirte. Aber gerade diesen Charakter abzuschleifen und zu dem großen ursprünglichen

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