Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1871)
- Date
- 1871-10-17
- Page
- Seite 846 (sequence 12)
- Language
- German
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846 rathüngen bildeten zuletzt die Angelegenheit der algerischen Israeliten und sonst die der westrussischen Juden, namentlich der zur Erziehung übernommenen Waisenkinder, da, was die llcbersiedclnng nach Amerika betrifft, das Hanptcomite zu Königsberg allein thätig sein kann. Was nun diese Waisen betrifft, so hat sich ein unangenehmer Punkt dabei herallsgestellt, nämlich daß viele der hergesandten Knaben durchaus nicht arbeiten wollen und von so schlechten Gewohnheiten sind, daß sie in den Familien und Lehrstellen, wo sie nn tergebracht worden, nicht gelitten werden können. So berichtet Herr Albert Cohn, daß 15 der nach Paris gekommenen Knaben zu arbeiten verweigern uild ans Kosten der Alliance znriickgcschickt werden müssen. (Aehnliches wissen wir aus deutschen Städten, und müßte daher wohl eine sorgfältigere Auswahl getroffen werden, um das ganze wohlthätige Werk ilicht dadurch in Mißcredit zu bringen.) Viel Sorgen macht dem Somit«; die durch Herrn Netter bei Jaffa im heil. Lande projectirte und zum Theil in der Ausführuilg begriffene Ackerbauschule für Juden. Es bewahrheitet sich hier, was in dies. Bl. von vornherein über dieses Unternehmen geurtheilt worden. Es erfordert sehr große Mittel und ist dabei hillsichtlich seiner Erfolge höchst problematisch. Man hat die Baulichkeiten allgefaugen inib einige Anpflanzungen begonnen. Um sie nur irgendwie fertig zu stellen, sind ungefähr, wie man jetzt anschlägt, noch 200,000 Frcs. nothwendig, wozu, da die Mittel erschöpft sind, die Herren Goldschmidt und Netter je 25,000 Frcs. vorgeschossen haben. Es sind 6 Schüler da, dagegen fehlen ein Gärtner, ein Weinbauer, ein Ackerbaukundiger uild ein Rcchiiungsführcr. Ob diese iaußer dem letzteren), wenn sie aus Europa importirt werden, die dortigen Landbauverhältnisse richtig verstehen werden, scheint uns noch fraglich. — Was die übrigen Schulen im Oriente betrifft, so lauten die Nachrichten int Allgemeinen günstig. Paris, im Oktober. Der Pariser Munieipalrath hat für den Ausbau der beiden neuen Synagogen 200,000 Frcs. für die in dcr nie de la victoirc und 60,000 Frcs. für die auf der place royale votirt. — Die Arcli. isr. begleiten die Mittheitung der Correspondenz des Rabbiners Blumenstein mit. dein Generalkommando der deutschen Okkupationsarmee wegen Urlaubs der jüdischen Soldaten an den Feiertagen mit folgender Bemerkung: „Die Eorrcspondenz hat in uns eine schmerzliche Betrachtung hcrvorgerufen. Wie viele israelitische militärische, politische, wissenschaftliche u. s. w. Notabilitäten sieht man in Frankreich ihre Pflicht verkennen, unsere schönen und großen Feste zu feiern! Und dennoch ist es für sie zunächst eine Gewissenspflicht, alsdann die Pflicht des guten Beispiels: kein Rang ist so hoch, den diese Ausübung nicht noch mehr erhöbe, den die Unterlassung in unseren Augen nicht heruntersetzte." — In dcr That gicbt es in Paris eine nicht geringe Zahl von Familien, denen dasJudeuthum völlig fremd geworden, so daß in dcr zweiten Generation nicht die geringste Kenntniß mehr vorhanden ist. In Berlin und Wien ist der Grad der Religionslosigkeit durchaus kein so hoher, und wenn die französisch - jüdische Presse sich so viel ans die Einheitlichkeit des französischen Judenthums zugute thut und nicht selten mit einem gewissen Hohn auf die lebhaften Meinungsstreitigkeiten bei den deutschen Juden hinweist, so könnte sie durch die obige Betrachtung ans die Folgen dieses Stillstandes, dieses Mangels an jeder Lebensregung aufmerksam gemacht werden. — Das Consistorium hat einen Bericht über die Lage der Gemeinde von Paris während des verflossenen Jahres veröffentlicht. Die Arcli. isr. berichten cmszüglich: Die Folgen dieses unheilvollen Jahres haben schwer auf allen unseren Institutionen gelastet: die Hiilfsguellen für die Tempel sind wesentlich geschmälert, die jährliche Wohlthätigkcitsverloosnng konnte nicht stattfiuden, der Bau der Tempel ist unterbrochen, die Bezahlung dcr Zinsen der Consistorialobligationen seit beinahe drei Terminen eingestellt worden. Nur die Wohlthätigkeit unterbrach ihr Werk nicht; 210,000 Portionen Essen wurden den bedürftigen Israeliten während der Belagerung von Paris gereicht und eine Ambulanz von 100 Betten unterhalten. Die Rechnungen endigen sämmtlich mit bedeutenden Dcficits. Paris, 3. Oct. (Privatmitth.) So hat sich denn dcr schlaue Herr Thiers zum zweiten Male die Finger an den Juden verbrannt; zwei Mal mußte er, wenn auch ungern — das erweist fein Zögern — vor den Auden zurückweichen. Das erste Mal war es als Munster des Auswärtigen unter Ludwig Philipp in der nnieligen Damastener Angelegenheit vor 30 I., wo er die Gewaltthätigkeiten deö französischen Eonsuls^