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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-17 · Heft 42 (17.10.1871) · p. Seite 852

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 42 (17.10.1871)
Date
1871-10-17
Page
Seite 852 (sequence 18)
Language
German
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852 Menschen vor, welche Ihrem Schwager gleichen und mit diesen Grundsätzen ihr unfruchtbares Gemüth erfüllt haben. Was ist denn, frage ich mich, dieses Individuelle oder vielmehr Charakteristische, welches den eigentlichen Werth und die Größe des Einzelwesens ausmachen soll? Es kann doch nichts anders sein als die übermäßige Ausbildung irgend einer Eigenschaft, die sonst Alle haben, irgend einer Kraft, einer Leidenschaft, einer Richtung. An sich sind sie Allen zugetheilt; dieses bestimmte Individuum aber hat sich aus irgend welchen Impulsen diesem einen Zuge hingegeben und ihn zum besonderen Inhalte seines Streben« gemacht. Dies ist Alles, und die Folgen sehr zweifelhafter Natur. Diese einseitige Entwickelung kann in einem gegebenen Punkte von hohem Nutzen sein, unter den meisten Bedingungen aber wird sie auf die Person und Andere schädlich einwirken, ja gefährlich werden. Die höchsten Denker und Weisen haben ja schon im Alterthrirne die harmonische Ausbildung aller Kräfte als das Ziel der leiblichen und geistigen Erziehung ausgestellt. Kurz, das Charakteristische mag interessant, bisweilen auch bedeutend sein, im Ganzen aber stellt es nur Einseitigkeit und hiermit Beschränktheit vor; denn die Entwicklung des Einen ist die Beschränkung in allem Anderen. Lächeln Sie nicht, geehrter Herr, über meine Versuche, ins Große gehende Ansichten zu kritisiren, lächeln Sie nicht über meine Schwächen; aber sagen Sie mir Ihre Ansichten darüber, und zwar so bald wie möglich, denn ich bin sehr gespannt darauf. Markus an Clara. Die Entrüstung, verehrtes Fräulein, welche Sie gegen diese Egoisten empfinden, die ihre Selbstsucht noch dazu auf den Thron der Vernunft und der Wahrheit setzen, sie zum Mittelpunkt und Gesetz des Universums machen und sie ebenso in der sittlichen wie in der natürlichen Weltordnung als die bewegende Kraft erklären wollen: ich theile diese Entrüstung vollständig. Allerdings wurde diese Selbstsucht vorn Schöpfer unserer irdischen Natur eingeordnet, und bildet sie ein wesentliches Glied in der Reihe der Motive und Asftcte, welche unö zum Arbeiten, Wirken und Schaffen antreiben. Sie ist so in der menschlichen Welt nicht zu übersehen und au ihrer Stelle und innerhalb gewisser Grenzen auch wohl berechtigt. Der grobe Fehler liegt nur darin, sie als Alleinherrscherin im menschlichen Wesen anerkennen und geltend machen zu wollen, und ihr alles Edle und Schöne unterzuordnen, ja als eine Maske, die sie gelegentlich vornimmt, anzusehen. Hüten wir uns in diese Schlinge, welche uns unser eigener böser Genius legt, zu fallen, und dadurch uns alles Dessen verlustig zu machen, was daS Leben erhebt und durchleuchtet! So kann eS auch keinem Zweifel unterworfen fein, daß diejenigen irren, welche das Individuelle und Charakteristische zum Zweck des Daseins und als die eigentliche Bedeutung desselben ausgeben. Alles, waS Sie, verehrte Freundin, dagegen sagten, unterschreibe ich gern, und nichts ist eine größere Verirrung, alö aus dieser einseitigen Anschauung heraus das wirkliche Dasein der Allgemeinheiten zu leugnen. Allein wir müssen doch darauf achten, darum nicht in das Gegentheil zu verfallen. Dies ist vielinehr der große Gedanke, welcher der Welt, die wir kennen, zu Grunde liegt, daß sie im weisesten Verhältnis aus dem Allgemeinen und dem Individuellen zusammengesügt ist, daß alles Daseiende der Allgemeinheit angehört und doch wieder Individuum ist, ja daß alles Einzelne aus dem Gemeinsamen herauswächst, dieses als den eigentlichen Loden und die wirkliche Art feiner Existenz behält und diesen Kern seines Wesens erst dann in Form und Richtung individualisirU Den Beweis hierfür zu liefern ist eine leichte Aufgabe. Warum können wir ein Pferd von einem Löwen unterscheiden? Warum einen Vogel von einem Fisch? Warum eine Eiche von einer Fichte? eine Pflanze von einem Thier? Warum Granit von Sandstein u. s. s.? Doch nur weil sämmtliche einzelne Löwen eine gleiche Beschaffenheit haben, welche von der gemeinsamen Beschaffenheit aller einzelnen Stoffe völlig verschieden ist. Mögen also, wenn wir dies auf alle Species und Gattungen anwenden, die einzelnen Löwen an Gestalt, Größe, Farbe u. s. f. von einander verschiedei; sein, wesentlich stimmen sie doch überein, haben sie dieselben Eigenschaften und Organisation nach innen und außen, so daß der erste Blick sie in ihrer Gattung von allen übrigen Wesen unterscheidet. Bei Weitem vorwiegend ist daS an jedem Einzelnen, was ihn zum Löwen, und hieran erst schließt sich, was ihn zu diesem und keinem anderen Exemplar eineS Löwen macht. In jedetn Lehrbuch anS dem Bereiche der Natur werden die Gattungen, Species und Familien beschrieben. Wie wäre daß möglich, wenn nicht alle diese gemeinsamen Merkmale vorhanden waren und die individuellen Eigenthümlichkeiten so geringfügig, daß sie gegen das Gemeinsame gar nicht in Betracht kommen. So können wir dies zuletzt auf die Gesammtheit aller Erdeugeschöpfe ausdehnen, und rangircn dann diese Erde selbst ohne Zwang in die Reihe der gleichen Himmelskörper und in die Sonnensysteme ein. So wurzelt jedes Einzelwesen in der gemeinsamen Art seiner Gattung, und diese in der der Classe und des Reiches, und alle diese in der Allgemeinheit des Daseins, d. lu in dem Gedanken und Willen, d. i. dem Wesen G ottes! Ja, sehen wir genauer zu, so beschäftigen wir uns mit dem Individuellen stets nur in dem engen .Kreise der uns un,gibt. Der Hirt kennt jedes einzelne Lamm seiner Heerde; der Roßkanun unterscheidet mit einern Blick jedes Pferd, das ihm vorgeführt wird. Und so lernen wir nur die Menschen unserer engeren Bekanntschaft in ihrer besonderen Ar! kennen. Sobald unser Blick über diesen engen Kreis hincmsgcht. sehen wir nur noch das Gememsatne und Allgeineine. Sicher ist eö aber auch ein großer Irrthum, eine völlige Verkennung der

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