Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1871)
- Date
- 1871-10-17
- Page
- Seite 837 (sequence 3)
- Language
- German
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837 die Freimaurerei ergriff und von ihrer wahren Basis entfernte. Zweierlei brachte sie in das Freimaurerthum hinein. Schon um 17-10 war man, besonders in Frankreich, mit den drei ursprünglichen Johannisgraden (Lehrling, Gefell und Meisternicht mehr zufrieden, sondern erfand und führte mehrere andere Grade als Andreasgrade, Ritter im Osten, vom rothen Kreuze u. s. w. ein, die sich bis zu Graden aufthürmten, selbstverständlich auf jeder Abstufung mit besonderen Förmlichkeiten und Mysterien und der Verheißung einer höheren Aufklärung und Erkenntnis; mit jedem höheren Grade. So war eine neue Aristokratie geschaffen, die ebenso aus höhere Macht und Ansehen, als auf gesteigerte „Erleuchtung" Anspruch machte. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir meinen, daß nach der Natur der Menschen gerade alle diese Mummenschanzerei das Freimaurerthum durch eine verworrene Zeit hindurch bis zu einer solchen erhalten hat, wo es wieder zur Läuterung und Einfachheit zurückzuftreben vermag. Das andere Moment war die Wiedereinführung der Ausschließlichkeit, und zwar sowohl unter den verschiedenen Systemen, in welche sich das Freimaurerthum wieder gespalten hatte, als auch auf dem Grunde des Christenthums. Es war eigentlich sehr natürlich, daß, nachdem einmal das mysteriöse Spiel in das Freimaurerthum eingedrnngen und darin zur Hauptsache geworden, man auch bereitwillig auf Vorspiegelung und Betrug zu diesem Zwecke einging, sich auch eine Classe von Logen bildete, welche ihr Mysterium auf den Ursprung des Christenthums zurückführte und Jesus selbst für ihren Stifter ausgab. Dieser, so lautete die Ordensfabel, habe eine längere Zeit unter den Essäern zugcbracht und mit diesen die Maurerei entweder gegründet oder ausgebildet, dann den heil. Andreas in die Loge eingeführt und zu seinem Stellvertreter gemacht; von hier aus sei das Mysterium bis zu den Kreuzzügen weitergeführt worden und damals durch syrische Christen dem Orden der Teurpelherren übergeben und nach desien Untergang durch die auseinander gesprengten Kleriker des Ordens allmälig in die Außenwelt verpflanzt worden. Was dieses Mysterium enthalte, sollte stufenweise durch die Grade bis zu den „Höchsterleuchteten," dem höchsten Grade, an desien Spitze der Vicarius Salomo« nis, mitgctheilt werden. Die Freimaurerei war hiermit speeisifch christlich, und wurden auch christliche Symbole mit den freimaurerischen verschmolzen, wie „das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt," Krone, Schwert n. dgl. Kurz, wie es Findel S. 455 ff. ausführt, das Freimaurerthum ward aus diese Weise ein Abbild der katholischen Kirche, speciell des Jesuitenordens. Dieses System wird das schwedische genannt, weil eS in Schweden aus einigen auS Frankreich übertragenen Elementen unter dem Einflüsse deS Königs Gustav UI., der daraus politische Hülsömittel ziehen wollte, erfunden und durchgeführt wurde. Von da aus brachte 1766 ein Herr von Zinnendorf, ein sehr zweideutiger Mann, der früher wegen Casiendefectc von der Loge zu Berlin ausgeschlossen worden^ das schwedische System nach Berlin und gründete da „die große Landesloge von Deutschland." Wer die nähere Geschichte der Art, wie diese Loge gestiftet und wie ihr die Anerkennung von London und Stockholm verschafft wurde, bei Findel nachliest, erstaunt über die Anmaßung und die Hinterlist, mit welcher dabei verfahren wurde, und die also dem Wesen dieser Loge zu Grunde liegt. Auch hier neun, eigentlich zehn über einander gethürmte Grade, auch hier der vorgegebene Besitz eines uralten christlichen, von Jesus selbst her stammenden Mysteriums, welches einen bestimmt normirten Glauben zur Bedingung der Mitgliedschaft macht. Ueber die Beschassenheit dieses erdichteten Mysteriums giebt Findel in der von uns citirten Broschüre und zwar nach den gedruckten Aussagen eines ehemaligen Großmeisters der gedachten Loge näheren Aufschluß S. 15 ss. Hiernach soll Jesus eine esoterische Lehre für das Volk und eine esoterische für die Eingeweihten, zunächst die Apostel, gegeben haben. Denn neben seinen Reden an das Volk hielt er mit seinen Jüngern eine Johannisloge, in welcher er nach seinem Tode öfter erschien und weitere Ausschlüsse gab. In seiner Populär-' rede habe er sich den gangbaren Vorstellungen seiner Zeit aceommodirt, während er in der Loge als Philosoph und Lehrer einer reinen Naturreligion austrat, sich nie als einen eigentlichen Gott bezeichnet und die höheren Grade zu steigender Erleuchtung einsetzte. Dies ist der Kern des Systems der großen Landeöloge Berlin, welches, wie vorauszusetzen, sich als das allein wahre Freimaurerthum ausgiebt und eine große Zahl preußischer Logen beherrscht. Ebenso selbstverständlich ist eS, daß sich hieran Streit und Hader knüpfte, daß die verschiedenen Systeme sich bekämpften, daß die orthodoxen protestantischen Theologen, wie Hengstenberg, sich ebenso dagegen erklärten, wie die freier gesinnten Freimaurer^ daß mystische Streitschriften für die Berliner Landesloge, wie von Professor Redslob, rationelle gegen sie, wie zuletzt von Findel, erschienen. Mit Befriedigung ist 42»