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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-10-17 · Heft 42 (17.10.1871) · p. Seite 841

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 42 (17.10.1871)
Date
1871-10-17
Page
Seite 841 (sequence 7)
Language
German
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841 gar keine protestantischen Stimmen Liber diese großen Ereignisse ausgesprochen; nirgends wurde ein etwaiger Jubelrnf angestimmt oder die Opposition angeregt oder anfgehetzt. Um so interessanter ist eine vor Kurzem in einem franz. Journal und in deutscher Ucbcrsctzung erschienene Broschüre: „Der Fall eines Götzen. Ein Blatt ans der Geschichte der Gegenwart von Friedrich von Nougemont. (Basel, Georg, 1871.," Wir haben hier die Aeußcrnngen eines Pietist ische n Protestanten über die Unfehlbarkeit und den Fall der päpstlichen Herrschaft, und Jeder, wer den Beweis haben null, daß es im Grunde kein großer Unterschied ist, der in Charakter und Geist die Ultramontanen und Pietisten trennt, der kann ihn hier finden. Der Verfasser behauptet, daß die Katholiken Frankreichs den dortigen Protestanten eine Bartholomäusnacht haben bereiten wollen und daß sie nur durch die Schlacht bei Sedan davon zurückgehalten wären. Man hätte die französischen Protestanten des Einverständnisses mit den Preußen bczüchtigt und die Volkswuth gegen sie aufgestachelt. Die Beweise, die er für eine so brandmarkende Anschuldigung heranbringt, sind von der unzulänglichsten Art und beschränken sich auf Zeugnisse einiger Personen aus einzelnen Ortschaften, wo eine gewisse Aufregung stattgefnnden haben mag, die aber eine zusammenhängende Verabredung zu einer wirklichen Niedermetzelung in größeren Landstrichen oder gar in ganz Frankreich auch nicht im Entferntesten bekunden oder gar erhärten. Und warum sollte denn der deutsche Sieg bei Sedan eine Bartholomäusnacht in den fünf Sechsteln Frankreichs, die noch unbesetzt waren, verhindert haben? Man sieht hier den überall gleichen Charakterzug des Fanatismus: ihre Frömmigkeit hält diese teilte nicht ab, mit der größten Leichtigkeit die schreckenerregendste Anklage auf Millionen ihrer Brüder in Christo zu schlendern, wenn diese einem anderen Lager angehören — und da beklagen wir Juden uns noch! — Veit derselben Leichtigkeit, mit welcher ein solcher Pietist die Absichten der Gegner erkennt und sich zurecht legt, durchschaut er auch die Pläne und Rathschlüsse Gottes; er ist mit ihnen so vertrant, hat so viele Einsicht in den Willen und die Absichten der Gottheit, wie wohl kaum in seine eigenen. Dadurch ist er im Stande nachzuweisen, nicht allein was Gott „jeden Augenblick" (vgl. S. 64) für die Verwirklichung der pietistisch-proteslantischcn Hoffnungen und Anschauungen gcthan hat und thut, sondern auch thun werde, und zwar mit solcher Bestimmtheit, daß einen Zweifel daran zu hegen kaum möglich ist. So giebt denn auch der Verfasser „eine Erklärung der göttlichen Offenbarung auf die künftigen Ereignisse," nämlich auf die Zukunft deS Papstes, den er echt lutherisch für den Antichrist hält, und des Katholicismus. Er schließt dieses Capitel mit den Worten: „Also dringt die gute Botschaft von der Erlösung aus Gnaden durch den Glauben an Jesus Christus bis in die innerste Tiefe der Herzen, sie erfüllt dieselben mit himmlischem Lichte und erquickt sie mit göttlichem Tröste. Die Zukunft gehört dein Evangelium und nicht der letzten Oelung und den Seelenmessen, die oft nicht wenig theuer bezahlt werden." Wir glauben nicht, daß der Unterschied zwischen diesen Parteien der Welt einen ersprießlichen Nutzen bereitet. Denn was Vernunft und Logik betrifft, so gleichen sie sich aufs Haar. Man lese z. B. S. 3: „Aber wenn cs das größte Verbrechen des alten auserwählten Volkes war, den Sohn Gottes. am Kreuze sterben zu lassen, das größte Verbrechen des christlichen Israel ist cs, ein elendiges Menschenkind den Thron Gottes besteigen zu lassen." Wir fragen: wer da glaubt, daß Gott, eine der Persönlichkeiten der Dreieinigkeit ,,am Kreuze gestorben", warum soll der nicht auch glauben können, wenn es ihm alle Erz- und Bischöfe seiner Kirche versichern, daß Gott einem Menschen die unfehlbare Wahrheit cinflößt? Das letztere wäre doch für Gott viel leichter als sich selbst am Kreuze sterben zu lassen. Es frägt sich also, ob in der von Herrn v. Nougemont gewählten Antithese Vernunft und Logik nicht noch weit mehr auf Seiten des gläubigen Katholiken, als des pietistischcn Protestanten sich befinden; der Jude aber zuckt die Achseln über beide und kann sich nicht darein finden, daß der Geist des 19. Jahrhunderts solchen Aussprüchen noch immer nicht den Garaus gemacht und es diesen frommen Herren.Noch immer gestattet, das jüdische Volk eines „Verbrechens" zu zeihen, von dem cs überhaupt sehr ungewiß ist, daß die Juden daran schuld waren, und dessen Bedeutung, nach dem Sinne der Pietisten, die größte Wohlihat für die Welt gewesen wäre. Wie gesagt, die beiden Parteien sind beide gefährlich, in ihren: Fanatismus gleich schrecklich, und wäre der Fall der einen der Sieg der anderen, so hätte die Menschenwelt nur den Despoten gewechselt.

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