Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1871)
- Date
- 1871-10-10
- Page
- Seite 833 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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833 Die Erde ist ein Mittelpunkt nach allen Beziehungen hin. Ihre Entfernung von der Sonne, ihr Umlauf, ihre Größe und Dichtigkeit, die Wärme und das Licht auf ihr, die Vertheilung derselben, Alles ist bei ihr im Mittel. So kann denn auch der Mensch keine andere Stellung beanspruchen. Er ist in allen seinen leiblichen wie geistigen Eigenschaften ein Mittelgeschöpf, er steht zwischen Wahrheit und Irrthmn in der Mitte, zwischen steter Veränderung und Dauerhaftigkeit, zwischen sinnlicher Wahrnehmung und geistiger Conception, zwischen Leidenschaft und Gleichgültigkeit, und alle Vorzüge, die bei ihm anzutresfen, haben auch ihren Gegensatz bei ihm und zwar in der Regel in weit höherem Grade. Und dann, bei der kurzen Dauer seines Lebens auf dieser Erde, bei der Spanne Zeit, die zwischen Wiege und Grab sich bei ihm ausdehut, und von welcher Kindheit und Greisenalter und der Schlaf, ach der oft so sehr ersehnte Schlummer so viele bedeutende Theile noch hinwegnehmen : wie kann er da beanspruchen, in den Besitz der unabänderlichen Wahrheit zu gelangen? Sie werden sagen, was ist das für eine große und andauernde Arbeit, die Frage zu stellen und nichts als die Frage? Sogar einfach ist dies nicht. Denn selbstverständlich haben von Beginn an sich stets Antworten und Lösungen an die Frage herangedrängt, und es kostet nun oft die Arbeit von Jahrhunderten, den höchsten Muth und die größten Anstrengungen, die Menschheit von diesen trügerischen Antworten wieder zu befreien und sie zur einfachen Fragestellung zurückzuführen. Uebrigens verstehe ich meinen Ausspruch nicht blos von den übersinnlichen Gegenständen, sondern auch von allen wesentlichen Fragen in den Wissenschaften, nämlich von allen Fragen nach dem Wesen jedes Dinges, jeder Erscheinung. An dieselbe. Mit dem Scharfblicke, den ich, verhrtes Fräulein, schon oft an Ihnen zu bewundern Gelegenheit gehabt, treffen Sie in Ihrem Briefe den eigentlichen Zwischenpunct genau. Sie stellen mir die Frage: wenn, wie ich behauptete, der Mensch nur bestimmt sei, die Fragen zu erkennen, nicht aber unumstößliche Lösung derselben zu finden, wie stehe es da mit den ewigen Wahrheiten der Religion, ganz besonders unserer Religion? Ich will Ihnen dies zu beantworten suchen, zuvor aber gestatten Sie mir noch ein prägnantes Beispiel für das, was ich meine, voranzustellen. Schon Theophrast, der Schüler des Aristoteles, hat ein Buch geschrieben über die Art und Weise, wie seine Vorgänger die Einwirkung der Sinne auf unseren Geist , so daß dieser zu Vorstellungen komme, und wiederum die Einwirkung des Willens auf den Körper, so daß dieser seine im Geiste gefaßten Entschließungen ausführe, erklärt haben. Was wären nun seitdem über die später ausgestellten und wieder verworfenen Erklärungen für Folianten zu füllen! Gegenwärtig hat man beobachtet, daß durch elektrische Strömung, die an gewissen Knotcnpuncten hervorgebracht wird, dasselbe Spiel der Muskeln bewirkt werde, wie durch den Willen vermittelst der motorischen Rerven. Hiermit ist eine Masse von Hypothesen aus der Welt geschafft und der Vorgang durch diese Analogie beleuchtet. Die Lösung aber, daß das Ganze ein elektrisches Spiel sei, würde ebenso zu bekämpfen sein, denn wo käme der Wille zu den elektrischen Batterien her? Und wo bleiben alle übrigen elektrischen Erscheinungen? Die eigentliche Frage nach dem Zusammenhänge des Geistes und des Körpers ist durchaus nicht gelöst und vereinfacht. Sie werden -aber hierbei leicht einsehen, daß es sich bei meiner ganzen Auseinandersetzung nur um die selbstständige Beantwortung der Fragen auf philosophischem und wissenschaftlichem Wege handelt, nicht aber um die Lehren der Religion. Diese geben uns Lösungen, nicht aber als das Product eines Einzelnen, welches er durch Voraussetzungen und Schlußfolgerungen gefunden und erwiesen habe, sondern als auö höherer Quelle in der Vorzeit den Menschen gegeben, die durch die Jahrhunderte von den aufeinanderfolgenden Geschlechtern bekannt und bethätigt worden sind und in ihnen religiös sittlich gewirkt und gebildet haben, welche daher gleichsam zur Logik und Thatsache der Gesammtheit geworden, auf die unsere Institutionen, unsere Sitten und LebenSgebräuche, unsere Anschauungen und Urtheile sich gegründet haben und die endlich dennoch mit den Gefühlen unseres Herzens in Ueberemstimmung und mit den Wahrnehmungen und Schlußfolgerungen unserer Vernunft nicht in Widerspruch stehen müssen. Sie sehen also, geehrtes Fräulein, daß die philosophische und wissenschaftliche Beantwortung einer Frage etwas ganz Anderes ist, als die Lehre der Religion, und daß wir von jener sagen können, eine unumstößliche und unzweifelhafte stehe nicht zu erwarten, ohne daß wir hiermit der Lehre der Religion ihre unermeßliche Bedeutung, ihre unentbehrliche Wirksamkeit irgendwie beschränkt haben; gerade im Gegentheil, je weniger die menschliche Vernunft aus sich selbst zur unwandelbaren Erkenntniß zu gelangen vermag, desto höheren Werth hat die Lehre der Religion durch ihre ganz eigenthümliche Stellung und Wirkung. Dies zeigt sich denn auch in der Wirklichkeit. Gerade die Hypothesenjäger, die Consequenzenmacher, welche aus einer neuen physikalischen Beobachtung sofort ein ganzes System aufbauen, diese und ihre oberflächlichen Rachtreter haben die Verwerfung der religiösen Lehren sogleich bei der Hand, während wahrhafte wissenschaftliche Eapacitäten, die noch lange prüfen und begränzen, wenn jene schon mit ihrem neuen System fertig sind, in der von mir gezeichneten Weise die beiden großen Heerlager des menschlichen Geistes unterscheiden, beiden ihr eigenthümliches Feld anweisen und bewahren. Die heilige Schrift beginnt mit der Schöpfung, indem sie die Ueberzcugung vom Dasein GotteS vorauSsetzt. Sie fängt nicht an: es giebt einen Gott, und dieser Gott schuf die Welt, sondern einfach: Gott schuf die Welt. Sie läßt sich auch später nicht auf eine Beweisführung für das Dasein GottcS ein. Höchstens werden