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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-17 · Heft 42 (17.10.1871) · p. Seite 844

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 42 (17.10.1871)
Date
1871-10-17
Page
Seite 844 (sequence 10)
Language
German
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844 Decernat über Schulangelegenheiten sowohl int Oberpräsidium als auch in der straßburger Präfcctur (für das Departement Niederrhein) in der Hand durchaus unparteiischer und vorurtheilsloser Männer. Das Bestreben, die jüdische Bevölkerung des Reichslandes zu gewinnen, zeigt sich auch darin, daß die ofsiciclle „Straßburger Zeitung" derselben unausgesetzt ihre Aufmerksamkeit zuwendet, und zwar in durchaus freundlicher und wohlwollender Weise. Es vergeht selten eine Woche, ohne daß in diesem Blatte ein Artikel in der bezeichneten Richtung erschiene Sie, Herr Redacteur, mib Ihre gesch. Zeitung werden dabei den clsässer Juden als Muster der Vereinigung gut jüdischer und gut deutscher Gesinnung vorgeführt. Dabei ist der geist- und keutitnißreiche Redakteur der Straßburger Zeitung, I)r. Levis, keineswegs — wie die „Germania" und andere ultramontane Blätter sofort in bekannter Menschenfreundlichkeit behaupteten — ein Israelit, sondern gegentvärtig wie von Geburt und Abstammung Katholik. Es wäre rtun recht lebhaft zu wünschen, daß die freundliche Gesinnung der deutschen Regierung bei der israelitischen Bevölkerung des Landes auch entsprechendes Entgegenkommen fände; und es sind auch bereits die ersten Anzeichen dazu vorhanden. Es finden sich unter ihr vernünftige Leute, die schon die Vorzüge des deutschen Wesens und der deutschen Einrichtungen erkennen; viele drohen zwar laut, nach Frankreich wegzuziehen, aber bis jetzt sind erst sehr wenige dieser Ankündigung nachgekomnten, und jeder Tag längeren Bleibens wird für die übrigen zur neuen Fessel an die gewohnte Stätte werden. — Lassen Sie mich hinzufügen, daß dieser Tage Berthold Auerbach aus besondcrn Wunsch der Kaiserin in Straßburg weilte, um bei den neuen Einrichtungen, zumal in Bezug auf Universität und Schulen, seinen einsichtsvollen Rath zu ertheilen. Bonn, 2. Oktober. tPrivatmitth.) Ein Leitartikel der „Köln. Ztg." setzt voraus und gewiß mit vollem Rechte, daß die altkatholische Bewegung, welche jüngst in dem Eongreß zu München eine so glänzende Bethätigung erhalten hat, das Interesse der Gebildeten aller Eonfessionen in Anspruch nehme. Wir möchten diese Theilnahme noch weit über den Kreis der sg. Gebildeten ausgedehnt annehmen, und wollen um so mehr auch unsrerseits eine klare und bestimmte Ansicht über diesen bedeutungsvollen Vorgang aussprechen. Die Bewegung ist durchaus naturgemäß. Die in der katholischen Kirche herrschende Partei ist in den letzten Jahrzehnden so sehr bis in das weiteste Extrem gegangen uitd hat dieses durch den Syllabus tmd das Unfehlbarkeitsdogma so vollstäitdig erreicht, daß eine Eontreaction nicht ausbleiben konnte, wenn man nicht hätte an den 250 Millionen Katholiken verzweifeln müssen. Daß innerhalb derselben eilte Bewegung entstanden, um sich den Fesseln des Romanismus und Jesuitismus ^u entwinden, ist daher ebenso folgerichtig wie von Bedeutung. In diesem Augcitblicke handelt cs sich aber nunmehr, zu beloeiscn, daß die Bewegung auch sactische Folgen habe, und nach so vielen schriftlichen Protesten und Reden gilt es, Gemeinden zu schaffen, welche allmälig den gegenwärtigen Bischöfen die Spitze bieten. In diesem Falle kann man auch hoffen, daß die Bewegung über deit in München festgehaltenen Standpunct noch hinäusgchcn werde. Denn theoretisch ins Auge gefaßt, ist sie, nach den in München angenommenen Beschlüssen zu urtheilen, weder logisch und consequent, noch überhaupt eilte Reform, vielmehr möchte die Consequcuz auf Seiten der Gegner sein. 2n jenen Beschlüssen wird erklärt, daß man sowohl an der gesammten bisherigen Glaubenslehre der katholischen Kirche bis zum vatikanischen Concil, also einschließlich des Dogma von der unbefleckten Empfängniß ff., als auch an ihren gesainmtcn Eultusformen festhalten werde. Hiermit sind also die Hierarchie und das Priesterthum, die Ohrenbeichte und die Absolution durch den Priester, die Anbetung der Heiligen, der Bilder- und Reliquiendicnst, die Messe, die lateinische Sprache n. s. w. aufrecht erhalten. Man will weiter nichts als die Kircheugemeindeverfassung etlvas ändern uiib der Laienwelt in dieser einigen Antheil geben, und die Unfehlbarkeit verwerfend, den (freilich sehr unbestilnmten) Primat des Papstes anerkennen. In allem Diesem kann der Außenstehende keinen besonderen Fortschritt erkennen, und muß vielmehr sich dabei beruhigen, daß die Bewegung, und zwar durch die Feindseligkeit der Gegner, darüber hinaus gehen werde. Jetzt sind diese Beschlüsse schon mit sich selbst in Widerspruch gerathcn. Die Verständigung mit den Protestanten tvird als rin Ziel aufacftcüt. Wie sollte aber eine solche Verständigung auf der Basis der obigen Beschlüsse möglich sein? Als ein weiteres Ziel wird die Vertreibung der Jesuiten aus dem deutschen Reiche in Aussicht genommen.

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