Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1871)
- Date
- 1871-10-10
- Page
- Seite 832 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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832 nöthigt ward, und er beschönigte hiermit vor sich selbst, wenn er bisweilen dennoch fühlte, daß er von seinen Studien zu viel abgezogen würde. Bald waren ihm die Tage, an welchen Clara keinen Unterricht nehmen konnte, höchst peinlich, sowohl wegen seines Antheils an dem Zustande seiner Schülerin, als auch weil er dadurch von ihr fern gehalten wurde, sehnliches mußte auch Clara empfinden, und bald machte es sich wie von selbst, daß sie diese.Zeitlücke durch Briefe auöfüllten, die Tag für Tag gewechselt wurden. Was Clara aufsiel, was sie dachte, legte sie ihrem Mentor vor, der dann nicht verfehlte, baldmöglichst und ausführlich genug zu antworten. Ties war eine neue interessante Thätigkeit, und Markus wußte es zu schätzen, daß er dadurch Gelegenheit hatte, seinen Stil zu bilden. Selbst für das, was dem Menschen am angenehmsten, suchte er auch einen Nützlichkeitsgrund auf. Dieser Briefwechsel mit Clara wurde unserem Markus das theuerste Besitztum, welches er sorgfältig bis zum Ende seines Lebens ausbewahrte. Auch nicht das kleinste Billet seiner Freundin fehlte darin, und er selbst hatte seine Zuschriften wörtlich copirt. Sie sind für die beiden Menschen, denen wir hier unsere Aufmerksamkeit und wohl auch unsere Steigung geschenkt, und für ihr Verhältnis; zu einander zu bezeichnend, als daß wir nicht einige derselben, wollten wir nicht eine empfindliche Lücke lasten, mittheilen sollten. Markus an Clara. Geehrtes Fräulein! Allerdings scheint nicht selten die göttliche Vorsehung mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen. Wir begegnen Menschen, denen sie zu einem Berufe, zu einer Wissenschaft und Kunst eine außergewöhnliche Begabung verliehen, und die sie dennoch in Stellungen gebracht, in welchen sie von ihrer Begabung keinen Gebrauch machen können. Und doch kann man diesen Menschen selbst keinen Vorwurf machen, man kann nicht sagen, daß sie durch Entschlossenheit und Energie sich hätten losmachen sollen, um einen Kreis zu erreichen, in welchem sie ihre schönen Talente hätten verwenden können. Denn oft kommen diese den Betreffenden selbst nur gering oder gar nicht zum Bewußtsein; oft sind die Schranken undurchdringlich; noch öfter sind es moralische Bande, welche an den einmal eingenommenen Standpunct fesseln und die gar nicht zerrissen werden dürfen. Man hat gut sagen, reiße Dich von Vater und Mutter los, laß Geschwister im Stich, oder gar Frau und Kinder, und strebe dem nach, was Gort Dir in die Seele gelegt! Ja, wenn uns die Geschichte lehrt, daß viele der einflußreichsten und wirksamsten Menschen wie durch ein Wunder in die Region versetzt wurden, in welcher sie so Großes geleistet; wenn viele Fürsten Mentschckosf, da sie noch Knaben waren, als Kuchenbäcker durch die Straßen irgend einer Hauptstadt liefen: so ist dies gerade ein Beweis, denn solche Wunder erfüllen sich nur an Wenigen. Ich verdenke es solchen Personen nicht, wenn sie Bitterkeit in ihren Gemüthern empfinden und sich über den Pfad nicht trösten können, den sie verfehlt haben, so wie über den, welchen sie wandeln. Aber betrüben würde es mich, wenn ich gewahren würde, daß man diese Frage in ihrer Allgemeinheit als Zweifel an der göttlichen Vorsehung enthaltend ansähe. Arbeitet doch auch die Natur mit einer großen Fülle von Keimen und Blüthen, von welchen nur eine geringe Zahl zu Früchten, noch weniger zu reifen, genießbaren oder gar vorzüglichen Früchten werden! Und was ist Wirksamkeit? Wer von uns kann dieselbe ermessen? Wer will in den meisten Fällen wissen, von wem der erste Gedanke eines großen Werkes ausgegangen? wer in die Seelen der geschichtlich berühmtesten Männer die Ideen geworfen, die sie für ihr Jahrhundert und noch viel weiter herrschend gemacht? Wie oft sind wir auch in der Beurteilung von Menschen der Täuschung unterworfen, und wir trauen ihnen Kräfte zu, die sie auch theilweise besitzen mögen, deren Verwerthunz aber wieder von ganz anderen Dingen, z. B. von einer eisernen Thatkraft abhängt, die ihnen mangeln könntd. Kurz, nach menschlichen Schablonen arbeitet die göttliche Vorsehung nicht, sie schlägt nicht gerade mit dem Hammer auf den Amboß, welcher der nächste ist, und das Gefäß, .in welches sie ihren besten Honig thut, ist nicht immer das, welches ausdrücklich dazu gemacht worden. Schließlich kommen wir darauf, daß unter allen Umständen jeder Mensch vorzugsweise auf seine eigene Entfaltung bedacht sein muß, denn nur dadurch wird er fähig, auch für Andere etwas zu leisten. An dieselbe. Sie sind, verehrtes Fräulein, mit meiner Antwort nicht zufrieden; Sie meinen, daß, außer einigen Erklärungen für Einzelfälle, ich nichts weiter gesagt hätte, als was man gewöhnlich hört: die Rathschläge Gottes sind unerklärlich für uns. Dies hieße aber wieder nichts Anderes, als sie sind für uns eben ohne Begriff, also gar nicht vorhanden. Hiermit bin ich nun nicht einverstanden, und ich will 3t;nen meine Ansicht offen und bündig darlegen, wobei ich mich freilich auf meine Jugend beruse, welche eine spätere Berichtigung ermöglicht. Ich glaube, die Bestimmung des Menschen aus dieser Erde ist nur: die Fragen aus- und festzustellen, sie so einfach und bestimmt wie möglich zu normiren — die Lösung, die unzweifelhafte Lösung, die keine andere Erklärung zu-, keinen Zweifel übrig- und die Möglichst emer Leugnung nicht bestehen läßt, ist uns nicht gegeben Rechts und links lehnen sich an die Fragestellung dw Beantwortungen, mannigfaltig, oft ganz entgegengesetzt; wir mögen für unsere Person diejenige festhatten, die sich unserem Verstände, unseren Gefühlen, unserer Bildungsgeschichte am meisten empfiehlt — die Jfatur einer allgemeinen Wahrheit, welcher Alle zustimmen, die, einmal erkannt, Niemanden wieder freiläßt, bat sie