Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1871)
- Date
- 1871-10-17
- Page
- Seite 851 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226841--29960-3252822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton-Beilage zu Rr. 42. Leipzig, den 17. OctoLer 1871. Auf und nieder. Erzählung. Fortsetzung.» Clara an MarkuS. Hiermit sende ich Ihnen, geehrter Herr, den Brief JhreS zukünftigen Schwagers zurück, den Sie mir mitzutheilen die Güte gehabt. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Obschon ich gestern an meiner Migraine »nehr als seit langer Zeit gelitten, ist es mir doch Bedürfnis heute meine Gedanken zu samineln und Ihnen mitzutheilen, so schwach auch der Ausdruck derselben außfallen »nöge. Sie haben mich durch Ihre Nachsicht so verzogen, daß ich mich, sobald das Herz mich dazu drängt, nicht scheue, das vor Ihre Augen zu bringen, wovon ich selbst das Ungenügende empfinde. Ja, der Verfasser dieses Briefes ist ein ftylistischer Meister und erregt durch seine Formgewandtheit um so mehr Bewunderung, als er dem Gelehrten stände nicht angehört. Aber vielleicht gerade darum wuchs meine Entrüstung über den Inhalt von Zeile zu Zeile, und ich bin erstaunt. Sie über das Schicksal Ihrer Schwester, das solchen Händen anvertraut wird, nicht »nehr beunruhigt zu sehen. Mich überfiel eine wahre Angst, wenn ich mir das liebliche, amnuthige Wesen, das doch zugleich einen hohen Ernst einschließt, wie ich aus der schönen Photographie erkannte, die Sie mir geschenkt und die ich nicht oft genug anschauen kann, wenn ich mir, sage ich, dieses Mädchen vorstelle, wie es von den Grundsätzen dieses selbstsüchtigen ManneS mn- und eingesponnen wird. Ich verinag nicht so tief zu denken, so scharf zu unterscheiden und auseinanderzuhalten, mn die allgemeinen Grundsätze und Behauptungen dieses Sophisten genau zu beurtheilen und zu widerlegen. Aber das unmittelbare Gefühl und der einfache Verstand in mir empören sich gegen eine solche Theorie. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß ich nicht bester bin und nicht zarter empfinde als die Mehrzahl der Menschen, so weit sie noch nicht »m Strudel des Lebens verwirrt und verkehrt geworden. Und so »neine ich, daß ich meine Anschauungsweise hier als die allgemeine und richtige verwenden könne. Und da ruft denn Alles in »nir: das ist falsch, das ist grundfalsch! Wenn »nir etwas Gutes begegnet, wenn ich Etwas erhalte, »vas mir Freude macht, so drängt es mich »nächtig, es so vielen »nitzutheilen und so viele daran zu betheiligen, »vie es nur möglich ist. Ich e»»»psinde »vahrhaften Schinerz, »venn ich etwas Derartiges für »nich allein haben soll; es scheint mir, daß ich keinen Anspruch darauf habe, daß ein Unrecht darin liege, etivas Apartes für mich haben zu »vollen, »nährend so viele dessen entbehren und doch den Anspruch in gleiche»» Maße haben, viele vielleicht noch »nehr. Ich weiß sehr wohl, daß dies »»ach den Verhältnissen des menschlichen Lebens nicht durchzusühren ist und daß der Gebrauch vieler guten Dinge geradezu vernichtet würde, »venn sie allzu sehr getheilt würden. Aber dieses »»rsprttngliche Gefühl, daS Gute nicht allein für sich haben, sondern es möglichst zu»n Gemeingut Aller »nachen zu wollen, ist doch eine »»»»zweifelhafte Thatsache, u»»d stößt, wie ich »neine, das ganze System dieses Mannes u»n. SchlimlN genug, wenn es in seinem Herzen anders aussieht, und wenn er sich nur als ein intelligentes Thier ansieht, das freilich Alles für sich allein haben »viü, dessen es sich be»nächtigen mag und kann. Ich stehe hier an »»»einem von einer stark aufgeschossenen Weinrebe u»n»vachsenen Fenster. Da sehe ich aus dein Starum und den Zweigen lange grüne Ranken herausschießen, die sich nach den Seiten hin ausdehnen und ri»»geln und »vie i»n Nu größer »verden, um irgend einen festen Gegenstand zu erreichen, zu erfassen und zu u»nkla»nmern. Aber diese Ranken bringen keine Blätter und keine Tra»»ben hervor; sie leben und streben nur für sich selbst; sie entziehen der Rebe die besten Säfte, mn sie für sich zu benutzen, sie »verden zu»neist abgeschnitten, und die Rebe gewinnt n»»r dadurch. Freilich weiß die Natur auch aus ihnen Nutzen zu ziehen, und einige derselben werden, wenn sie groß und stark geworden, zuletzt zu Zweigen sich ausbilden, wie es die Vorsehung versteht, 'auch aus den selbstsüchtigsten Menschen Nutzen für das Allge»neine zu ziehen. Jeder Gärtner weiß aber, daß, wenn er nicht von Zeit zu Zeit die Scheere tüchtig gegen diesen Rankenwucher gebraucht, die Rebe nichts hervorzubringen vermag; sie wird nichts als Ranken und stuinpfeS Laub. So ko»n»nen mir die